A Strange Loop
EINLEITUNG
A Strange Loop von Michael R. Jackson gehört zu den ungewöhnlichsten und zugleich erfolgreichsten Musicals des 21. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht Usher, ein schwarzer, queerer Musicalautor, der tagsüber als Platzanweiser bei The Lion King arbeitet und gleichzeitig an seinem eigenen Musical schreibt. Dieses Musical handelt wiederum von einem schwarzen, queeren Musicalautor, der an einem Musical über einen schwarzen, queeren Musicalautor schreibt – und damit beginnt eine gedankliche Endlosschleife. Jackson verbindet Humor, Selbstironie und schmerzhafte Ehrlichkeit zu einem Werk über Identität, Rassismus, Sexualität, Selbsthass und den schwierigen Weg zur Selbstakzeptanz.
DAS BESONDERE →
ZUSAMMENFASSUNG
Usher ist ein junger schwarzer, schwuler Musicalautor in New York, der davon träumt, sein eigenes Werk auf die Bühne zu bringen. Sein Alltag sieht allerdings weniger glamourös aus: Er arbeitet als Platzanweiser bei The Lion King und versucht gleichzeitig, ein Musical über einen Mann wie sich selbst zu schreiben. Je intensiver er an seinem Stück arbeitet, desto stärker wird er von seinen eigenen Gedanken verfolgt. Sechs Darsteller verkörpern diese „Thoughts“ und machen sichtbar, was in seinem Kopf vorgeht.
Während Usher mit seinem Beruf, seinen Eltern, seiner Sexualität und seinem Körper ringt, versucht er immer wieder, sich selbst zu verändern, um den Erwartungen anderer zu entsprechen. Seine Gedanken kritisieren seine Entscheidungen ebenso gnadenlos wie die Gesellschaft, in der er lebt. Gleichzeitig übernimmt er einen Auftrag als Ghostwriter für ein Gospelstück im Stil von Tyler Perry, obwohl er sich mit dessen Inhalt und Ästhetik schwertut.
Beziehungen, sexuelle Erfahrungen, familiäre Konflikte und die Erinnerung an einen verstorbenen Freund zwingen Usher dazu, seine eigenen Vorstellungen von sich selbst zu hinterfragen. Am Ende erkennt er, dass die Veränderung, nach der er ständig sucht, nicht einfach darin besteht, ein anderer Mensch zu werden. Vielmehr muss er lernen, sich selbst in all seinen Widersprüchen auszuhalten.
HANDLUNG
! SPOILER-ALARM !
Usher arbeitet als Platzanweiser am Broadway und träumt gleichzeitig davon, selbst als Musicalautor Fuß zu fassen. In seinem Kopf entsteht ein Stück über einen schwarzen, schwulen und übergewichtigen Mann, der verzweifelt versucht, seinen Platz in der Welt zu finden. Der besondere Clou: Dieser Mann ist Usher selbst. Während er an seinem Musical arbeitet, werden seine Gedanken zu sechs Figuren, die ihn ständig begleiten, kommentieren und immer wieder mit seinen eigenen Ängsten konfrontieren.
Usher sehnt sich nach Anerkennung, zweifelt aber zugleich daran, ob er den Erwartungen seiner Familie, der Gesellschaft und der Theaterwelt überhaupt gerecht werden kann. Besonders sein Körper und seine Sexualität beschäftigen ihn. Er sucht nach Nähe und Bestätigung, macht dabei jedoch Erfahrungen mit Ablehnung, Fetischisierung und der eigenen Unsicherheit. Die Frage, warum er sich selbst so schwer akzeptieren kann, wird zunehmend wichtiger als sein ursprünglicher Wunsch nach einer erfolgreichen Karriere.
Auch zu seiner Familie bleibt das Verhältnis kompliziert. Seine Mutter möchte, dass er ein Gospelstück im Stil von Tyler Perry schreibt, während Usher mit den religiösen Vorstellungen seiner Eltern und deren Haltung zu seiner Homosexualität ringt. Gleichzeitig braucht er ihre Anerkennung und kann sich von ihnen emotional nicht einfach lösen. Als seine eigene künstlerische Arbeit immer stärker auf seine Familie und seine Vergangenheit zurückgreift, wird ihm bewusst, dass er alte Verletzungen noch immer mit sich trägt.
Eine besonders schmerzhafte Erinnerung betrifft seinen Freund Darnell, der mit HIV lebte und sich zunehmend von Schuldgefühlen und gesellschaftlicher Stigmatisierung bestimmen ließ. Ushers Erinnerung an ihn verbindet persönliche Trauer mit der Frage, wie zerstörerisch es sein kann, wenn Menschen lernen, ihre eigene Identität als etwas Falsches oder Unwürdiges zu betrachten.
Je weiter Usher an seinem Musical arbeitet, desto stärker verschwimmen die Grenzen zwischen seinem Leben und seinem Stück. Seine „Thoughts“ beginnen nicht nur sein Handeln zu kommentieren, sondern stellen auch seine Sicht auf die Vergangenheit infrage. Dabei erkennt Usher, dass er seine Familie ebenso wenig auf die verletzenden Erfahrungen seiner Jugend reduzieren kann wie sich selbst auf seine Ängste und Unsicherheiten.
Am Ende findet Usher keine einfache Lösung. Er wird nicht plötzlich selbstbewusst und alle inneren Konflikte verschwinden. Stattdessen begreift er, dass die widersprüchlichen Stimmen in seinem Kopf zu seiner Geschichte gehören. „A Strange Loop“ endet damit nicht mit der Auflösung dieser Gedanken, sondern mit der Erkenntnis, dass Selbstakzeptanz vielleicht gerade darin liegt, ihre Existenz auszuhalten. Die Schleife bleibt bestehen aber Usher beginnt, sie mit anderen Augen zu betrachten.
KREATIV-TEAM
Das Buch, die Musik und die Liedtexte stammen vollständig von Michael R. Jackson, der mit A Strange Loop sein professionelles Debüt als Musicalautor gab. Jackson verbindet dabei persönliche Erfahrungen mit einer bewusst selbstreferenziellen Erzählweise.
Buch, Musik & Liedtexte: Michael R. Jackson
Regie: Stephen Brackett
Choreografie: Raja Feather Kelly
Musikalische Leitung: Rona Siddiqui
Orchestrierungen: Charlie Rosen
Bühnenbild: Arnulfo Maldonado
Kostüme: Montana Levi Blanco
Lichtdesign: Jen Schriever
Sounddesign: Drew Levy
PREMIEREN
Die Weltpremiere von A Strange Loop fand am 17. Juni 2019 im Playwrights Horizons in New York statt, nachdem die ersten Vorstellungen am 24. Mai begonnen hatten.
Nach dem erfolgreichen Off-Broadway-Lauf folgte zunächst eine Produktion am Woolly Mammoth Theatre Company in Washington, D.C. Anschließend kam das Musical an den Broadway. Die Broadway-Previews begannen am 14. April 2022 im Lyceum Theatre, die offizielle Premiere folgte am 26. April 2022. Die Broadway-Produktion spielte bis zum 15. Januar 2023 insgesamt 293 reguläre Vorstellungen.
Die erste britische Produktion folgte 2023 im Londoner Barbican Theatre. Die Vorstellungen begannen am 17. Juni, die offizielle Premiere fand am 29. Juni 2023 statt. Die auf zwölf Wochen begrenzte Spielzeit endete am 9. September 2023.
DARSTELLER
Die Rolle des Usher wurde bei der Off-Broadway-Weltpremiere von Larry Owens gespielt. Zum ursprünglichen Ensemble der sechs „Thoughts“ gehörten L Morgan Lee, James Jackson Jr., John-Michael Lyles, John-Andrew Morrison, Jason Veasey und Antwayn Hopper. Die Thoughts verkörpern dabei nicht eigenständige Figuren im klassischen Sinn, sondern verschiedene innere Stimmen und gedankliche Kräfte in Ushers Bewusstsein.
Für den Broadway übernahm Jaquel Spivey die Hauptrolle des Usher. Gemeinsam mit Antwayn Hopper, L Morgan Lee, John-Michael Lyles, James Jackson Jr., John-Andrew Morrison und Jason Veasey bildete er das Broadway-Ensemble.
Eine wichtige spätere Besetzung war Kyle Ramar Freeman, der Usher zunächst als Broadway-Understudy spielte und die Rolle anschließend bei der Londoner Produktion übernahm. Damit wurde er zum ersten Darsteller, der Usher sowohl am Broadway als auch im West End verkörperte.
HISTORISCHER, KULTURELLER & THEMATISCHER KONTEXT
A Strange Loop entstand in einem amerikanischen Musicaltheater, in dem schwarze und queere Lebensrealitäten zwar zunehmend sichtbarer wurden, aber weiterhin häufig durch die Perspektive etablierter dramaturgischer Formen betrachtet wurden. Michael R. Jackson dreht dieses Verhältnis radikal um: Nicht die äußere Welt wird zum eigentlichen Schauplatz, sondern die Gedankenwelt eines schwarzen, queeren Künstlers.
Das Musical beschäftigt sich mit Rassismus, Homophobie, Körperbildern, religiöser Prägung, HIV/AIDS-Stigmatisierung und der Frage, wie gesellschaftliche Vorurteile zu inneren Stimmen werden können. Gleichzeitig verweigert Jackson eine einfache Opfergeschichte. Usher kritisiert andere Menschen, sich selbst und auch Teile der queeren und schwarzen Community. Dadurch entsteht ein bewusst widersprüchliches Porträt.
Der Titel verweist auf die Idee einer „strange loop“, also einer ungewöhnlichen gedanklichen Schleife. Das Konzept passt zur Struktur des Musicals, in der sich Leben, Erinnerung, Gedanken und künstlerische Darstellung ständig gegenseitig spiegeln. Das Pulitzer-Komitee bezeichnete das Werk entsprechend als metafiktionales Musical, das Identität, Rasse und Sexualität mit universellen menschlichen Ängsten und Unsicherheiten verbindet.
MUSIK
Die Musik von A Strange Loop stammt vollständig von Michael R. Jackson und verbindet Musicaltraditionen mit Gospel, Soul, Pop, R&B und bewusst überzeichneten musikalischen Formen. Die Songs treiben nicht nur die Handlung voran, sondern machen Ushers innere Konflikte hörbar.
New York Theatre Guide
„Intermission Song“ – Usher stellt seine künstlerischen Ambitionen und seine Vorstellung von einem Musical über sein eigenes Leben vor.
„Today“ – Seine Gedanken setzen sich kritisch mit seinem Wunsch auseinander, sich selbst zu verändern.
„We Wanna Know“ – Ushers familiäres Umfeld wird mit seinen persönlichen und beruflichen Entscheidungen konfrontiert.
„Inner White Girl“ – Ein ironisch zugespitztes Lied über Identität, Erwartungen und internalisierte Vorstellungen von gesellschaftlicher Zugehörigkeit.
„Exile in Gayville“ – Usher verarbeitet Frustrationen über Dating, Sexualität und die queere Community.
„Tyler Perry Writes Real Life“ – Die Gedanken setzen sich mit Ushers Ghostwriting-Auftrag und seinem Verhältnis zur populären schwarzen Theaterkultur auseinander.
„Writing a Gospel Play“ – Usher versucht, das beauftragte Stück zu schreiben und übernimmt dabei gedanklich verschiedene Rollen.
„A Sympathetic Ear“ – Ein Gespräch bringt ihn dazu, seine Angst vor Offenheit und persönlicher Veränderung zu hinterfragen.
„Inwood Daddy“ / „Boundaries“ – Die Songs behandeln Begehren, Fetischisierung und persönliche Grenzen.
„Periodically“ – Ushers familiäre und religiöse Prägung wird erneut thematisiert.
„Precious Little Dream / AIDS Is God’s Punishment“ – Eine der emotional schwersten Passagen über HIV/AIDS, Verlust und Stigmatisierung.
„Memory Song“ – Usher blickt auf seine Vergangenheit und beginnt, seine eigenen Erinnerungen neu zu bewerten.
„A Strange Loop“ – Das Finale führt die zentralen Gedanken des Musicals zusammen und verweist auf die nie vollständig aufgelöste innere Schleife.
AUSZEICHNUNGEN / NOMINIERUNGEN
A Strange Loop wurde bereits Off-Broadway mit zahlreichen bedeutenden Preisen ausgezeichnet. Michael R. Jackson erhielt 2020 den Pulitzer Prize for Drama, womit das Musical zu einer sehr kleinen Gruppe von Musicals gehört, die diese Auszeichnung erhalten haben. Außerdem gewann die Produktion unter anderem den Drama Desk Award für Outstanding Musical, den New York Drama Critics‘ Circle Award für Best Musical, den Off-Broadway Alliance Award und mehrere Outer Critics Circle Awards.
Bei den Tony Awards 2022 erhielt A Strange Loop elf Nominierungen und gewann die Preise als Best Musical und für Best Book of a Musical. Weitere Nominierungen gingen unter anderem an Jaquel Spivey, L Morgan Lee, John-Andrew Morrison, Stephen Brackett, Michael R. Jackson sowie die Designer und Orchestratoren. Damit wurde A Strange Loop zu einem der wichtigsten Musicalerfolge seiner Broadway-Spielzeit.
Die Londoner Produktion erhielt 2024 außerdem eine Olivier-Award-Nominierung als Best New Musical.
TRIVIA & FUN FACTS
Michael R. Jackson wollte den Begriff „autobiografisch“ für A Strange Loop zunächst vermeiden und bezeichnete das Musical lieber als „self-referential“, weil persönliche Erfahrungen für ihn Ausgangspunkt, aber nicht die vollständige Erklärung des Werkes sind.
Das Musical gewann den Pulitzer Prize for Drama bereits 2020, also zwei Jahre vor seiner Broadway-Premiere. Es war damit das erste Musical, das den Pulitzer gewann, ohne zuvor am Broadway gelaufen zu sein.
Mit A Strange Loop gewann Michael R. Jackson den Pulitzer für ein Werk, das selbst einen kreativen Entstehungsprozess zum Thema macht: Ein Autor schreibt ein Musical über einen Autor, der ein Musical schreibt.
Die Londoner Produktion wurde bewusst als begrenzte zwölfwöchige Spielzeit konzipiert und lief im Barbican Theatre vom 17. Juni bis zum 9. September 2023.
Das Musical setzt ungewöhnlich stark auf eine kleine Gruppe von sechs Darstellern, die als Ushers Gedanken auftreten und damit seine innere Welt sichtbar machen.
Der Broadway-Lauf endete am 15. Januar 2023 nach 293 regulären Vorstellungen.
