Patti LuPone
Einleitung
Patti LuPone gehört zu den prägenden Darstellerinnen des amerikanischen Musiktheaters. Seit ihrem Broadway-Debüt 1973 hat sie Rollen in Musicals, Schauspiel, Oper und Konzertformaten miteinander verbunden und dabei eine Karriere aufgebaut, die weit über einzelne Broadway-Erfolge hinausreicht. Drei Tony Awards, zwei Olivier Awards und zwei Grammy Awards gehören zu den wichtigsten Auszeichnungen ihrer Laufbahn. Gleichzeitig ist LuPone eine jener Künstlerinnen, deren Bedeutung sich nicht allein über Preise erklären lässt: Ihre Interpretationen von Eva Perón in Evita, Rose in Gypsy und Joanne in Company sind eng mit der Aufführungsgeschichte dieser Werke verbunden.
Bemerkenswert ist dabei die Spannweite ihrer Arbeit. LuPone ist ebenso im klassischen Schauspiel und in der Oper aufgetreten wie in Film und Fernsehen. Sie hat Sondheim, Andrew Lloyd Webber, Leonard Bernstein und Cole Porter interpretiert, war Mitglied der von John Houseman gegründeten The Acting Company und hat sich über Jahrzehnte auch als Konzertkünstlerin etabliert. Noch im Jahr 2026 steht sie nicht nur für Rückblicke auf eine außergewöhnliche Broadway-Karriere, sondern für neue Bühnenprojekte und aktuelle Konzertarbeit.
Wer ist Patti LuPone?
Patti Ann LuPone wurde am 21. April 1949 in Northport auf Long Island, New York, geboren. Sie wuchs in einer italienischstämmigen Familie auf; ihr Vater Orlando Joseph LuPone arbeitete als Schuladministrator, ihre Mutter Angela Louise als Bibliothekarin. Ihr älterer Bruder Robert LuPone wurde ebenfalls Schauspieler und war später unter anderem als Zach in A Chorus Line am Broadway erfolgreich. Der Familienname verweist zudem auf eine außergewöhnliche Verbindung zur Operngeschichte: Patti wurde nach ihrer entfernten Verwandten Adelina Patti benannt, einer der berühmten Sopranistinnen des 19. Jahrhunderts.
Schon während ihrer Schulzeit beschäftigte sich LuPone intensiv mit Musik und Theater. Sie sang, spielte Instrumente und nahm Unterricht in Gesang, Tanz und Schauspiel. Nach dem Abschluss der Northport High School 1967 begann sie 1968 an der neu gegründeten Drama Division der Juilliard School. Sie gehörte zur ersten Abschlussklasse dieses Studiengangs, die 1972 ihr Studium beendete. Zu ihren Kommilitonen gehörten unter anderem Kevin Kline und David Ogden Stiers.
Aus dieser ersten Juilliard-Klasse entstand unmittelbar eine der wichtigen Grundlagen ihrer frühen Karriere. John Houseman und Margot Harley formten die Absolventen zur The Acting Company, einer professionellen Tournee- und Repertoiregesellschaft. LuPone gehörte zu den Gründungsmitgliedern und verbrachte mehrere Jahre mit der Gruppe auf Tournee. Diese Phase war für ihre Entwicklung als Schauspielerin besonders wichtig: Sie spielte nicht ausschließlich Musicalrollen, sondern arbeitete in einem Repertoire, das von Shakespeare und Molière bis zu amerikanischen Klassikern und zeitgenössischen Stücken reichte.
Ihr professionelles New Yorker Debüt gab LuPone 1972 in The School for Scandal. 1973 folgte mit The Three Sisters ihr Broadway-Debüt als Irina. Noch im selben Jahr war sie auch in The Beggar’s Opera am Broadway zu sehen. Damit war früh erkennbar, dass ihre Ausbildung nicht auf das klassische Musical begrenzt war: Schauspiel, Sprache und musikalische Interpretation blieben über ihre gesamte Laufbahn miteinander verbunden.
1975 erhielt sie für The Robber Bridegroom ihre erste Tony-Nominierung als Featured Actress in einem Musical. Nach ihrer Zeit bei The Acting Company arbeitete sie zunehmend in Musicalproduktionen und gleichzeitig im Schauspiel. Zu ihren frühen Arbeiten gehörten unter anderem The Baker’s Wife, The Water Engine und Working. Besonders wichtig wurde außerdem ihre Zusammenarbeit mit dem Dramatiker David Mamet, die sich über mehrere Jahrzehnte und verschiedene Stücke erstreckte.
Der entscheidende Karriereschritt kam 1979 mit Evita. In der ursprünglichen Broadway-Produktion übernahm LuPone die Titelrolle der Eva Perón. Die Rolle verband enorme musikalische Anforderungen mit einer stark stilisierten, politisch aufgeladenen Bühnenfigur. LuPone gewann dafür 1980 ihren ersten Tony Award als beste Hauptdarstellerin in einem Musical. Damit wurde aus der bereits etablierten Bühnendarstellerin endgültig eine der führenden Musicaldarstellerinnen ihrer Generation.
In den folgenden Jahrzehnten erweiterte sie ihr Repertoire konsequent. Sie spielte unter anderem Reno Sweeney in Anything Goes, Mrs. Lovett in Sweeney Todd, Maria Callas in Master Class und Norma Desmond in Sunset Boulevard. Zugleich entwickelte sich London zu einem zweiten wichtigen Arbeitsort. Für ihre Auftritte in Les Misérables und The Cradle Will Rock erhielt sie 1985 einen Olivier Award; später gewann sie einen weiteren Olivier für Joanne in Company.
Auch außerhalb des klassischen Musicalbetriebs blieb LuPone aktiv. Sie arbeitete an der New York City Ballet-Produktion von The Seven Deadly Sins, trat mit Orchestern und Opernhäusern auf und übernahm Rollen im Film und Fernsehen. Zu ihren Screen-Arbeiten gehören unter anderem Driving Miss Daisy, Witness, Parker, Last Christmas und Ari Asters Beau Is Afraid. Im Fernsehen war sie unter anderem in Life Goes On, Frasier, Glee, Girls, American Horror Story, Pose und Agatha All Along zu sehen. Für ihren Gastauftritt als Zora in Frasier erhielt sie 1998 eine Emmy-Nominierung.
2006 wurde LuPone in die American Theater Hall of Fame aufgenommen. Ihre Karriere hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die klassische Grenze zwischen Musicalstar, Schauspielerin und Konzertkünstlerin überschritten.
Wichtige Werke und Erfolge
EVITA: Die Rolle der Eva Perón in Andrew Lloyd Webbers und Tim Rices Evita war der große Durchbruch. LuPone spielte Eva in der ursprünglichen Broadway-Produktion ab 1979 und gewann 1980 dafür den Tony Award als beste Hauptdarstellerin in einem Musical. Die Produktion etablierte sie als Broadway-Star und machte ihre Interpretation der Eva zu einem wichtigen Bezugspunkt für spätere Darstellerinnen.
THE ROBBER BRIDEGROOM: Bereits vor Evita hatte LuPone mit The Robber Bridegroom Aufmerksamkeit erhalten. Für die Rolle der Rosamund Musgrove bekam sie 1976 ihre erste Tony-Nominierung. Die Produktion zeigt, dass ihre Anerkennung im Musicaltheater nicht erst mit Evita begann.
ANYTHING GOES: Als Reno Sweeney in der Broadway-Wiederaufnahme von Anything Goes von 1987 verband LuPone komödiantisches Spiel mit einer stark rhythmisch geprägten musikalischen Interpretation. Dafür erhielt sie 1988 eine Tony-Nominierung und den Drama Desk Award als Outstanding Actress in a Musical. Die Produktion gewann außerdem den Tony als Best Revival of a Musical.
LES MIRERABLES und THE CRADLE WILL ROCK: Auch ihre Londoner Arbeit wurde zu einem wichtigen Bestandteil ihrer internationalen Karriere. In Les Misérables spielte sie Fantine, in Marc Blitzsteins The Cradle Will Rock übernahm sie Moll. Für ihre Leistungen in beiden Produktionen erhielt sie 1985 den Olivier Award als beste Schauspielerin in einem Musical. LuPone war damit die erste amerikanische Künstlerin, die diesen Preis gewann.
GYPSY: Eine ihrer wichtigsten späteren Rollen war Rose in der Broadway-Wiederaufnahme von Gypsy 2008. Die Produktion unter der Regie von Arthur Laurents machte LuPone erneut zur Tony-Gewinnerin. Hinzu kamen der Drama Desk Award, der Drama League Award und der Outer Critics Circle Award. Die Rolle gilt als exemplarisch für LuPones Fähigkeit, eine Figur gleichzeitig mit großer musikalischer Kraft und psychologischer Härte zu gestalten.
SWEENEY TODD: Als Mrs. Lovett in der Broadway-Wiederaufnahme von Sweeney Todd 2005/06 arbeitete LuPone erneut mit einem Werk von Stephen Sondheim. Ihre Darstellung brachte ihr eine weitere Tony-Nominierung sowie Nominierungen bei Drama Desk und Outer Critics Circle ein. Später übernahm sie Mrs. Lovett auch in Konzertproduktionen und bei Festivals.
WAR PAINT: 2017 spielte LuPone in War Paint die Kosmetikunternehmerin Helena Rubinstein, während Christine Ebersole als Elizabeth Arden zu sehen war. Die Produktion stellte zwei ältere weibliche Bühnenfiguren ins Zentrum eines neuen Musicals und gab LuPone erneut die Möglichkeit, eine komplexe Persönlichkeit zwischen öffentlicher Fassade und persönlichem Ehrgeiz zu gestalten. Für ihre Leistung erhielt sie eine Tony- und eine Drama-Desk-Nominierung.
COMPANY: Marianne Elliotts Neuinterpretation von Stephen Sondheims Company machte aus Bobby/Bobbie eine weibliche Hauptfigur. LuPone spielte Joanne und erhielt dafür 2022 ihren dritten Tony Award – diesmal als Featured Actress in a Musical. Zusätzlich gewann sie den Drama Desk Award. Die Produktion selbst gewann unter anderem den Tony für die beste Wiederaufnahme eines Musicals.
Mit drei Tony Awards für Evita, Gypsy und Company gehört LuPone zu den mehrfach ausgezeichneten Hauptdarstellerinnen der Broadway-Geschichte. Insgesamt erhielt sie acht Tony-Nominierungen.
OPER und GRAMMY SWARDS: LuPones Karriere reicht auch in die Oper. Besonders hervorzuheben sind ihre Auftritte in Kurt Weills Rise and Fall of the City of Mahagonny und in The Ghosts of Versailles an der Los Angeles Opera sowie ihre Arbeit in Regina und To Hell and Back. Die Aufnahme von Rise and Fall of the City of Mahagonny gewann bei den Grammy Awards 2009 sowohl in der Kategorie Best Classical Album als auch als Best Opera Recording. Damit wurde LuPones Arbeit nicht nur im Musical-, sondern auch im klassischen Musikbereich ausgezeichnet.
Stil und Einfluss
Patti LuPones Besonderheit liegt weniger in einem einzelnen technischen Merkmal als in der Verbindung von Schauspiel und Gesang. Ihre Ausbildung als Schauspielerin und ihre frühe Arbeit im klassischen Repertoire bilden einen wichtigen Hintergrund für eine Musicaldarstellerin, die Figuren nicht ausschließlich über Gesang oder vokale Virtuosität entwickelt. Die musikalische Interpretation bleibt bei ihr eng an der dramatischen Situation orientiert.
Ihre Stimme besitzt eine markante, kraftvolle Präsenz, die besonders bei Rollen mit großer emotionaler und musikalischer Fallhöhe Wirkung entfaltet. Das zeigt sich bei Eva Perón ebenso wie bei Rose in Gypsy oder Joanne in Company. Gleichzeitig ist LuPone nicht auf den klassischen Broadway-Belt reduziert. Ihre Arbeit in Sondheim-Musicals, im Schauspiel und in der Oper zeigt eine größere stilistische Bandbreite. Gerade die Verbindung aus sprachlicher Präzision, musikalischer Autorität und einer ausgeprägten Bühnenpersönlichkeit macht einen wesentlichen Teil ihrer Wirkung aus.
Ein weiterer Aspekt ihrer Karriere ist die ungewöhnlich lange Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Formen des Musiktheaters. LuPone hat nicht nur Uraufführungen und Broadway-Produktionen geprägt, sondern auch Wiederaufnahmen, Konzertfassungen und Opernproduktionen. Dadurch existieren von ihr zahlreiche unterschiedliche Zugänge zu bekannten Werken. Sie gehört damit zu einer Generation von Darstellerinnen, die das amerikanische Musiktheater sowohl auf der Bühne als auch über Cast-Alben, Konzertprogramme und Bildschirmmedien geprägt haben.
Interessant ist außerdem ihre Fähigkeit, auch jenseits klassischer Musicalrollen sichtbar zu bleiben. The Roommate von Jen Silverman, in dem sie 2024 gemeinsam mit Mia Farrow am Broadway spielte, war ein Schauspiel und kein Musical. Im Zentrum standen zwei Frauen, die sich in einem späteren Lebensabschnitt mit Identität, Selbstbestimmung und Veränderung auseinandersetzen. Damit schloss die Produktion auch an eine Frage an, die für das zeitgenössische Theater zunehmend relevant ist: Welche großen Rollen entstehen für ältere Schauspielerinnen?
LuPones Einfluss zeigt sich deshalb nicht nur darin, welche Rollen sie gespielt hat, sondern auch darin, welche Art von Bühnenpersönlichkeit über Jahrzehnte tragfähig geblieben ist. Sie steht für ein Theater, in dem Alter nicht automatisch das Ende einer führenden Karriere bedeutet und in dem eine Darstellerin zwischen Musical, Schauspiel, Oper und Konzert wechseln kann, ohne auf ein einziges Genre reduziert zu werden.
Aktuelles und Relevanz
Patti LuPone ist auch 2026 weiterhin aktiv. Ein wichtiger aktueller Schwerpunkt ist ihr Konzertprogramm A Life in Notes. Die von Scott Wittman konzipierte und inszenierte Produktion mit Arrangements und musikalischer Leitung von Joseph Thalken verbindet Songs aus LuPones Karriere mit musikalischen Erinnerungen an verschiedene Lebensphasen. Nach früheren Aufführungen, unter anderem 2024 bei der Los Angeles Opera, eröffnet das Programm am 1. Oktober 2026 die 2026/27er Tisch Music Season des 92nd Street Y in New York.
Darüber hinaus kehrt LuPone im Herbst 2026 zur Los Angeles Opera zurück. In Leonard Bernsteins Candide übernimmt sie die Rolle der Old Lady. Die Produktion wird vom 21. November bis 13. Dezember 2026 im Dorothy Chandler Pavilion gespielt; Regie führt Francesca Zambello, am Pult steht Lina González-Granados. Candide bewegt sich dabei selbst zwischen Oper und Musical – ein Format, das gut zu LuPones langjähriger Arbeit an der Schnittstelle beider Genres passt.
Für Januar 2027 ist außerdem ein neues Bühnenprojekt angekündigt: LuPone wird Diana Vreeland in einer neuen Produktion von Full Gallop spielen. Das Ein-Personen-Stück von Mark Hampton und Mary Louise Wilson soll ab dem 8. Januar 2027 für zwölf Wochen im New York City Center, Stage II, laufen; die Premiere ist für den 17. Januar angesetzt. Regie führt Gordon Greenberg.
Auch ihre jüngere Bildschirmarbeit gehört zum aktuellen Bild ihrer Karriere. In Marvels Serie Agatha All Along übernahm LuPone die Rolle der Lilia Calderu. Die Serie startete 2024 bei Disney+ und brachte ihre Bühnenpräsenz einem Publikum nahe, das sie möglicherweise nicht primär über Broadway kennt. 2025 folgte zudem ein Auftritt als Gia in And Just Like That....
Die heutige Relevanz von Patti LuPone liegt damit in einer seltenen Kombination aus historischer Bedeutung und fortgesetzter künstlerischer Arbeit. Sie ist nicht lediglich eine Broadway-Darstellerin, deren große Rollen Jahrzehnte zurückliegen. Auch mit über sieben Jahrzehnten Lebensalter bewegt sie sich weiterhin zwischen Musical, Schauspiel, Oper, Konzert und Fernsehen. Ihre Karriere dokumentiert zugleich einen wesentlichen Teil der Entwicklung des modernen amerikanischen Musiktheaters – von den großen Broadway-Musicals der späten 1970er-Jahre über die Sondheim-geprägte Theaterlandschaft bis zu aktuellen Formen des genreübergreifenden Arbeitens.
Gerade für das Musicaltheater bleibt LuPone deshalb eine relevante Referenz: nicht nur als Interpretin von Evita, Gypsy und Company, sondern als Schauspielerin, die über mehr als fünf Jahrzehnte gezeigt hat, wie wandelbar eine Musicalkarriere sein kann.
Marc Lohse ist Gründer und Herausgeber von Stage Vibe, einem Online-Portal rund um Musicals und Shows. Er beschäftigt sich mit Künstlern, Produktionen und Hintergründen der Branche und bietet fundierte Einblicke in die Welt des Musiktheaters. Sein Ziel ist es, die Musicalwelt informativ und praxisnah abzubilden – für Fans, Einsteiger und alle, die sich professionell mit Bühne beschäftigen.
