La Cage aux Folles
EINLEITUNG
La Cage aux Folles gehört zu den bekanntesten Musicals, die Unterhaltung, große Showmomente und gesellschaftliche Themen miteinander verbinden. Jerry Herman und Harvey Fierstein machten aus Jean Poirets französischem Bühnenstück eine Musicalkomödie, die 1983 am Broadway Premiere feierte und dort zu einem großen Publikumserfolg wurde. Im Mittelpunkt stehen Georges und Albin, ein langjähriges schwules Paar und die ungewöhnliche Familie, die sie gemeinsam bilden. Zwischen Glamour, Drag-Show und Situationskomik erzählt das Musical zugleich von Liebe, Familie, Selbstbestimmung und der Frage, wie viel Anpassung man von einem Menschen verlangen darf.
ZUSAMMENFASSUNG
Georges betreibt gemeinsam mit seinem Lebensgefährten Albin den Nachtclub La Cage aux Folles im südfranzösischen Saint-Tropez. Albin tritt dort als Dragqueen Zaza auf und ist der Star des Hauses. Die beiden leben seit Jahren zusammen und haben eine enge familiäre Beziehung zu Jean-Michel, Georges‘ Sohn aus einer früheren Beziehung.
Als Jean-Michel seine Verlobte Anne heiraten möchte, entsteht jedoch ein Problem: Annes Eltern, Marie und Edouard Dindon, sind ausgesprochen konservativ und gesellschaftlich gegen alles eingestellt, was nicht ihrem traditionellen Weltbild entspricht. Jean-Michel fürchtet, dass sie die Beziehung ablehnen werden, wenn sie erfahren, dass er mit zwei Männern und insbesondere mit dem extravaganten Albin aufgewachsen ist.
Deshalb soll für das Treffen mit den Dindons alles möglichst „normal“ erscheinen. Albin soll seine Bühnenpersönlichkeit und seine extravagante Art verbergen. Doch ausgerechnet er wird schließlich gebeten, die Rolle von Jean-Michels Mutter zu übernehmen. Was als gut gemeinte Täuschung beginnt, entwickelt sich zu einem turbulenten Abend voller Missverständnisse. Gleichzeitig zeigt sich immer deutlicher, dass Jean-Michel Gefahr läuft, ausgerechnet jene Menschen zu verleugnen, die ihn großgezogen und geliebt haben.
HANDLUNG
! SPOILER-ALARM !
Ein Abend im La Cage
Die Geschichte beginnt im Nachtclub La Cage aux Folles in Saint-Tropez. Georges ist der Besitzer des Hauses und führt durch den Abend, während sein Partner Albin als Zaza gemeinsam mit den Cagelles auftritt. Das Ensemble der Dragkünstlerinnen prägt das farbenprächtige Erscheinungsbild des Clubs. Für Albin ist die Bühne nicht lediglich ein Arbeitsplatz: Zaza ist ein wichtiger Teil seiner Identität.
Hinter den Kulissen lebt das Paar seit vielen Jahren zusammen. Georges und Albin haben sich ein gemeinsames Leben aufgebaut, zu dem auch Jean-Michel gehört. Georges‘ Sohn ist inzwischen erwachsen und plant seine Hochzeit mit Anne Dindon.
Jean-Michels Problem
Jean-Michel weiß, dass Annes Eltern seine Familie wahrscheinlich nicht akzeptieren würden, wenn sie die Wahrheit über sein Zuhause erfahren. Vor allem Annes Vater Edouard Dindon vertritt konservative politische und gesellschaftliche Vorstellungen. Jean-Michel bittet Georges deshalb darum, den Eindruck einer möglichst traditionellen Familie zu vermitteln.
Für Albin ist diese Situation besonders verletzend. Schließlich ist er Jean-Michel emotional eng verbunden und hat ihn über Jahre wie ein Elternteil begleitet. Trotzdem ist er bereit, sich zurückzunehmen, damit die Hochzeit nicht gefährdet wird.
Die geplante Familieninszenierung
Georges versucht, für den Besuch der Dindons eine scheinbar bürgerliche Atmosphäre herzustellen. Albin soll dabei möglichst unsichtbar bleiben. Doch die Situation gerät zunehmend außer Kontrolle. Jean-Michel geht sogar so weit, Albin aus dem familiären Bild herauszuhalten, weil er befürchtet, dessen extravagante Persönlichkeit könnte die Dindons abschrecken.
Albin ist verletzt, akzeptiert die Situation zunächst aber. Georges versucht gleichzeitig, zwischen seinem Sohn und seinem Partner zu vermitteln. Dabei wird deutlich, dass es längst nicht mehr nur um die bevorstehende Hochzeit geht: Die Auseinandersetzung berührt die Frage, ob Jean-Michel seine eigene Herkunft akzeptieren kann.
Albin wird zur „Mutter“
Schließlich kommt es zu einer überraschenden Wendung. Die Dindons erwarten, Jean-Michels Mutter kennenzulernen. Damit die Täuschung funktioniert, übernimmt ausgerechnet Albin diese Rolle. Er verwandelt sich von Zaza in eine vermeintlich bürgerliche Mutter und versucht, den Erwartungen der konservativen Familie gerecht zu werden.
Zunächst scheint der Plan tatsächlich aufzugehen. Albin gelingt es, die Dindons zu beeindrucken. Für einen Moment scheint die scheinbar perfekte Familie hergestellt.
Doch die Inszenierung kann nicht dauerhaft funktionieren. Die Welt des Nachtclubs, Jean-Michels wirkliche Familie und die politischen Vorstellungen der Dindons prallen immer stärker aufeinander. Die Komödie gewinnt an Tempo, während die Beteiligten verzweifelt versuchen, die Wahrheit zu verbergen.
Die Wahrheit kommt ans Licht
Die Situation eskaliert schließlich, als Albin wieder zu seiner eigentlichen Persönlichkeit zurückkehrt. Die Dindons erkennen, dass die vermeintlich traditionelle Familiengeschichte eine Täuschung war. Edouard reagiert empört und droht, die Hochzeit seines Sohnes mit Anne zu verhindern.
Jean-Michel muss sich nun entscheiden: Will er seine Familie weiterhin verleugnen, um den Erwartungen anderer zu entsprechen, oder steht er zu Georges und Albin?
Liebe statt Anpassung
Georges erkennt, wie sehr Jean-Michels Verhalten Albin verletzt hat. Zugleich wird deutlich, dass Jean-Michel seine beiden Väter beziehungsweise seine beiden familiären Bezugspersonen nicht einfach aus seinem Leben streichen kann. Die emotionale Auseinandersetzung führt schließlich zu einer Versöhnung.
Die Dindons geraten unterdessen selbst in eine prekäre Lage. Durch die Ereignisse wird ihre vermeintliche moralische Überlegenheit zunehmend infrage gestellt. Am Ende finden Georges und Albin einen Weg, die Situation zu lösen. Die Dindons können den Club schließlich in einer spektakulären Verkleidung verlassen.
Jean-Michel und Anne erhalten ihre Chance auf eine gemeinsame Zukunft. Und Georges und Albin bleiben als Paar zusammen. Das Finale führt damit zurück zu dem Kern der Geschichte: Nicht die gesellschaftliche Fassade entscheidet darüber, was eine Familie ausmacht, sondern die Liebe und die Bereitschaft, füreinander einzustehen.
KREATIV-TEAM
Musik: Jerry Herman
Liedtexte: Jerry Herman
Buch: Harvey Fierstein
Regie: Arthur Laurents
Choreografie: Scott Salmon
Kostüme: Theoni V. Aldredge
Lichtdesign: Jules Fisher
Vorlage: Jean Poirets Bühnenstück La Cage aux Folles
Jerry Herman, der bereits mit Musicals wie Hello, Dolly! und Mame große Erfolge gefeiert hatte, schrieb für das Musical sowohl die Musik als auch die Liedtexte. Harvey Fierstein adaptierte Jean Poirets französisches Bühnenstück für die Musicalbühne. Regisseur Arthur Laurents und Choreograf Scott Salmon entwickelten daraus eine Broadway-Produktion, die klassische Musicalunterhaltung mit einer für die damalige Zeit ungewöhnlich offenen Darstellung eines schwulen Paares verband.
PREMIEREN
Die Weltpremiere von La Cage aux Folles fand am 21. August 1983 im Palace Theatre am Broadway in New York statt. Die Produktion wurde von Arthur Laurents inszeniert und lief insgesamt 1.761 Vorstellungen, bevor sie am 15. November 1987 endete. Bereits in der ersten Broadway-Produktion entwickelte sich das Musical zu einem großen Erfolg und gewann bei den Tony Awards 1984 sechs Auszeichnungen.
Die West-End-Premiere folgte am 7. Mai 1986 im London Palladium. Die Produktion übernahm wesentliche Teile des Broadway-Kreativteams. Im deutschsprachigen Raum wurde das Musical erstmals am 23. Oktober 1985 im Theater des Westens in Berlin gezeigt.
DARSTELLER
Die ursprüngliche Broadway-Besetzung wurde von Gene Barry als Georges und George Hearn als Albin angeführt. John Weiner spielte Jean-Michel, Leslie Stevens Anne, Elizabeth Parrish Jacqueline und William Thomas Jr. Jacob. Zu den weiteren Mitgliedern der Originalbesetzung gehörten Jay Garner als Edouard Dindon, Merle Louise als Mme. Dindon und Walter Charles als M. Renaud.
George Hearn wurde insbesondere durch seine Darstellung des Albin zu einer prägenden Besetzung des Musicals und gewann dafür 1984 den Tony Award als bester Hauptdarsteller in einem Musical. Spätere bedeutende Broadway-Besetzungen waren unter anderem Nathan Lane und Gary Beach in der Wiederaufnahme von 2004 sowie Douglas Hodge und Kelsey Grammer in der erfolgreichen Broadway-Revival-Produktion von 2010. Die Rolle des Albin wurde damit zu einer der bekanntesten Musicalrollen für einen männlichen Darsteller im Drag.
HISTORISCHER, KULTURELLER & THEMATISCHER KONTEXT
Die Wurzeln von La Cage aux Folles liegen in Jean Poirets gleichnamigem französischem Theaterstück, das 1973 in Paris uraufgeführt wurde. 1978 folgte die erfolgreiche französische Verfilmung La Cage aux Folles, die im deutschen Sprachraum unter dem Titel „Ein Käfig voller Narren“ bekannt wurde. Erst danach entstand die amerikanische Musicalfassung.
Das Musical kam 1983 in eine Zeit, in der die öffentliche Darstellung schwuler Lebensweisen in der amerikanischen Mainstream-Unterhaltung noch keineswegs selbstverständlich war. AIDS und die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Homosexualität prägten die 1980er-Jahre zusätzlich.
Bemerkenswert ist deshalb, dass La Cage aux Folles seine homosexuellen Hauptfiguren nicht als tragische Außenseiter darstellt. Georges und Albin sind ein Paar, das seit Jahren zusammenlebt, arbeitet, liebt und eine Familie bildet. Die Geschichte macht ihre Beziehung zum emotionalen Zentrum der Handlung.
Gleichzeitig arbeitet das Musical mit den Mitteln der klassischen Musicalkomödie: Drag, Verwechslungen, überzeichnete Figuren und große Shownummern treffen auf Themen wie Identität, Akzeptanz und familiäre Loyalität. Gerade diese Verbindung machte das Stück zu einem wichtigen Meilenstein des Musicaltheaters.
MUSIK
Die wichtigsten Songs
„We Are What We Are“ – eröffnet die Welt von La Cage und stellt Georges, Albin und die Cagelles vor.
„A Little More Mascara“ – eine glamouröse Nummer rund um Albins Bühnenpersönlichkeit.
„With Anne on My Arm“ – Jean-Michels Gedanken über seine bevorstehende Hochzeit.
„With You on My Arm“ – ein Liebesduett von Georges und Albin.
„Song on the Sand“ – eine intime, melancholische Nummer von Georges.
„La Cage aux Folles“ – die große Shownummer des Clubs.
„I Am What I Am“ – Albins emotionaler Höhepunkt und das bekannteste Lied des Musicals.
„Masculinity“ – eine humorvolle Auseinandersetzung mit traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit.
„Look Over There“ – Georges‘ emotionaler Versuch, Jean-Michel zur Einsicht zu bringen.
„The Best of Times“ – eine lebensbejahende Ensemble-Nummer zum Ende des Musicals.
Besonders „I Am What I Am“ entwickelte ein Eigenleben außerhalb des Musicals. Der Song wurde unter anderem von Gloria Gaynor und Shirley Bassey aufgenommen und avancierte zu einer weithin bekannten Hymne für Selbstbestimmung und Akzeptanz.
AUSZEICHNUNGEN / NOMINIERUNGEN
Bei den Tony Awards 1984 wurde La Cage aux Folles zum großen Gewinner des Abends. Das Musical erhielt sechs Auszeichnungen, darunter den Tony Award als Bestes Musical. Weitere Preise gingen an Harvey Fierstein für das Buch, Jerry Herman für Musik und Liedtexte, George Hearn als bester Hauptdarsteller, Arthur Laurents für die Regie und Theoni V. Aldredge für das Kostümdesign.
Zusätzlich erhielt die Produktion Tony-Nominierungen für Gene Barry als Hauptdarsteller, Scott Salmon für die Choreografie und Jules Fisher für das Lichtdesign. Auch bei den Drama Desk Awards war die Produktion erfolgreich und wurde unter anderem für Musik, Liedtexte, Buch, Kostüme und Darsteller ausgezeichnet beziehungsweise nominiert.
Die Wiederaufnahme von 2004 gewann 2005 den Tony Award als Best Revival of a Musical. Auch die Choreografie von Jerry Mitchell wurde ausgezeichnet.
TRIVIA / FUN FACTS
Der deutsche Titel der erfolgreichen Filmfassung lautet „Ein Käfig voller Narren“ – der Originaltitel La Cage aux Folles bedeutet sinngemäß „der Käfig der Verrückten“ bzw. „der Narren“.
„I Am What I Am“ wurde unabhängig vom Musical zu einem internationalen Hit und entwickelte sich zu einem wichtigen Song der LGBTQ+-Community.
Die ursprüngliche Broadway-Produktion brachte es auf 1.761 Vorstellungen.
Das Musical war 1984 ein direkter Konkurrent von Stephen Sondheims Sunday in the Park with George und setzte sich bei den Tony Awards unter anderem in den Kategorien Musical, Buch und Originalmusik durch.
Die Originalbesetzung wurde für das Broadway-Cast-Album aufgenommen; die Aufnahme enthält unter anderem „I Am What I Am“, „The Best of Times“ und das große Finale.
Die Geschichte wurde mehrfach verfilmt und adaptiert. Besonders bekannt ist neben der französischen Filmfassung von 1978 die amerikanische Komödie The Birdcage von 1996.
