Partyzone im Musical

Erlebnis der Zukunft oder Abschied vom Theaterformat?

Stage Entertainment hat gerade eine Entscheidung getroffen, über die die Musicalwelt noch lange reden wird. Für & Julia in Stuttgart gibt es ab sofort eine Party Zone. Stehbereich im Parkett, Stehtische, eigene Bar, Aperol Spritz, Sekt, Lillet. Optional als Drink-&-Party-Package buchbar. Ab 59,99 Euro, mit Paket ab 89,99 Euro. Stage Entertainment nennt es ein „besonderes Live-Erlebnis“, bei dem Musical und Party verschmelzen.

Klingt nach einer cleveren Idee?

Oder klingt es nach dem Anfang vom Ende?

& Julia ist kein Abend mit Taschentuch und Programmheft. Es ist Britney Spears, Katy Perry, Backstreet Boys… 90 Minuten Popgeschichte am Stück. Wer schon mal im Saal war, weiß: Die Leute singen mit, stehen halb auf, filmen heimlich. Die Party findet längst statt. Stage Entertainment macht sie jetzt nur offiziell. Und wenn das neue, jüngere Publikum durch eine Bar ins Theater findet und danach wiederkommt, für Hamilton, für Cabaret, für was auch immer als nächstes kommt, wäre das nicht ein Gewinn für alle?

Aber hier kommt das Problem

Der Theatersaal als Raum funktioniert durch eine implizite soziale Vereinbarung: Alle richten ihre Aufmerksamkeit gemeinsam auf die Bühne. Sobald im hinteren Bereich getrunken, geredet und gefeiert wird, verändert sich diese Atmosphäre, auch für jene, die in regulären Sitzplätzen davor sitzen. Lautstärke, Bewegung, der Geruch von Cocktails: Diese Elemente können sich kaum vollständig abschirmen lassen.

Es stellt sich auch eine grundsätzlichere Frage: Ist das noch Theater, oder ist es ein Event mit Theaterkulisse? Der Schritt zur Party Zone ist klein, aber symbolisch bedeutsam. Was folgt als Nächstes – VIP-Lounges mit Liveübertragung? Meet-and-Greet-Pausenauktionen?

Noch unbequemer wird es, wenn man weiterdenkt. Ist die Party Zone ein Experiment für & Julia oder ein Geschäftsmodell? Wenn es funktioniert, werden andere Produktionen folgen. Und dann? Gibt es irgendwann eine Premium-Lounge bei Les Misérables? Eine Cocktailbar bei Phantom of the Opera? Das klingt absurd aber vor fünf Jahren hätte auch niemand geglaubt, dass im Parkett eines Musicaltheaters Stehtische stehen würden.

Stage Entertainment hat mit der Party Zone eine Wette abgeschlossen. Sie wetten darauf, dass das Publikum von morgen einen Musicalsaal anders definiert als das Publikum von gestern. Haben sie recht oder verspielen sie gerade das, was Theater von allem anderen unterscheidet?

Das Musicalformat hat in Deutschland ohnehin mit dem Ruf zu kämpfen, mehr Unterhaltungsindustrie als Kunstform zu sein. Konzepte wie dieses könnten dieses Bild zementieren.

Ich bin auf eure Kommentare gespannt!

Die Debatte läuft brereits – auf Facebook in der Stage Crew. Wo stehst du?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert