Evita
Der Weg zur Broadway-Premiere

Die Entstehung von Evita

Von einer Radiosendung zum Broadway

Am 25. September 1979 öffnete sich am Broadway Theatre der Vorhang für eine junge amerikanische Schauspielerin, die bis dahin nur einem kleinen Theaterpublikum bekannt war. Patti LuPone stand als Eva Perón auf der Bühne, Mandy Patinkin war Che, Bob Gunton Juan Perón. Hinter ihnen lag ein ungewöhnlicher Weg: eine zufällig gehörte Radiosendung, ein Musical, das zunächst gar nicht entstehen sollte, ein Konzeptalbum, das vor der Bühne zum Hit wurde, eine Londoner Eva, die ihre Bühnenrolle ablehnte, hunderte Bewerberinnen, eine amerikanische Neubesetzung  und schließlich eine Hauptdarstellerin, die kurz vor dem Broadway selbst auf der Kippe stand.

Evita war also nicht einfach ein erfolgreiches Londoner Musical, das nach New York umzog. Bis zur Broadway-Premiere veränderte sich das Stück mehrfach. Und einige der Menschen, die später untrennbar mit ihm verbunden waren, kamen erst auf den letzten Metern dazu.

Eine Radiosendung, die alles veränderte

Eigentlich hatten Tim Rice und Andrew Lloyd Webber nach Jesus Christ Superstar einen ganz anderen Plan. Ihr nächstes Musical sollte sich um P. G. Wodehouses berühmten Butler Jeeves drehen.

Tim Rice hatte allerdings schon länger eine andere Idee im Kopf. Seit seiner Kindheit faszinierte ihn Eva Perón. Einen Teil dieser Faszination verdankte er argentinischen Briefmarken mit ihrem Bild. Viel wichtiger wurde jedoch ein Zufall im Jahr 1973: Rice war auf dem Weg zu einer Dinnerparty, als er im Radio die letzten Minuten einer Sendung über Eva Perón hörte.

Er wusste bis dahin selbst erstaunlich wenig über die Frau, die in Argentinien „Evita“ genannt wurde. Aber die Geschichte packte ihn sofort: ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen, das nach Buenos Aires ging, Schauspielerin wurde, Juan Perón kennenlernte und an der Seite des späteren Präsidenten zu einer der berühmtesten Frauen Argentiniens aufstieg. Dazu kamen Glamour, Macht, soziale Gegensätze und eine politische Figur, über deren tatsächliche Rolle und Bedeutung bis heute gestritten wird.

Rice begann zu recherchieren. 1974 reiste er sogar nach Argentinien. Währenddessen arbeitete er zunächst weiter an der Idee – allerdings ohne Lloyd Webber, der mit Jeeves beschäftigt war.

Und genau hier hätte Evita bereits scheitern können.

Lloyd Webber war nicht sofort davon überzeugt, dass Eva Perón der richtige Stoff für das nächste gemeinsame Musical war. Rice ließ die Idee trotzdem nicht fallen. Als Jeeves schließlich nicht den erhofften Erfolg brachte, war plötzlich wieder Zeit für ein neues Projekt. Lloyd Webber schlug nun selbst vor, es mit Eva Perón zu versuchen.

Damit war die entscheidende Hürde genommen.

Rice hatte den Stoff gefunden. Lloyd Webber war bereit, ihn musikalisch umzusetzen. Aber noch wusste niemand, ob aus der Geschichte tatsächlich ein Musical werden würde.

Erstmal wurde aus Evita gar kein Bühnenstück

Rice und Lloyd Webber hatten mit Jesus Christ Superstar bereits erlebt, dass man ein Musical nicht unbedingt zuerst auf die Bühne bringen musste. Warum also nicht wieder einen anderen Weg gehen?

Sie beschlossen, Evita zunächst als Konzeptalbum aufzunehmen.

Das war mehr als eine praktische Zwischenlösung. Ein Album konnte die Geschichte und die Musik einem Publikum zugänglich machen, ohne dass bereits ein Theater, ein Ensemble und eine komplette Inszenierung finanziert werden mussten. Wenn die Aufnahme funktionierte, konnte man danach immer noch über die Bühne nachdenken.

Während der Arbeit veränderte sich auch die Erzählperspektive. Ursprünglich hatte Rice darüber nachgedacht, die Geschichte aus der Sicht von Evas Friseur erzählen zu lassen. Dann stieß er auf die Verbindung zwischen Che Guevara und Argentinien und hatte eine bessere Idee: Che sollte als Erzähler und Beobachter durch die Geschichte führen.

Damit wurde aus der Biografie einer einzelnen Frau eine dramatische Begegnung zweier politischer Ikonen. Für die Aufnahme musste nun aber auch eine Eva gefunden werden.

Julie Covington - die erste Eva

Andrew Lloyd Webber kannte Julie Covington aus der britischen Theater- und Fernsehwelt. Unter anderem hatte er sie bei einem Cabaret-Auftritt gesehen; zugleich war sie durch Godspell und später Rock Follies bekannt.

Covington war keine klassische Musicaldiva, und gerade das machte sie für Evita interessant. Ihre Stimme hatte etwas Klares und Unmittelbares. Lloyd Webber schlug sie Rice für die Aufnahme vor. Covington übernahm die Rolle und wurde damit die erste Eva Perón überhaupt.

Als das Konzeptalbum 1976 aufgenommen wurde, war noch keineswegs klar, welche Dimension das Projekt bekommen würde. Doch dann passierte etwas, das Rice und Lloyd Webber aus ihrem vorherigen Musical bereits kannten: Die Musik begann ein Eigenleben zu entwickeln.

Im November 1976 erschien das Doppelalbum. Besonders „Don’t Cry for Me Argentina“, von Covington gesungen, wurde zum Hit und erreichte in Großbritannien Platz eins. Damit hatte Evita plötzlich etwas, was ein noch unaufgeführtes Musical normalerweise nicht besitzt: ein Publikum.

Und dieses Publikum hatte das Stück bereits gehört, bevor überhaupt jemand wusste, wie es auf einer Bühne aussehen würde.

Harold Prince hörte die Platte

Eine Kopie des Albums landete auch bei Harold Prince. Prince war zu diesem Zeitpunkt längst eine Größe des amerikanischen Musiktheaters. Er hatte unter anderem West Side Story und Cabaret produziert beziehungsweise inszeniert und wusste sehr genau, wie man ein Musical auf der Bühne erzählen konnte.

Seine Reaktion auf Evita fiel positiv aus. Sein berühmter Kommentar, ein Musical, das mit einer Beerdigung beginne, könne schließlich nicht schlecht sein, machte schnell die Runde.

Aber Prince hatte zunächst ein Problem: Er war nicht sofort verfügbar. Rice und Lloyd Webber beschlossen trotzdem, auf ihn zu warten.

Das erwies sich als entscheidend. Prince kam nicht als jemand dazu, der einfach eine fertige Musiknummer nach der anderen auf die Bühne stellen sollte. Er entwickelte eine klare Vorstellung davon, wie sich die Geschichte visuell und dramaturgisch erzählen ließ.

Währenddessen überarbeiteten Rice und Lloyd Webber das Material. Songs wurden gestrichen oder gekürzt, andere kamen hinzu. Die Bühnenfassung war also keineswegs einfach das Konzeptalbum mit Kostümen.

Prince verlangte unter anderem eine musikalische Szene, die den politischen Aufstieg Peróns sichtbar machen konnte. Daraus entstand „The Art of the Possible“.

Als Prince schließlich für die Proben bereitstand, war aus dem Album ein tatsächliches Bühnenprojekt geworden.

Nur eine entscheidende Frage war noch offen: Wer sollte Eva spielen?

Die Frau auf der Platte will nicht auf die Bühne

Die naheliegendste Antwort war Julie Covington. Schließlich hatte sie die Rolle bereits aufgenommen. Ihre Interpretation von „Don’t Cry for Me Argentina“ war ein Hit geworden. Rice und Lloyd Webber wollten sie deshalb auch für die Bühnenproduktion. Doch Covington wollte nicht.

Sie hatte schon bei der Idee, „Don’t Cry for Me Argentina“ als Single aus dem Zusammenhang des Musicals zu veröffentlichen, Bedenken gehabt. Sie wollte nicht, dass der Song für sich allein stand. Noch weniger reizte sie offenbar die Vorstellung, Eva Perón auf der Bühne zu verkörpern.

Später erklärte Covington, dass sie Eva Perón nicht mochte und deshalb Schwierigkeiten damit gehabt hätte, die Figur glaubwürdig zu spielen. Außerdem wollte sie sich nicht auf diese Rolle festlegen.

Für Rice und Lloyd Webber bedeutete das zunächst ein Problem. Sie hatten ihre Eva bereits gefunden und mussten nun wieder von vorne anfangen. Also begann eine große Suche.

Hunderte Frauen hatten für die Rolle vorgesungen. Eine davon war Elaine Paige.

Elaine kommt ins Spiel

Elaine Paige war damals noch nicht der Musicalstar, als den man sie später kennen würde. Sie hatte bereits jahrelange Bühnenerfahrung, war aber keineswegs die offensichtliche Wahl für eine der anspruchsvollsten Musicalrollen ihrer Zeit.

Ihr Weg zur Eva führte über mehrere Auditions. Paige erinnerte sich später daran, dass sie insgesamt achtmal vorsingen musste. Die letzte Runde fand über das Osterwochenende in Andrew Lloyd Webbers Haus in Belgravia statt. Dort sang sie für Lloyd Webber, Rice und Prince.

Und sie machte etwas, das bei dieser Rolle fast schon provokant wirkte: Sie sang nicht „Don’t Cry for Me Argentina“. Stattdessen sang sie „Yesterday“.

Nach der langen Reihe von Auditions war Paige inzwischen ziemlich überzeugt davon, dass man sie vermutlich noch ein weiteres Mal würde vorsingen lassen. Doch Tim Rice gab ihr nach diesem letzten Termin zu verstehen, dass sie sich keine Sorgen mehr machen müsse.

Wenige Tage später bekam sie die Rolle.

Damit war die Londoner Eva gefunden. Und aus der relativ unbekannten Elaine Paige wurde innerhalb kürzester Zeit eine der großen Musicaldarstellerinnen Großbritanniens.

London wird zum ersten großen Test

Am 21. Juni 1978 wurde Evita im Prince Edward Theatre uraufgeführt.

Harold Prince hatte für die Inszenierung keinen traditionellen Musicalabend geschaffen. Die Produktion war weitgehend durchkomponiert, es gab kaum gesprochene Dialoge. Statt einer realistischen Ausstattung entstand eine reduzierte Bühnenwelt: ein schwarzer, offener Raum, Stühle, Projektionen und die Darsteller selbst.

Auch die Besetzung war ungewöhnlich.

Neben Elaine Paige stand der Popstar David Essex als Che auf der Bühne. Joss Ackland spielte Juan Perón. Die Londoner Produktion wurde von Robert Stigwood produziert, in Zusammenarbeit mit David Land.

Das Publikum nahm Evita begeistert auf. Paige wurde zum Star, und das Musical wurde als Bestes Musical der damaligen SWET Awards ausgezeichnet.

Doch der Londoner Erfolg brachte ein neues Problem mit sich. Eva Perón war keine gewöhnliche Musicalrolle. Paige musste eine enorm anspruchsvolle Partitur bewältigen, die praktisch ohne längere Erholungsphasen auskam. Schon während der Londoner Laufzeit wurde eine zusätzliche Besetzungslösung für Eva eingerichtet.

Das war eine Erfahrung, die später für Amerika wichtig werden sollte. Denn nun stellte sich die nächste Frage:

Wie bringt man dieses Musical nach Amerika?

Amerika ist nicht London

In Großbritannien war Evita inzwischen ein Ereignis. In den USA sah die Situation anders aus.

Das Konzeptalbum hatte dort längst nicht dieselbe Wirkung entfaltet wie in Großbritannien. Das amerikanische Radio konnte mit dem ungewöhnlichen, durchkomponierten Material wenig anfangen. Für das amerikanische Publikum war Evita deshalb wesentlich weniger vertraut. Man konnte also nicht einfach darauf vertrauen, dass der Broadway das Londoner Publikum ersetzen würde.

Die amerikanische Produktion wurde von Robert Stigwood in Zusammenarbeit mit David Land auf den Weg gebracht. Doch statt sofort in New York zu eröffnen, entschied man sich für einen Zwischenschritt.

Zunächst sollte Evita in Los Angeles gezeigt werden, anschließend in San Francisco. Das war kein Urlaubstrip vor dem Broadway. Die amerikanische Produktion sollte sich vor Publikum bewähren. Und dafür brauchte man vor allem eines: eine amerikanische Company.

Die Suche nach einer neuen Eva

Eigentlich war geplant gewesen, dass Elaine Paige ihre Rolle auch in New York spielen würde. Doch daraus wurde nichts. Die amerikanische Actors‘ Equity Association erteilt keine Genehmigung dafür, dass eine britische Schauspielerin die amerikanische Produktion als Hauptdarstellerin anführte. Damit begann die Suche nach einer amerikanischen Eva.

Patti LuPone war zu diesem Zeitpunkt weit entfernt von dem Broadwaystar, als den man sie heute kennt. Sie hatte an der Juilliard School studiert und mit John Housemans Acting Company gearbeitet. Harold Prince kannte diese Schauspielergruppe. Seine Castingdirektorin Joanna Merlin hatte LuPone dort gesehen und wusste, dass sie eine starke Schauspielerin war.

LuPone selbst erinnert sich später daran, dass sie für Evita vorsang. Sie wusste allerdings zunächst nicht, welche Rolle Prince ihr zugedacht hatte. Sie kam aus einer Schauspielertradition, in der das Sprechen und Spielen im Vordergrund standen. Evita verlangte dagegen etwas völlig anderes: eine Hauptrolle, die nahezu durchgehend gesungen werden musste und deren Musik technisch enorm anspruchsvoll war.

Prince wollte trotzdem keine bereits etablierte Broadwaygröße. LuPone war für ihn interessant, weil sie als Schauspielerin etwas mitbrachte, das bei Evita besonders wichtig war: Sie musste eine Geschichte erzählen, in der die Figur kaum Gelegenheit für klassische Dialogszenen hatte. Eva konnte nicht einfach sprechen, was sie fühlte. LuPone musste es singen.

Auch die anderen waren nicht plötzlich da

Die amerikanische Besetzung bestand fast vollständig aus neuen Darstellern.

Mandy Patinkin war damals ebenfalls noch kein großer Name. Prince hatte ihn in The Acting Company beziehungsweise in der Broadwayproduktion The Shadow Box beziehungsweise King of Hearts wahrgenommen. Patinkin ging zunächst davon aus, dass er für Che vorsprechen sollte. Als ihm beim Vorsprechen jedoch Material für Perón gegeben wurde, war er überrascht.

Bob Gunton erlebte eine ähnlich unerwartete Wendung. Er wollte ursprünglich Che spielen und begann sogar, sich für das Vorsprechen einen Bart wachsen zu lassen. Die Castingdirektorin Joanna Merlin hatte ihn bereits aus einer anderen Broadwayproduktion gekannt. Als sich eine andere berufliche Möglichkeit für ihn erledigte, kam er für Evita ins Spiel und Prince sah ihn als Juan Perón.

So entstand nach und nach eine Company, die mit der Londoner Besetzung nur noch wenig gemeinsam hatte.

Neben LuPone, Patinkin und Gunton wurden Mark Syers als Magaldi und Jane Ohringer als Peróns Geliebte besetzt. Dazu kam ein großes Ensemble.

Und auch bei Eva ging man diesmal vorsichtiger vor.

Terri Klausner wurde als Alternate für LuPone verpflichtet. Die Erfahrungen mit Elaine Paige hatten gezeigt, dass man bei dieser Rolle nicht davon ausgehen konnte, dass eine einzige Darstellerin die enorme Belastung ohne Ausweichmöglichkeit bewältigen würde.

4 Wochen um aus dem Ensemble eine Produktion zu machen

Die amerikanische Truppe probte in New York etwa vier Wochen.

Harold Prince begann die Arbeit nicht damit, den Darstellern einfach ihre Positionen auf der Bühne zu zeigen. Er wollte, dass sie das historische Material verstanden. Gleich am ersten Probentag ließ er Dokumentaraufnahmen von Eva und Juan Perón zeigen.

Das war wichtig, weil Evita keine normale Biografie erzählen sollte. Die Darsteller mussten reale Menschen darstellen, deren Bilder bereits existierten und deren öffentliche Auftritte zum historischen Gedächtnis gehörten.

Auch Patti LuPone musste ihre Vorstellung davon entwickeln, wie diese Frau auf der Bühne funktionieren konnte.

Prince hatte dabei eine sehr konkrete Vorstellung von ihrer Stimme. Er wollte einen klaren, durchdringenden Klang, der sich auch gegen große Menschenmengen und die musikalische Wucht der Inszenierung behaupten konnte.

LuPone besaß genau diese Stimme. Aber zwischen dem, was Prince in ihr hörte, und dem, was LuPone während der Proben und Vorstellungen erlebte, lagen Welten.

Patti LuPone gerät unter Druck

Die Zusammenarbeit zwischen LuPone und Prince wurde schwierig.

LuPone berichtete später, dass Prince sie vor anderen Mitgliedern des Ensembles gedemütigt habe und sie sich von ihm nicht als gleichwertige Hauptdarstellerin behandelt gefühlt habe. Für sie wurde die Arbeit an Evita zu einer extrem belastenden Erfahrung.

Und die Probleme blieben nicht hinter den Kulissen.

Während des Los-Angeles-Laufs tauchten Gerüchte auf, LuPone werde entlassen und durch Elaine Paige ersetzt. Prince informierte die Company darüber, dass eine entsprechende Meldung erscheinen sollte, und stellte sich demonstrativ hinter seine Hauptdarstellerin.

Doch die Gerüchte hatten einen realen Kern. Robert Stigwood und David Land hatten tatsächlich darüber nachgedacht, LuPone auszutauschen. Sie wandten sich sogar an den Theaterkritiker Clive Barnes und fragten ihn nach möglichen Alternativen. Barnes riet ihnen jedoch, LuPone eine Chance zu geben.

Auch Prince hielt an ihr fest. Er war überzeugt, dass sie genau die Stimme besaß, die diese Eva brauchte. Damit blieb LuPone.

Aber sie musste noch beweisen, dass sie diese Rolle auch vor amerikanischem Publikum tragen konnte.

Los Angeles, San Francisco, New York

Am 8. Mai 1979 begann die amerikanische Produktion im Dorothy Chandler Pavilion in Los Angeles. Anschließend zog sie weiter nach San Francisco ins Orpheum Theatre. Diese beiden Stationen waren mehr als ein Vorspiel zum Broadway.

Hier musste die neue Besetzung funktionieren. Hier musste Patti LuPone zeigen, dass sie Eva Perón tragen konnte. Hier musste sich die neue amerikanische Besetzung gegen die Erinnerung an die Londoner Produktion behaupten. Und hier zeigte sich, ob Harold Princes Konzept auch unter amerikanischen Bedingungen funktionierte.

Die Produktion ging schließlich nach New York. Am 10. September begannen die Broadway-Previews im Broadway Theatre. Bis zur offiziellen Premiere war damit noch Zeit für die letzten Korrekturen.

Die Frau im Zentrum war nun nicht mehr Elaine Paige. Es war Patti LuPone. Neben ihr stand Mandy Patinkin als Che, Bob Gunton als Juan Perón, Mark Syers als Magaldi und Jane Ohringer als Peróns Geliebte. Terri Klausner stand als Alternate bereit.

Aus dem britischen Konzeptalbum war eine amerikanische Broadway-Produktion geworden.

Der Abend, auf den alles hinauslief

Am 25. September 1979 war es schließlich so weit: Patti LuPone betrat als Eva Perón die Bühne des Broadway Theatre.

Fast sechs Jahre waren vergangen, seit Tim Rice zufällig die letzten Minuten einer Radiosendung gehört hatte. Dazwischen lagen eine gescheiterte Idee namens Jeeves, eine Reise nach Argentinien, ein Konzeptalbum, ein Nummer-eins-Hit, die Suche nach Harold Prince, die Absage von Julie Covington, acht Auditions für Elaine Paige, ein Triumph im Londoner West End, die Suche nach einer amerikanischen Company, vier Wochen intensiver Proben und eine Hauptdarstellerin, deren Engagement beinahe wieder beendet worden wäre.

Jetzt stand genau diese Produktion auf der Broadway-Bühne.

Und sie wurde ein großer Erfolg.

Bei den Tony Awards 1980 gewann Evita sieben Auszeichnungen, darunter Bestes Musical, Bestes Buch und Beste Musik. Patti LuPone wurde als Beste Hauptdarstellerin in einem Musical ausgezeichnet, Mandy Patinkin als Bester Hauptdarsteller. Die Produktion lief bis 1983 und kam auf 1.567 Vorstellungen.

Der Broadway hatte damit nicht einfach ein erfolgreiches Londoner Musical übernommen. Er hatte aus einer Geschichte, die Jahre zuvor mit einer Radiosendung begonnen hatte, seine eigene Evita gemacht.

Was von dieser Entstehung blieb

Die Geschichte von Evita ist deshalb mehr als die Geschichte eines Hits. Sie zeigt, wie viele Entscheidungen zwischen einer Idee und einer Broadway-Premiere liegen.

Tim Rice musste Andrew Lloyd Webber erst für Eva Perón gewinnen. Lloyd Webber und Rice entschieden sich bewusst dafür, das Musical zunächst auf Platte zu veröffentlichen. Julie Covington, die Eva auf dieser Platte überhaupt erst hörbar gemacht hatte, wollte die Rolle anschließend nicht auf der Bühne spielen. Elaine Paige wurde nach einer langen Suche zur Londoner Eva. Harold Prince formte aus dem Album eine Bühnenproduktion.

Und als Evita nach Amerika kam, begann die Geschichte erneut: neue Darsteller, neue Proben, neue Probleme und eine neue Eva.

Patti LuPone war dabei nicht die erste Wahl, weil sie bereits ein Star gewesen wäre. Im Gegenteil: Gerade weil sie damals noch nicht zu den großen Broadwaynamen gehörte, konnte Prince sie nach seinen Vorstellungen formen.

Am Ende war es ausgerechnet diese Frau, deren Position während der amerikanischen Tryouts noch einmal ernsthaft infrage gestellt wurde, die Evita am Broadway ihr Gesicht gab.

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Geschichte dieses Musicals:

Bevor „Evita“ zum Broadway-Triumph wurde, musste es immer wieder neu erfunden werden.

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