West Side Story
Der Weg zum Broadway
Die Entstehung der
West Side Story
Von Romeo und Julia zu West Side Story
Es beginnt nicht mit Puerto Ricanern und weißen Jugendlichen auf der New Yorker West Side. Es beginnt mit einer anderen Stadtgegend, einem anderen Konflikt und einer Idee, die fast sechs Jahre lang liegen bleibt.
1949 hat Jerome Robbins einen Gedanken: Warum nicht Shakespeares „Romeo und Julia“ in die Gegenwart holen und daraus ein Musical machen? Die Liebenden sollen aus verfeindeten religiösen Gemeinschaften kommen, die Handlung auf der Lower East Side von New York spielen. Ostern und Pessach fallen zeitlich zusammen und aus dem Projekt soll zunächst folgerichtig eine „East Side Story“ werden.
Was daraus später entstehen wird, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand. Schon gar nicht, dass dieses Musical einmal zu einem der einflussreichsten Werke der amerikanischen Theatergeschichte gehören wird.
Denn zunächst ist überhaupt nicht klar, ob aus der Idee jemals ein Stück wird.
Eine Idee, die 6 Jahre warten muss
Jerome Robbins bringt seine Idee am 6. Januar 1949 zu Leonard Bernstein. Der junge Choreograf ist bereits eine bedeutende Figur des amerikanischen Balletts und Broadway-Musicals. Bernstein wiederum ist längst als Komponist und Dirigent etabliert.
Robbins denkt nicht an eine möglichst getreue Shakespeare-Adaption. Ihn interessiert der Kern der Geschichte: Zwei junge Menschen verlieben sich ineinander, obwohl ihre Familien und ihr Umfeld sie trennen.
Bernstein ist sofort interessiert.
Als Autor kommt Arthur Laurents ins Spiel. Robbins hält ihn für den richtigen Mann, um aus der Idee eine zeitgenössische Fassung von „Romeo und Julia“ zu machen. Laurents beginnt tatsächlich mit der Arbeit. Doch während er die Geschichte entwickelt, zeigt sich ein Problem: Die Konstellation aus jüdischen und katholischen Jugendlichen auf der Lower East Side wirkt nicht mehr so neu und aufregend, wie sie den Beteiligten zunächst erschienen war.
Und dann haben alle drei noch etwas gemeinsam: Sie sind beschäftigt. Sehr beschäftigt.
Robbins arbeitet an anderen Produktionen, Bernstein komponiert und dirigiert, Laurents schreibt. Das Projekt verschwindet deshalb nicht aus ihren Köpfen aber zunächst aus ihrem Terminkalender.
Die „East Side Story“ wird auf Eis gelegt. Sechs Jahre lang.
dann verändert sich die Welt - und das Musical
1955 treffen Bernstein und Laurents in Kalifornien wieder aufeinander. Die alte Idee kommt erneut auf den Tisch. Doch diesmal passt sie nicht mehr.
In den amerikanischen Zeitungen wird über Jugendbanden, Gewalt und Konflikte zwischen weißen Jugendlichen und jungen Menschen lateinamerikanischer Herkunft berichtet. Besonders die Spannungen zwischen mexikanisch-amerikanischen Jugendlichen in Los Angeles und Puerto Ricanern in New York beschäftigen die Öffentlichkeit.
Für Bernstein und Laurents öffnet sich damit eine neue Möglichkeit. Warum sollte die Geschichte von Romeo und Julia nicht von zwei Jugendbanden handeln? Die jüdisch-katholische Konstellation verschwindet. An ihre Stelle treten zwei Gruppen, die sich selbst als „Amerikaner“ verstehen und auf der anderen Seite junge Puerto Ricaner. Aus der „East Side Story“ wird die „West Side Story“.
Das ist der entscheidende Moment, in dem aus einer alten Idee ein neues Musical entsteht. Denn plötzlich geht es nicht mehr um einen religiösen Konflikt, den man in die Gegenwart übertragen hat. Es geht um Einwanderung, Zugehörigkeit, Vorurteile, Gewalt und die Frage, wem eine Stadt eigentlich gehört.
Arthur Laurents beginnt erneut mit dem Buch. Aus Romeo wird Tony, aus Julia Maria. Die Montagues und Capulets werden zu den Jets und Sharks. Und Jerome Robbins hat von Anfang an eine klare Vorstellung davon, wie dieses Musical funktionieren soll: Die Figuren sollen ihre Geschichte nicht nur erzählen. Sie sollen sie tanzen.
Ein Musical, das anders aussehen soll als andere
Für Robbins ist Tanz nicht Dekoration. Das ist entscheidend.
In vielen Musicals jener Zeit gibt es eine Geschichte, Dialoge, Songs und irgendwo darin auch Tanznummern. Robbins will das Verhältnis umdrehen. In seiner „West Side Story“ soll Bewegung Handlung sein. Die Körper der Jugendlichen sollen zeigen, wer sie sind, wo sie stehen und wie sie miteinander umgehen. Die Feindschaft der Jets und Sharks soll nicht erst erklärt werden. Man soll sie sehen. Schon der Prolog wird deshalb fast vollständig durch Bewegung erzählt.
Das stellt die Autoren vor eine ungewöhnliche Aufgabe. Arthur Laurents muss eine Geschichte schreiben, die genug Raum für Musik und Tanz lässt. Leonard Bernstein muss eine Partitur komponieren, die nicht nur Songs liefert, sondern die verschiedenen Welten der Figuren musikalisch voneinander unterscheidet.
Und noch fehlt ein wichtiger Teil des Teams. Bernstein hatte zunächst erwogen, die Texte selbst zu schreiben. Doch er arbeitet gleichzeitig an „Candide“, dirigiert und steht vor einer wichtigen neuen Aufgabe: Er wird bald Musikdirektor der New York Philharmonic.
Er braucht einen Texter. Laurents schlägt einen jungen Mann vor, dessen Namen in der Broadwaywelt zwar bekannt ist, der aber noch keinen großen eigenen Musicalerfolg vorzuweisen hat: Stephen Sondheim.
Stephen Sondheim will etwas anderes
Sondheim ist erst 25 Jahre alt. Er hat bei Oscar Hammerstein II gelernt und bereits Songs geschrieben. Was er aber eigentlich möchte, ist nicht nur Liedtexte für die Musik eines anderen Komponisten zu verfassen. Er will selbst Musicals schreiben – als Komponist und Texter. Deshalb zögert er. Warum sollte er ausgerechnet bei seinem ersten großen Broadwayprojekt nur die Lyrics übernehmen?
Hammerstein rät ihm trotzdem, die Gelegenheit anzunehmen. Mit Bernstein, Robbins und Laurents zu arbeiten, sei eine Erfahrung, die er nicht ausschlagen solle. Sondheim sagt zu. Damit ist das kreative Quartett komplett:
Jerome Robbins entwickelt das Konzept, führt Regie und choreografiert.
Arthur Laurents schreibt das Buch.
Leonard Bernstein komponiert die Musik.
Stephen Sondheim schreibt die Liedtexte.
Was ihnen jetzt noch fehlt, ist Geld. Und genau das wird zum nächsten Problem.
Niemand will das Musical finanzieren
Auf dem Papier ist „West Side Story“ ein schwieriges Projekt. Es gibt zwei Jugendbanden. Gewalt spielt eine zentrale Rolle. Die Geschichte endet nicht glücklich. Am Ende des ersten Aktes liegt bereits ein Toter auf der Bühne. Am Ende des zweiten folgt ein weiterer. Das ist nicht das, was Broadwayproduzenten Mitte der 1950er-Jahre unter einem sicheren Musicalhit verstehen.
Die großen Namen der Branche winken ab. George Abbott lehnt ab. Auch Rodgers und Hammerstein wollen das Risiko nicht übernehmen. Roger L. Stevens glaubt dagegen an das Projekt. Er wird zunächst einer der wichtigsten Unterstützer und versucht, die Finanzierung auf die Beine zu stellen. Schließlich steigt Cheryl Crawford als Produzentin ein. Jetzt scheint der Weg frei. Doch Crawford bekommt Zweifel.
Sie hält die Musik für stark, sieht aber Probleme im Buch. Sie schlägt Änderungen vor und befürchtet, dass das Material in seiner damaligen Form noch nicht bereit für die Proben ist. Arthur Laurents ist nicht bereit, das Buch grundlegend in die von ihr gewünschte Richtung zu verändern. Im Frühjahr 1957 zieht Crawford sich zurück.
Das passiert zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die Proben sollen bald beginnen. Das Musical hat bereits viel Arbeit verschlungen aber plötzlich steht es wieder ohne den Produzenten da, der es auf die Bühne bringen soll.
Dann kommt Harold Prince
Roger Stevens bleibt dem Projekt treu, kann die Produktion aber nicht allein als Managing Producer übernehmen.
Und jetzt kommt ein Mann ins Spiel, der zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht der legendäre Broadwayproduzent ist, als den man ihn später kennen wird: Harold Prince.
Prince ist mit Robert E. Griffith als Produzent tätig. Die beiden arbeiten gerade an „New Girl in Town“. Stephen Sondheim kennt Prince persönlich. Er bringt ihn dazu, sich das Projekt anzusehen. Prince hört sich gemeinsam mit Griffith die Musik an. Und plötzlich ist er überzeugt. Das ist ein bemerkenswerter Moment: Fast die gesamte Broadwaywelt hatte sich von diesem schwierigen Musical ferngehalten. Prince und Griffith entscheiden sich trotzdem dafür.
Sie übernehmen die Produktion – allerdings unter einer Bedingung: Zunächst müssen sie „New Girl in Town“ von den Voraufführungen nach New York bringen. Erst dann können sie sich vollständig „West Side Story“ widmen.
Der Weg zur Premiere wird damit noch einmal enger.
Jetzt braucht das Musical noch Darsteller
Und auch hier verfolgen Robbins und seine Kollegen einen anderen Weg als viele Broadwayproduktionen dieser Zeit. Sie wollen keine großen Stars. Sie brauchen junge Darsteller, die schauspielen, singen und tanzen können.
Das klingt heute selbstverständlich. Für „West Side Story“ ist es aber eine enorme Herausforderung.
Die Choreografie ist anspruchsvoll. Die Musik ist anspruchsvoll. Die Rollen sind körperlich belastend. Und die Darsteller müssen glaubwürdig als Jugendliche wirken, die in einer aggressiven Straßenwelt leben.
Die erhaltenen Audition-Notizen zeigen, wie intensiv gesucht wurde. Unter den Bewerbern finden sich auch spätere Stars. Warren Beatty spricht vor. Jerry Orbach ebenfalls. Und dann gibt es Bewerber, die zunächst für eine ganz andere Rolle vorsingen als jene, mit der sie später berühmt werden. Larry Kert ist ein gutes Beispiel. Er spricht zunächst für Bernardo und Riff vor. Bernstein notiert bei ihm sinngemäß: hervorragender Sänger und Performer, aber für Riff sehe er besser aus. Am Ende wird Kert Tony. Auch Carol Lawrence muss Robbins und Bernstein überzeugen. In Bernsteins Notizen wird ihre Stimme gelobt, zugleich merkt er an, dass sie als Maria mit Akzent realistischer wirke. Und dann ist da Chita Rivera. Sie wird Anita. Rivera bringt genau das mit, was Robbins sucht: Schauspiel, Gesang und Tanz. Sie ist keine dekorative Musicaldarstellerin. Sie kann eine Figur allein durch Bewegung erzählen. Die ursprüngliche Company wird schließlich überwiegend aus relativ unbekannten jungen Darstellern bestehen.
Und genau das ist Teil von Robbins‘ Konzept.
Die Zuschauer sollen nicht das Gefühl bekommen, bekannte Broadwaystars bei einer Nummer zu sehen. Sie sollen glauben, diese jungen Menschen gehörten tatsächlich zu dieser Welt.
Tony und Maria müssen zusammen funktionieren
Bei einer Romeo-und-Julia-Geschichte reicht es allerdings nicht, zwei gute Hauptdarsteller zu finden. Tony und Maria müssen als Paar funktionieren. Larry Kert und Carol Lawrence werden deshalb gemeinsam ausprobiert.
Eine der später überlieferten Geschichten aus den Auditions zeigt, wie ungewöhnlich Robbins dabei arbeitete: Lawrence wurde versteckt, während Kert „Maria“ sang und sie auf der Bühne suchte.
Die Chemie zwischen den beiden überzeugte. Und plötzlich hatte „West Side Story“ sein Zentrum. Tony und Maria mussten nicht nur gut singen. Das Publikum musste ihnen glauben, dass diese beiden jungen Menschen trotz allem, was um sie herum geschieht, tatsächlich an eine gemeinsame Zukunft glauben.
Das macht die spätere Tragödie erst möglich.
Dann beginnt die Arbeit
Die Proben sind ungewöhnlich lang. Acht Wochen stehen zur Verfügung. Deutlich mehr, als bei einer normalen Broadwayproduktion dieser Zeit üblich ist.
Robbins verlangt seinen Darstellern viel ab. Er arbeitet nicht einfach Schritt für Schritt eine Choreografie ein. Die Bewegungen entstehen aus den Figuren. Ein Blick, eine Körperhaltung, ein Schritt auf die andere Gruppe zu – alles soll etwas über die Jugendlichen erzählen.
Bernstein arbeitet gleichzeitig mit den Sängern und Musikern. Sondheim und Laurents feilen weiter an Text und Handlung.
Und das Musical ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig abgeschlossen. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist Tony. Larry Kert ist als Tony besetzt, aber das Musical braucht für ihn einen Song, der zeigt, dass er glaubt, dass nach seinem bisherigen Leben noch etwas auf ihn wartet.
Bernstein und Sondheim schreiben „Something’s Coming“. Damit bekommt Tony nicht einfach einen weiteren Song. Er bekommt seine Zukunft.
Ein Probelauf ohne Kulissen
Bevor das Ensemble überhaupt nach Washington reist, gibt es einen sogenannten „Gypsy Run-through“ in New York. Andere Broadwaydarsteller kommen, um die neue Produktion zu sehen.
Die Bühne ist noch nicht fertig. Carol Lawrence erinnert sich später daran, dass ihr Bett lediglich eine Klavierbank war und ihre Pistole ein Bleistift. Es gibt noch keine fertige Welt, in der die Geschichte spielt.
Nur das Ensemble, die Musik, der Text und die Choreografie. Und trotzdem funktioniert es. Die Reaktionen sind begeistert.
Für die Beteiligten ist das ein wichtiger Moment: Zum ersten Mal bekommen sie das Gefühl, dass diese ungewöhnliche Mischung aus Shakespeare, Jazz, klassischem Musical, Ballett, lateinamerikanischen Rhythmen und Straßenrealismus tatsächlich zusammenpasst.
Doch jetzt muss das Stück den entscheidenden Test bestehen. Ein richtiges Publikum.
Washington
Am 19. August 1957 beginnt „West Side Story“ seine Voraufführungen im National Theatre in Washington, D.C. Nach all den Jahren, in denen das Projekt immer wieder liegen geblieben war, steht es nun tatsächlich auf einer Bühne. Und die Reaktion ist besser als viele Beteiligte erwartet haben.
Arthur Laurents hatte selbst damit gerechnet, dass das Musical vielleicht nur wenige Monate laufen könnte. Doch während der Aufführung spürt die Company, dass etwas passiert. Jerome Robbins soll Laurents während der Vorstellung auf den Rücken geklopft und immer wieder darauf hingewiesen haben:
„They like it.“ (Sie mögen es.)
Die Geschichte, vor der Produzenten jahrelang zurückgeschreckt hatten, funktioniert. Die Jugendlichen. Die Gewalt. Die Tanzszenen. Die Liebesgeschichte. Und vor allem: Die einzelnen Teile scheinen tatsächlich ein Ganzes zu ergeben.
Philadelphia - der letzte Schritt
Nach Washington geht die Produktion nach Philadelphia. Dort wird nicht mehr grundsätzlich alles neu erfunden. Die wichtigsten Entscheidungen sind gefallen. Die Leute wissen, was sie tut. Doch ein wichtiger Schritt passiert noch.
Leonard Bernstein entscheidet, dass Stephen Sondheim nicht einfach als Mitautor der Texte neben ihm geführt werden soll. Bernstein hatte ursprünglich selbst überlegt, die Lyrics zu schreiben. Nun erkennt er, welchen Anteil Sondheim an der endgültigen Wirkung des Stücks hat. Sondheim bekommt deshalb die alleinige Textautorenschaft.
Für den 27-jährigen Texter ist das ein entscheidender Moment. „West Side Story“ ist sein erstes großes Broadwaymusical. Und niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, dass sein Name später selbst zu einem Synonym für amerikanisches Musiktheater werden wird.
26. September 1957
Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Am 26. September 1957 öffnet sich im Winter Garden Theatre in New York der Vorhang.
Larry Kert ist Tony.
Carol Lawrence ist Maria.
Chita Rivera ist Anita.
Ken LeRoy ist Bernardo.
Die Jets und Sharks sind keine Broadwaystars, die sich in eine ungewöhnliche Produktion verirrt haben. Sie sind eine junge Truppe, die über Monate hinweg darauf vorbereitet wurde, eine Geschichte zu erzählen, in der Schauspiel, Musik und Tanz nicht mehr voneinander zu trennen sind.
Und genau das ist vielleicht die wichtigste Entscheidung, die bei der Entstehung von „West Side Story“ getroffen wurde.
Jerome Robbins hatte 1949 mit der Idee begonnen, „Romeo und Julia“ in die Gegenwart zu holen.
Acht Jahre später steht kein modernes Shakespeare-Musical im klassischen Sinn auf der Bühne. Dort steht etwas völlig Neues.
Die Handlung wird durch Bewegung erzählt. Die Musik ist nicht bloß Begleitung. Die Songs treiben die Geschichte voran. Die Figuren werden durch ihre Sprache, ihre Musik und ihre Körper charakterisiert. Und die Geschichte endet nicht mit der Versöhnung zweier Familien. Sie endet mit dem Tod eines jungen Mannes.
Für ein Broadway-Musical des Jahres 1957 ist das radikal. „West Side Story“ wird trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, zu einem großen Erfolg. Die Produktion läuft zunächst 732 Vorstellungen und kehrt später noch einmal an den Broadway zurück.
Doch der eigentliche Erfolg liegt nicht allein in den Zahlen. Denn aus einer Idee, die 1949 beinahe vergessen worden wäre, ist ein Musical geworden, das den Broadway verändert.
Vom „East Side Story“-Entwurf zum Musical-Klassiker
Der vielleicht erstaunlichste Teil der Geschichte liegt deshalb ganz am Anfang. Als Jerome Robbins Leonard Bernstein am 6. Januar 1949 anruft, existieren weder Tony noch Maria, weder Jets noch Sharks. Es gibt nur eine Idee:
„Romeo und Julia“ – aber heute.
Diese Idee wird jahrelang liegen gelassen. Dann verändert sich die Gesellschaft. Die ursprüngliche Konfliktlinie wird verworfen. Arthur Laurents beginnt von vorne. Stephen Sondheim kommt hinzu, obwohl er eigentlich selbst komponieren möchte. Fast alle Produzenten lehnen das Stück ab. Cheryl Crawford steigt wieder aus. Harold Prince und Robert Griffith übernehmen, obwohl das Risiko enorm ist. Und dann wird auch noch der Cast so zusammengestellt, dass er nicht aus Stars besteht, sondern aus jungen Darstellern, die alles gleichzeitig können müssen.
Das Ergebnis ist ein Musical, bei dem praktisch jede Ebene miteinander verbunden ist:
Das Buch erzählt die Geschichte.
Bernsteins Musik gibt den Figuren ihre eigene Sprache.
Sondheims Texte machen aus den Gedanken der Figuren Songs.
Robbins‘ Choreografie erzählt, was die Jugendlichen nicht sagen können.
Genau deshalb musste „West Side Story“ überhaupt erst erfunden werden. Es war kein Musical, das bereits wusste, wie ein Broadwayhit aussehen musste. Es war ein Musical, bei dem seine Macher erst herausfinden mussten, ob Broadway für eine solche Geschichte überhaupt bereit war.
Am 26. September 1957 bekamen sie die Antwort.
Marc Lohse ist Gründer und Herausgeber von Stage Vibe, einem Online-Portal rund um Musicals und Shows. Er beschäftigt sich mit Künstlern, Produktionen und Hintergründen der Branche und bietet fundierte Einblicke in die Welt des Musiktheaters. Sein Ziel ist es, die Musicalwelt informativ und praxisnah abzubilden – für Fans, Einsteiger und alle, die sich professionell mit Bühne beschäftigen.
