Alida Will

 „Ich muss auch gestehen, dass ich die Novelle vorher gar nicht kannte.“

Von Marc Lohse / 10.07.26.

STAGE VIBE

Alida Will gehört zu den jungen Musicaldarstellerinnen, bei denen man neugierig neobachtet, wohin die Reise noch führt. Mit ihrer vielseitigen Ausbildung und bereits spannenden Bühnenrollen hat sie schon gezeigt, dass sie nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch unterschiedliche Facetten mitbringt. 

2026 ist Alida Will Teil des Ensembles von „Der Schimmelreiter“ in Fulda. In der aufwendigen Neuinszenierung steht sie unter anderem als Magd Ann Grete auf der Bühne und übernimmt als Cover auch die Rolle der Elke Volkerts. Damit gehört sie zu den Darstellerinnen, die eine Produktion nicht nur in einer festgelegten Rolle erleben, sondern zugleich die Verantwortung eines Covers tragen – eine spannende Perspektive.

Wir haben mit Alida Will über ihre Arbeit an „Der Schimmelreiter“, ihre Rolle(n), die Herausforderungen einer solchen Produktion und ihre persönlichen Erwartungen auf und hinter der Bühne gesprochen. Dabei erzählt sie von ihrem Blick auf die Figuren, ihrer Arbeit mit dem Ensemble und davon, was es bedeutet, Teil einer großen Musicalproduktion zu sein.

(Das Gespräch entstand kurz nach der Premiere von „Der Schimmelreiter“. Auch wenn die Spielzeit inzwischen ihrem Ende entgegengeht, möchten wir euch dieses persönliche Gespräch mit einer bemerkenswerten jungen Darstellerin nicht vorenthalten.)

STAGE VIBE

Alida, danke, dass du dir für dieses Gespräch Zeit nehmen konntest.

Der Schimmelreiter ist ein sehr düsterer Stoff. Was hat dich an der Rolle der Elke Volkerts so angesprochen, dass du sie coverst?

ALIDA

Das interessante bei diesem Audition-Prozess war ja, dass erst 1 Tag vor meiner Audition überhaupt veröffentlicht wurde, dass spotlight musicals den Schimmelreiter auf die Bühne bringen wird. Das heißt, ich wusste zum Zeitpunkt meiner Bewerbung noch gar nicht, dass ich für Elke eingeladen bin. Ich hatte nur eine ungefähre Beschreibung des Charakters. Ich muss auch gestehen, dass ich die Novelle vorher gar nicht kannte. Aber als ich mich dann mit der Geschichte befasst habe, fand ich sie total interessant und auch Elke sehr spannend.

STAGE VIBE

Jede Darstellerin bringt ihre eigene Persönlichkeit in eine Rolle ein. Was ist für dich der Kern von Elke Volkerts?

ALIDA

Sie ist für mich nicht die typische „liebliche Frauenfigur“ im Musical, weil sie mit vielen unglücklichen Umständen kämpft: Verlust, Verzicht und Einsamkeit. Und das finde ich sehr spannend herauszuarbeiten. Ich finde, dass sie auf den ersten Blick und vor allem am Anfang des Stückes eine positive Person ist, die das Beste auch für andere will. Aber auf den zweiten Blick ist sie nicht die sympathietragende Rolle, da sie verständlicherweise überfordert ist mit den Herausforderungen die ihr das Leben stellt und manchmal Fragen stellt die andere vielleicht nicht hören wollen oder auf die es keine klare Antwort gibt.

STAGE VIBE

Hast du im Probenprozess eng mit der Erstbesetzung (Pamina Lenn) zusammengearbeitet, um eine gemeinsame Basis für Elke zu schaffen, oder ging jede von euch ganz bewusst ihren eigenen, individuellen Weg für die Rolle?

ALIDA

Dadurch, dass ich ja auch meinen Ensemble-Track (Ann Grete) erst einmal finden und anlegen musste, war mein Fokus natürlich nicht von Tag 1 auf Elke. Ich saß aber, wenn ich nicht parallel etwas anderes geprobt habe, in den Proben dabei und habe mir angeschaut und aufgeschrieben was gemeinsam mit dem Regisseur entwickelt wurde. Also wir haben uns nicht „abgesprochen“ wie und was für uns die Rolle ist, aber ich würde auch nicht sagen, dass ich total bewusst versucht habe, etwas eigenes zu kreieren. Ich bin generell immer ein Fan davon, selbst erstmal zu gucken wie ich die Rolle sehe und eigene Farben reinzubringen. Aber das passiert auch eher automatisch, würde ich sagen. Denn in unserem Job geht es für mich nicht ums „kopieren“, sondern ums Geschichten erzählen. Und das kann auf verschiedenste Arten geschehen. (Solange natürlich Absprachen eingehalten werden – gerade mit Bühnen-Partnern).

STAGE VIBE

Gibt es im Schimmelreiter einen bestimmten Moment oder Song auf den du dich besonders freust? Und warum?

ALIDA

Ui, das ist eine schwierige Frage, weil ich tatsächlich viele Songs sehr gerne mag. Im Ensemble 5. 6. 7. ist es, glaube ich, unser Opening „Der Reiter zwischen den Welten“ oder die Eröffnung des 2. Akts „Deichgraf seines Weibes wegen“. Die Choreos machen da einfach super viel Spaß und man kommt direkt ins Spielen. Als Elke liebe ich die ganze Szene rund um „Sternenmeer“. Die Stimmung zwischen ihr & Hauke und die Musik ist einfach wunderschön. Das Spielen macht da so viel Spaß, weil Elke noch so jung, verspielt und vor allem sorgenfrei ist. Und sie versucht den schüchternen Hauke aus der Reserve zu locken.

STAGE VIBE

Vor der Premiere erarbeitet man sich eine Rolle in einem geschützten Probenbereich. Dann kommt das Publikum hinzu. Hat sich dein Spiel durch die Routine oder Reaktionen des Publikums verändert oder weiterentwickelt?

ALIDA

Es ist natürlich immer aufregend das erste Mal die Reaktionen des Publikums zu erleben. Die waren auch hier – wie so oft – teilweise überraschend und anders als erwartet. Aber das ist auch total spannend! Für mich gibt es aber, glaube ich, höchstens zwei Momente in denen ich wirklich aktiv darauf achte, wie das Publikum reagiert. Aber das beeinflusst mich nicht. Ich find‘s nur interessant zu merken, mit welchem Publikum wir es heute zu tun haben. Aber klar: man wird etwas lockerer mit der Zeit und findet Momente in denen man Kleinigkeiten anders spielen kann, solange sie die Geschichte nicht beeinflussen.

STAGE VIBE

Der Schimmelreiter hat eine Spielzeit von ca. 3 Monaten. Gibt es während einer so langen Spielzeit einen Punkt ab dem man auf Autopilot stellt um physische und mentale Kraft zu sparen?

ALIDA

Also ich versuche nie komplett auf Autopilot zu stellen und zum Glück ist das in dem Stück auch gar nicht so gut möglich, da wir als Ensemble auch für so viele Umbauten verantwortlich sind bzw. dafür sorgen müssen, dass Requisiten zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Und was beim „Schimmelreiter“ sehr hilft: Die Show hat ein hohes Tempo und wir haben im Backstage kaum Pausen. Immer, wenn ich von der Bühne abgehe, habe ich eigentlich einen Umzug oder Perückenwechsel. Aber natürlich haben wir viele Doppelshows, da muss man am Anfang bei jedem neuen Stück erstmal gucken, wie man mit seinen Kräften haushalten kann.

STAGE VIBE

Hast du dir Theodor Storms Novelle nochmal angesehen oder gelesen, um dich der Figur zu nähern?

ALIDA

Ich hatte im Dezember vergangenen Jahres auf Tour mit MOZART! mal angefangen die Novelle zu lesen und fand die Geschichte da auch schon sehr fesselnd und spannend, habe dann aber nie weitergelesen, weil ich die Geschichte irgendwie unbefangen erleben wollte und mir selbst ein Bild machen wollte, wie ich die Figuren sehe. Durch Kolleg*innen und vor allem die Arbeit mit unserem Regisseur Simon Eichenberger habe ich aber vieles über die „Originalgeschichte“ erfahren.

STAGE VIBE

Vielen Dank, liebe Alida, für deine Zeit, deine Offenheit und die spannenden Einblicke. Wir wünschen dir für deinen weiteren Weg  alles Gute und hoffen natürlich, dich noch in vielen weiteren Produktionen erleben zu dürfen.

Wir sehen uns im Theater!

Ein Gespräch wie dieses zeigt, wie viel mehr hinter einer Musicalproduktion steckt als das, was am Ende für das Publikum auf der Bühne sichtbar wird. Alida Will gibt dabei persönliche Einblicke in ihre Arbeit, ihre Figuren und ihren Blick auf den Beruf – offen, sympathisch und mit spürbarer Begeisterung für das Theater.

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