Bühne Inklusion - Erfahrungsbericht
Inklusions-Check (Teil 1)
Der König der Löwen
als Relaxed Performance
Von Marc Lohse | Stage Vibe
Karte kaufen, hingehen, Platz suchen, zuschauen: Für viele Menschen ist ein Musicalbesuch genau das – eine unbeschwerte Auszeit vom Alltag. Für andere beginnt der Abend schon vor der Anreise mit unzähligen Fragen und Barrieren: Wo muss ich meine Karte kaufen und zeigen? Habe ich bei Problemen Ansprechpersonen? Wie komme ich die Treppe hinauf, wo ist die Toilette, wie bestelle ich ein Getränk? Und wie laut und grell wird die Show eigentlich?
In unserer Rubrik „Erfahrungsberichte“ schildern Menschen mit Einschränkungen, was sie bei Musicalbesuchen erlebt haben – im Guten wie im Schlechten. Diesmal erzählt eine Familie von einem Abend, der wunderbar verlief, und wir ordnen ein, warum ihre Erfahrungen nicht pauschal für jeden Besucher gelten.
„Ihr seid alle Wahnsinn! Wahnsinn, wie schön das alles war!“
Ein Musicalbesuch ist für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit, sondern mit Hürden, Ägsten und Fragen verbunden. Eine Familie aus Flensburg hat mit Kimi, einer Frau mit Down-Syndrom, in Hamburg eine Relaxed Performance von „Der König der Löwen“ erlebt. Im Januar folgt der Vergleich: dieselbe Kimi mit derselben Familie in einer regulären Vorstellung von „MJ – Das Michael Jackson Musical„.
Wie inklusiv sind Theater und ihre Vorführungen wirklich?
Familie Grell mit Kimi
Familie Grell kommt aus Flensburg und gewährt auf ihren Social-Media-Kanälen authentische Einblicke in ihr Familienleben. In ihrem Content dreht sich alles um ihren gemeinsamen Alltag, das Zusammenleben und persönliche Momente. Die Familie zeigt, wie ein erfülltes inklusives Miteinander aussieht und hilft gleichzeitig Berührungsängste abzubauen.
Für Familie Grell war der Besuch bei „Der König der Löwen“ in Hamburg der allererste Besuch in einem Musical überhaupt und damit ein echtes Highlight für die ganze Familie. Mit dabei war natürlich auch die erwachsene Tochter Kimi, die das Down-Syndrom hat.
Welche Unterstützung Kimi im Alltag braucht
Um zu verstehen, wie Kimi Reize und Umgebungen erlebt, muss man ihren Unterstützungsbedarf kennen. Die Familie beschreibt Kimis Einschränkungen und Bedürfnisse in Alltagssituationen wie folgt:
Bei Kimi ist es so, dass sie in manchen Situationen einfach ein bisschen Unterstützung braucht. Das fängt schon beim Einlass an: Sie wüsste beispielsweise nicht unbedingt, wo sie ihre Eintrittskarte vorzeigen muss oder wohin sie anschließend gehen soll. Auch bei Treppen benötigt sie Hilfe. Wenn sie zur Toilette möchte, braucht sie jemanden, der ihr den Weg zeigt oder sie begleitet. Ähnlich ist es beim Bestellen von Getränken – da wäre es hilfreich, wenn ihr jemand in Ruhe und verständlich erklärt, wo sie etwas bekommt.
Während der Vorstellung selbst ist das eigentlich weniger ein Problem. Manchmal versteht Kimi bestimmte Zusammenhänge oder Inhalte der Handlung nicht sofort. Dann erklären wir ihr das einfach, und schon kann sie der Geschichte besser folgen. Es sind also häufig gar nicht die großen Dinge, sondern die vielen kleinen Situationen, in denen ein bisschen Unterstützung und Rücksichtnahme den Unterschied machen.
Was ist eine Relaxed Performance?
Die Familie entschied sich bewusst für eine sogenannte Relaxed Performance. Das ist eine Vorstellung, die speziell darauf ausgerichtet ist, auch Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen und Bedürfnissen einen möglichst entspannten Musicalbesuch zu ermöglichen. Das Stück bleibt das Originalmusical, angepasst werden lediglich die Rahmenbedingungen.
Solche Vorstellungen sind bisher die absolute Ausnahme. Die erste Relaxed Performance von „Der König der Löwen“ im Stage Theater im Hafen fand im September 2025 statt, eine zweite war erst wieder für den 18. September 2026 angesetzt. Familie Grell wollte dieses Konzept gemeinsam vor Ort erleben.
Der Kontext:
Warum dieser Besuch nicht der Regelfall ist
Die Familie hat diesen Besuch nicht regulär selbst gebucht. Sebastian aus dem Management von Stage Entertainment (dem Veranstalter) wurde über ihre Social-Media-Kanäle auf sie aufmerksam. Er fand ihre Inhalte und das, was sie als Familie machen, toll und wollte sie persönlich kennenlernen. So kam die Einladung zustande. Im Vorfeld war dadurch, wie die Familie berichtet, eigentlich alles bestens organisiert. Selbst kümmern musste sie sich lediglich um die Anreise mit dem Auto.
Die Familie benennt die Konsequenz daraus selbst: Durch die persönliche Einladung sei sie besonders gut betreut worden. Wie einfach es für andere Familien ist, sich vorab über alle Angebote zu informieren und den Besuch selbst zu organisieren, könne sie deshalb nicht beurteilen.
Hier beginnt unsere Einordnung:
Es geht bei der Einladung natürlich nicht um echten guten Willen, sondern um pure Kalkulation. Wer auf Social Media Reichweite generiert und öffentlich sichtbar ist, wird gezielt hofiert, damit das Unternehmen im scheinbar „rechten Licht“ erscheint. Das ist keine inklusive Kultur, sondern PR-Kalkül. Menschen, die im Alltag mit echten Barrieren kämpfen, aber keine Plattform oder Reichweite besitzen, um für das Unternehmen Marketing zu betreiben, bekommen diese Einladungen und diese Sonderbehandlung niemals. Sie fallen durch jedes Raster der Veranstalter weil es keinen finanziellen Nutzen hat.
Das alles schmälert das Erlebnis der Familie Grell keineswegs. Sie hatte einen tollen Abend, auch wegen dieser Umstände. Diese perfekten Rahmenbedingungen entsprechen jedoch nicht dem normalen Erleben eines gewöhnlichen Besuchs bei „Der König der Löwen“. Ob es dort für die breite Öffentlichkeit wirklich durchgehend so inklusiv zugeht, zeigen diese PR-Aktionen mit Sicherheit nicht. Dazu braucht es Erfahrungsberichte von Menschen ohne Promi- oder Reichweiten-Bonus.
Der Weg durch den Abend
Die Anreise der Familie erfolgte mit dem Auto. Die Überfahrt mit der kostenlosen Shuttle-Fähre zum Theater im Hafen verlief völlig problemlos. (Anm. d. Red.: Die Shuttle-Überfahrt zu den Theatern ist der einfachste Weg. Auch wenn er wegen seiner Steigung für Menschen mit Gehbehinderung etwas beschwerlich sein könnte.)
Am Einlass, dort, wo Kimi im Alltag oft Orientierung braucht, war, nach Eindruck der Familie, alles gut organisiert. Vor Ort war an vieles gedacht: Es gab Getränke, einen zusätzlichen Ruhebereich und vor allem ausreichend Platz. Die Veranstaltung war so gestaltet, dass kein unnötiges Gedränge entstand und sich die Besucher frei und entspannt bewegen konnten. Die Familie hat sich dadurch von Anfang an sehr wohlgefühlt.
Das Personal erlebte sie am Einlass, bei der Gastronomie und im Theater als ausgesprochen freundlich, höflich und zuvorkommend. Die Mitarbeiter waren aufmerksam, behielten den Überblick und wussten, worauf es bei einer solchen Vorstellung ankommt. Die Familie fühlte sich jederzeit gut aufgehoben.
Auf Hürden ist sie während des gesamten Besuchs nicht ein einziges Mal gestoßen. Auch für Menschen im Rollstuhl oder mit einer Gehbehinderung waren die Wege nach ihrem Eindruck gut zugänglich. Ob beim Einlass, bei der Orientierung oder in den Pausen: Zu keinem Zeitpunkt hatte sie das Gefühl, dass sie etwas vermissen.
Die Show
Die Familie sah das Originalmusical, jedoch mit einigen Anpassungen: Die Lautstärke wurde reduziert, auf störende Licht- und Stroboskopeffekte wurde verzichtet, und alles, was Besucher erschrecken oder überfordern könnte, wurde entsprechend angepasst. Das Ziel war, Reizüberflutung möglichst zu vermeiden, ohne das Musicalerlebnis zu verlieren.
Nach Eindruck der Familie hat das hervorragend funktioniert. Weinende Kinder oder Besucher, die den Saal wegen Überforderung verlassen mussten, sind ihr nicht aufgefallen. Auch bei Kimi sah sie keine Anzeichen dafür, dass ihr die Vorstellung zu laut oder zu anstrengend gewesen wäre. Das Fazit der Familie: Mit vergleichsweise kleinen Anpassungen lässt sich sehr viel erreichen.
Auf die Frage, was verbessert werden könnte, hatte die Familie keine konkreten Vorschläge. Das heißt wohl, mit der richtigen Organisation kann ein Musicalbesuch vollkommen barrierefrei gestaltet werden.
Allerdings sagt die Familie auch, dass andere Besucher, die schon zehn oder zwanzig Musicals gesehen haben, das sicher besser beurteilen können.
Und jetzt redet Kimi!
Stage Vibe:
Was hat dir bei „Der König der Löwen“ am allerbesten gefallen?
Kimi:
„Am besten gefallen haben mir der Anfang, die Mitte und das Ende!“
Stage Vibe:
Wie hast du den Abend erlebt?
„Das war sehr schön und spannend!“
Stage Vibe:
Möchtest du den Schauspielerinnen und Schauspielern noch etwas sagen?
Kimi:
„Ihr seid alle Wahnsinn! Wahnsinn, wie schön das alles war!“
Wenn Kimi etwas besonders Schönes erlebt hat, zeigt sie ihre Dankbarkeit nach Aussage der Familie meist nicht mit vielen Worten, sondern mit einer herzlichen Umarmung und einem großen Dankeschön. Nicht selten fließen dabei ein paar Tränen, einfach weil sie in diesem Moment so glücklich ist. Das wäre auch ihre Botschaft an die Veranstalter: ein Dankeschön von Herzen, eine dicke Umarmung und vielleicht ein paar Freudentränen. Den Schauspielerinnen und Schauspielern würde sie am liebsten noch um den Hals fallen. So ist Kimi, sagt die Familie: ehrlich, herzlich und voller Emotionen.
Und genau das ist es, was Kimi so liebenswert und zu einem ganz besonderen Menschen macht.
Wer sich überzeugen will, sollte unbedingt diesen Kanälen folgen:
Im Januar der Vergleich
Dass Kimi wieder ins Musical gehen will, steht fest. Sie ist ein riesiger Fan von Nico Santos, und da dieser selbst ein großer Michael-Jackson-Fan ist, hat auch Kimi großes Interesse an Michael Jackson entwickelt. Bei „Der König der Löwen“ sah die Familie, dass direkt nebenan „MJ – Das Michael Jackson Musical“ im Stage Theater an der Elbe läuft. Das weckte sofort Kimis Neugierde, und die Familie erhielt vom selben Veranstalter direkt eine weitere Einladung.
Dieses Mal ist es eine reguläre Vorstellung – ohne die besonderen Bedingungen einer Relaxed Performance. Dort kann es deutlich voller werden, und die speziellen Anpassungen gibt es in dieser Form nicht. Die Familie wird voraussichtlich Anfang bis Mitte Januar dort sein. Sie möchte einfach erleben, wie Kimi mit einer regulären Vorstellung zurechtkommt, und ist selbst sehr gespannt. Anschließend wollen sie erneut berichten. Wir sind gespannt.
Das wird für uns der eigentlich interessante Teil dieser Geschichte. Denn ein Musicalbesuch mit und ohne Relaxed Performance ist für Menschen mit Einschränkungen nicht dasselbe. Wir werden beide Abende nebeneinanderlegen: den Einlass, die Wege, das Gedränge, die Lautstärke, die Effekte, das Personal.
Dabei bleibt eine kleine Einschränkung: Auch der Januar-Besuch ist eine Einladung. Der Vergleich zeigt also vor allem, was dieselbe Besucherin in einer Show mit und in einer Show ohne Anpassungen erlebt, nicht den ganz normalen Alltag eines Besuchers.
Fazit und Ausblick
Der Abend von Familie Grell zeigt, was kleine Anpassungen bewirken können: reduzierte Lautstärke, kein Stroboskop, ausreichend Platz, ein Ruhebereich und ein freundliches, aufmerksames Team. Für Kimi und ihre Familie war er ein tolles Beispiel dafür, wie Inklusion in der Praxis funktionieren kann.
Wie inklusiv ein Besuch bei „Der König der Löwen“ ohne Einladung und ohne Vorbereitung im Hintergrund wirklich ist, wissen wir damit noch nicht. Dazu brauchen wir weitere Erfahrungsberichte von Menschen, die diese Privilegien nicht haben.
Und uns bleibt nur, der ganzen Familie Grell noch viele solcher positiven Erfahrungen in vielen weiteren Musicals zu wünschen!
Wenn du einen Musicalbesuch mit Einschränkung erlebt hast, im Guten wie im Schlechten, melde dich bei uns.
Marc Lohse ist Gründer und Herausgeber von Stage Vibe, einem Online-Portal rund um Musicals und Shows. Er beschäftigt sich mit Künstlern, Produktionen und Hintergründen der Branche und bietet fundierte Einblicke in die Welt des Musiktheaters. Sein Ziel ist es, die Musicalwelt informativ und praxisnah abzubilden – für Fans, Einsteiger und alle, die sich professionell mit Bühne beschäftigen.
