A Chinese Honeymoon

Das Musical, das als erstes die 1000-Vorstellungen-Marke erreichte

Das Musical, das heute kaum noch jemand kennt

A Chinese Honeymoon gehört zu den erstaunlichsten Erfolgsgeschichten der frühen Musicalgeschichte. Heute ist das 1899 uraufgeführte Werk von George Dance und Howard Talbot selbst vielen Musicalinteressierten kaum noch bekannt. Anfang des 20. Jahrhunderts sah das jedoch völlig anders aus: Die britische Musical Comedy A Chinese Honeymoon entwickelte sich zu einem außergewöhnlichen Publikumserfolg und schrieb Theatergeschichte. Die Londoner Produktion erreichte 1.075 Vorstellungen und war damit die erste Musicalproduktion, die in London mehr als 1.000 aufeinanderfolgende Vorstellungen absolvierte. Der Erfolg war so groß, dass das Stück anschließend auch am Broadway und auf internationalen Tourneen gespielt wurde.

Gerade der Gegensatz zwischen damaliger Popularität und heutiger Vergessenheit macht A Chinese Honeymoon interessant. Das Musical war kein Zufallserfolg. Es traf sehr genau den Geschmack seines zeitgenössischen Publikums.

Entstehung und Uraufführung

A Chinese Honeymoon entstand am Ende des 19. Jahrhunderts in einer Phase, in der sich die britische Musical Comedy zu einer eigenständigen und äußerst erfolgreichen Form der Unterhaltung entwickelte.

Das Buch und die Liedtexte stammen von George Dance, die Musik wurde überwiegend von Howard Talbot komponiert. Für verschiedene Produktionen kamen weitere musikalische und textliche Beiträge hinzu.

Die Uraufführung fand am 16. Oktober 1899 im Theatre Royal in Hanley statt. Von dort aus wurde das Stück zunächst auf Tournee durch Großbritannien gespielt. Erst danach kam es nach London.

Der Londoner Erfolg begann am 5. Oktober 1901 im Royal Strand Theatre. Dort entwickelte sich A Chinese Honeymoon von einer erfolgreichen Musical Comedy zu einem außergewöhnlichen Langläufer.

Der Rekord: 1.075 Vorstellungen in London

Die Londoner Produktion lief bis zum 23. Mai 1904 und kam auf insgesamt 1.075 Vorstellungen. Damit war A Chinese Honeymoon die erste Musicalproduktion, die die Marke von 1.000 aufeinanderfolgenden Vorstellungen an einem Londoner Spielort überschritt.

Die 1.000. Vorstellung wurde am 18. März 1904 gefeiert.

Damit war A Chinese Honeymoon nicht das erste Musical, das weltweit 1.000-mal gespielt wurde. Der historische Rekord bezieht sich auf die außergewöhnlich lange ununterbrochene Laufzeit der Londoner Produktion.

Für die damalige Theaterwelt war diese Zahl enorm. Eine Musical Comedy, die über Jahre hinweg ihr Publikum hielt, konnte zu einem festen Bestandteil des Londoner Theaterlebens werden. Genau das geschah mit A Chinese Honeymoon.

Warum konnte ein Musical so erfolgreich werden?

Das interessanteste ist nicht einmal, dass A Chinese Honeymoon 1.075 Vorstellungen erreichte, sondern warum.

Aus heutiger Sicht wirkt es zunächst widersprüchlich: Wie kann ein Musical, das heute selbst unter Musicalfans weitgehend unbekannt ist, Anfang des 20. Jahrhunderts einen solchen Rekord aufstellen?

Die Antwort liegt vor allem darin, dass Erfolg und langfristige Bedeutung zwei völlig unterschiedliche Dinge sind.

Das Musical traf den Zeitgeschmack

Um 1900 war die britische Musical Comedy ausgesprochen populär. Das Publikum suchte keine komplizierte oder realistische Handlung, sondern Unterhaltung: eingängige Musik, Liebesgeschichten, Verwechslungen, komische Situationen, attraktive Darsteller, aufwendige Kostüme und spektakuläre Bühnenbilder.

A Chinese Honeymoon bot genau diese Mischung.

Die Handlung war so konstruiert, dass ständig neue Missverständnisse entstehen konnten. Liebesbeziehungen, Eifersucht, falsche Identitäten und das erfundene chinesische Gesetz, nach dem ein beim Küssen ertapptes Paar innerhalb kurzer Zeit heiraten musste, lieferten immer neue komische Situationen.

Das Stück musste sein Publikum also nicht mit einer besonders tiefgründigen Geschichte überzeugen. Es musste vor allem unterhalten – und genau dafür war es gebaut.

Exotik als Publikumsmagnet

Ein weiterer Erfolgsfaktor war die exotische Kulisse.

Die Handlung spielt im fiktiven Kaiserreich Ylang Ylang und arbeitet mit einem idealisierten und stark stereotypisierten Bild Chinas. Aus heutiger Perspektive ist dieser Umgang mit asiatischer Kultur problematisch und muss im historischen Kontext kritisch betrachtet werden.

Um 1900 gehörte eine solche „exotische“ Ausstattung jedoch zu den erfolgreichen Unterhaltungsmustern des britischen Theaters. Werke wie The Mikado, The Geisha und San Toy hatten bereits gezeigt, wie erfolgreich ein vermeintlich fernöstliches Ambiente mit Musik, Komödie, Kostümen und Bühnenspektakel verbunden werden konnte.

A Chinese Honeymoon knüpfte an diesen Publikumsgeschmack an.

Ein Musical mit vielen leicht verständlichen komischen Mechanismen

Die Geschichte von A Chinese Honeymoon funktioniert weniger über eine komplexe Dramaturgie als über eine Kette von Situationen.

Der Kaiser sucht eine Frau, die ihn nicht wegen seiner Stellung, sondern wegen seiner Person liebt. Ein englischer Seemann soll ihm eine solche Frau suchen, ohne seine wahre Identität preiszugeben. Gleichzeitig verlieben sich mehrere Figuren ineinander, andere sind eifersüchtig oder versuchen, eine Hochzeit zu verhindern.

Das Publikum wusste damit jederzeit, worum es ging. Gleichzeitig konnte die Handlung immer neue Verwicklungen produzieren.

Für eine kommerzielle Musicalproduktion war das ausgesprochen wirkungsvoll.

Musik, Stars und Ausstattung

Hinzu kam die Verbindung aus Musik und Bühnenspektakel.

Zu den bekannten Nummern des Musicals gehörten unter anderem „In Ylang-Ylang“, „Roly-Poly“, „A Paper Fan“ und „I Want to Be a Lidy“.

Die Produktion konnte außerdem mit bekannten oder aufstrebenden Darstellern besetzt werden. Im Laufe der langen Londoner Laufzeit wechselte die Besetzung mehrfach. Das war kein Problem, sondern ein Vorteil: Das Stück konnte weiterlaufen, während neue Darsteller Publikum anzogen.

Ein bemerkenswertes Beispiel ist Lily Elsie, die später als Star von The Merry Widow berühmt wurde. Sie spielte Soo Soo in der Londoner Produktion und gehörte damit zu einer Generation von Darstellerinnen, deren Karriere noch vor dem großen Durchbruch stand.

Auch die Ausstattung war ein wesentlicher Bestandteil des Erfolgs. Die Inszenierung setzte auf große Bühnenbilder, Kostüme und ein bewusst spektakuläres exotisches Ambiente. Das Publikum bekam damit nicht nur eine Geschichte und Musik geboten, sondern ein visuelles Ereignis. Ein Musicalbesuch bedeutete damals nicht nur, Musik zu hören oder eine Geschichte zu verfolgen: Die Zuschauer erwarteten auch visuelle Attraktionen.

„Mister Dooley" und The Wizard of Oz

Eine besonders interessante Verbindung zur späteren Musicalgeschichte ist der Song „Mister Dooley“. Die Nummer stammt aus A Chinese Honeymoon, wurde von Jean Schwartz komponiert und von William Jerome getextet.

Später wurde „Mister Dooley“ in The Wizard of Oz übernommen. In der ersten Spielzeit wurde die Nummer unter anderem mit John Slavin verbunden, der die Titelrolle spielte.

Damit besitzt A Chinese Honeymoon eine überraschende Verbindung zu einem Werk, das bis heute wesentlich bekannter ist.

Der Erfolg konnte sich selbst verstärken

Bei einer langen Theaterlaufzeit entsteht außerdem ein interessanter Effekt: Erfolg erzeugt weiteren Erfolg.

Eine Produktion, die sich über Monate hält, wird bekannter. Eine besonders interessante Verbindung zur späteren Musicalgeschichte ist der Song „Mister Dooley“. Die Nummer stammt aus A Chinese Honeymoon, wurde von Jean Schwartz komponiert und von William Jerome getextet.

Später wurde „Mister Dooley“ in The Wizard of Oz übernommen. In der ersten Spielzeit wurde die Nummer unter anderem mit John Slavin verbunden, der die Titelrolle spielte.

Damit besitzt A Chinese Honeymoon eine überraschende Verbindung zu einem Werk, das bis heute wesentlich bekannter ist.

Eine bekannte Produktion wird häufiger empfohlen. Wenn die Einnahmen stimmen, lohnt es sich, die Produktion weiterlaufen zu lassen. Darsteller können ausgetauscht werden, ohne dass das Stück selbst verschwindet.

A Chinese Honeymoon entwickelte auf diese Weise eine eigene Dynamik.

Je länger die Produktion lief, desto außergewöhnlicher wurde ihre Laufzeit. Als sich die 1.000. Vorstellung näherte, war die lange Spielzeit selbst zu einem Ereignis geworden.

Der Rekord war damit nicht nur das Ergebnis des Erfolgs – er wurde schließlich selbst Teil der Attraktion.

Vom Publikumserfolg zum internationalen Erfolg

Der Erfolg blieb nicht auf London beschränkt. A Chinese Honeymoon wurde anschließend auch international gespielt.

Bereits 1902 kam das Musical an den Broadway. Die New Yorker Produktion startete am 2. Juni 1902 im Casino Theatre und lief bis zum 25. April 1903 mit 364 Vorstellungen.

Eine weitere Broadway-Produktion folgte 1904 im Academy of Music und kam auf 31 Vorstellungen.

Darüber hinaus ging das Musical auf internationale Tourneen. Die Henry Dallas Musical Comedy Company brachte A Chinese Honeymoon unter anderem nach Ceylon, Indien, Singapur und Hongkong. Zeitgenössische Berichte sprechen von außergewöhnlich hohen Gewinnen; für die internationale Tournee wurde ein Gewinn von etwa 60.000 Pfund genannt.

Das zeigt, dass der Erfolg nicht ausschließlich ein Londoner Phänomen war.

Das Problem mit der „chinesischen" Welt von Ylang Ylang

Aus heutiger Perspektive muss die Darstellung des Stücks kritisch betrachtet werden.

Ylang Ylang ist kein reales chinesisches Kaiserreich. Die Autoren konstruierten eine Fantasiewelt aus vermeintlich chinesischen Namen, erfundenen Gesetzen, exotischen Kostümen und komischen Bräuchen.

Diese Form des Orientalismus war um 1900 ein verbreitetes Unterhaltungsmuster. Für das damalige Publikum konnte eine solche Darstellung als exotische und humorvolle Bühnenwelt funktionieren. Aus heutiger Sicht werden dagegen die Stereotype und die kulturelle Vereinfachung deutlich.

Hinzu kommt der koloniale Kontext der damaligen britischen Gesellschaft. Besonders interessant wird dieser Aspekt dadurch, dass das Musical später selbst in Regionen wie Singapur und Hongkong tourte.

Dabei sollte man allerdings unterscheiden: Die problematische kulturelle Darstellung erklärt einen Teil des historischen Kontexts, aber sie erklärt nicht allein den enormen Publikumserfolg. A Chinese Honeymoon war gleichzeitig eine sehr konsequent konstruierte kommerzielle Musical Comedy.

Zeitgenössische Reaktionen

Der große Publikumserfolg bedeutete nicht, dass alle Kritiker das Musical für künstlerisch herausragend hielten.

Zeitgenössische Rezensionen waren teilweise deutlich kritischer als die Besucherzahlen vermuten lassen. Einige Kritiker bemängelten insbesondere die Qualität einzelner Liedtexte und die teilweise sehr einfache Komik.

Das ist für die historische Einordnung wichtig. A Chinese Honeymoon wurde nicht deshalb zum Rekordhalter, weil es von der gesamten zeitgenössischen Kritik als Meisterwerk gefeiert wurde. Seine Stärke lag vielmehr in der Unterhaltungskraft und Publikumswirksamkeit.

Warum ist das Musical heute fast vergessen?

Dass A Chinese Honeymoon heute kaum noch bekannt ist, hat mehrere Gründe.

Zum einen war sein Erfolg stark an den Geschmack seiner Zeit gebunden. Die britische Musical Comedy um 1900 war eine bestimmte Form der Unterhaltung, deren Konventionen sich im Laufe des 20. Jahrhunderts veränderten.

Zum anderen hat sich die Darstellung Asiens grundlegend verändert. Die stereotypisierte exotische Welt von Ylang Ylang wirkt aus heutiger Perspektive nicht mehr unproblematisch und eignet sich deshalb nur schwer für eine unveränderte Wiederaufnahme.

Entscheidend ist außerdem, dass das Musical keine dauerhafte Bühneninstitution wie etwa The Mikado oder später My Fair Lady wurde. Es entwickelte keine vergleichbare Tradition von regelmäßigen Neuinszenierungen.

Auch die Musikgeschichte setzte andere Werke ins Zentrum. Howard Talbot ist heute vor allem Spezialisten bekannt, während die Namen George Dance und viele der damaligen Musical-Comedy-Darsteller weitgehend aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden sind.

Das Ergebnis ist ein bemerkenswertes historisches Paradox: Ein Musical kann zu seiner Zeit ein Massenphänomen sein und trotzdem langfristig aus dem kulturellen Gedächtnis verschwinden.

Rekord und historische Bedeutung

Die 1.075 Vorstellungen von A Chinese Honeymoon sind deshalb mehr als eine ungewöhnlich hohe Zahl.

Der Rekord zeigt, wie erfolgreich die britische Musical Comedy um 1900 bereits als kommerzielle Unterhaltungsform funktionierte. Eine Produktion konnte über Jahre laufen, Besetzungen austauschen, international vermarktet werden und dabei ein großes Publikum erreichen. A Chinese Honeymoon markiert damit einen wichtigen Moment in der Entwicklung des kommerziellen Musiktheaters.

Was heute als Fußnote der Musicalgeschichte erscheint, konnte für das Publikum von 1901 ein großes kulturelles Ereignis sein.

Fazit

A Chinese Honeymoon ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie unterschiedlich der Blick auf ein Musical ausfallen kann – je nachdem, ob man seine eigene Zeit oder seine heutige Rezeption betrachtet.

1899 noch eine neue britische Musical Comedy, entwickelte sich das Werk innerhalb weniger Jahre zu einem internationalen Publikumserfolg. Es kam an den Broadway, ging auf internationale Tournee und brachte seinen Autoren und Produzenten beträchtlichen kommerziellen Erfolg.

Heute ist davon nur wenig übrig geblieben. Gerade deshalb lohnt sich der Blick zurück: Musicalgeschichte besteht nicht nur aus den Werken, die bis heute gespielt werden, sondern auch aus den großen Publikumserfolgen, die irgendwann verschwanden.

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