Dear Even Hansen
Einleitung
Dear Evan Hansen ist ein amerikanisches Musical, das die Geschichte eines sozial ängstlichen Teenagers erzählt, der durch eine Lüge ungewollt zum Mittelpunkt eines schulweiten Trauerprozesses wird. Seit seiner Uraufführung gilt es als eines der bedeutendsten Musicals des 21. Jahrhunderts, ein bewegender Kommentar auf das Zeitalter sozialer Medien, psychischer Gesundheit und der tief menschlichen Sehnsucht, wirklich dazuzugehören
Zusammenfassung
Evan Hansen ist ein 17-jähriger Schüler, der unter sozialer Angststörung leidet. Auf Anraten seines Therapeuten schreibt er sich selbst aufmunternde Briefe. Einer dieser Briefe wird von Connor Murphy, einem Mitschüler, gestohlen, kurz bevor Connor sich das Leben nimmt. Connors Eltern finden den Brief und glauben, Evan sei Connors einziger Freund gewesen. Evan, der nie wirklich dazugehörte, lässt diese Illusion zu und erfindet eine ganze Freundschaft. Die Lüge nimmt immer größere Ausmaße an: Eine Online-Gedenkseite geht viral, Evan wird zum Schulhelden und gewinnt sogar das Herz von Connors Schwester Zoe. Doch jede Lüge hat ihren Preis. Als Evan erkennt, dass sein Schweigen Connor und seiner Familie schadet, muss er sich der Wahrheit stellen und lernen, sich selbst zu vergeben.
Handlung
Evan Hansen beginnt das neue Schuljahr mit dem vertrauten Gefühl der Unsichtbarkeit: Er leidet unter sozialer Angststörung, hat kaum Freunde und lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter Heidi, die als Krankenpflegestudentin kaum zu Hause ist. Auf Anraten seines Therapeuten schreibt er sich jeden Morgen einen aufmunternden Brief an sich selbst, adressiert mit den Worten „Dear Evan Hansen“, in dem er ehrlich seine Einsamkeit beschreibt und gesteht, dass er nicht glaubt, je wirklich gesehen zu werden. Ausgerechnet Connor Murphy, ein gesellschaftlich isolierter und oft aggressiver Mitschüler, entwendet Evan diesen Brief eines Tages impulsiv, bevor er die Schule verlässt und wenige Tage später, die Nachricht, dass Connor sich das Leben genommen hat, die ganze Schule erreicht. Als Connors Eltern, die wohlhabende, emotional erstarrte Cynthia und der distanzierte Larry, bei Evan auftauchen und den gestohlenen Brief für einen Abschiedsbrief halten, sind sie überzeugt, dass Evan Connors engster Vertrauter war und Evan, der ihren Schmerz nicht noch größer machen will, schweigt. Aus diesem einen Moment der Feigheit wächst eine vollständige Erfindung: Er behauptet, er und Connor seien heimlich beste Freunde gewesen, und fabriziert gemeinsam mit seinem Klassenkameraden Jared Kleinman eine Reihe gefälschter E-Mails, die diese Freundschaft belegen sollen. Die Murphy-Familie nimmt Evan daraufhin wie einen Ersatz-Sohn auf. Cynthia klammert sich an jede Geschichte, Larry versucht durch gemeinsame Baseball-Ausflüge seinen Verlust zu verarbeiten, und Evan genießt zum ersten Mal das Gefühl, wirklich dazuzugehören. Gleichzeitig verliebt er sich tiefer in Connors Schwester Zoe, mit der eine echte, zärtliche Beziehung entsteht, die jedoch vollständig auf dem Fundament seiner Lügen ruht. Als Evan zusammen mit der überehrgeizigen Schülerin Alana Beck die Online-Gedenkseite „The Connor Project“ ins Leben ruft, explodiert diese in den sozialen Medien. Evan wird zur Symbolfigur, sein Name geht viral, seine Geschichte werden ein Sinnbild für Mitgefühl und menschliche Verbindung. Doch je größer der Ruhm, desto enger wird die Schlinge: Als Alana die gefälschten E-Mails entdeckt und öffentlich macht, bricht alles zusammen. Die Murphys fühlen sich hintergangen, Zoe bricht mit Evan, und seine Mutter Heidi ist tief verletzt, weil ihr Sohn sie monatelang ausgesperrt hat. Evan erkennt, dass er nicht aus Bosheit gelogen hat, sondern aus einer verzweifelten Einsamkeit heraus. Doch das macht den Schaden, den er angerichtet hat, nicht kleiner. In einem schmerzhaften Schlussteil stellt er sich der Öffentlichkeit, verliert alles, was er sich aufgebaut hatte, und findet sich genau dort wieder, wo er begonnen hat: allein. Aber diesmal mit dem Unterschied, dass er aufhört, sich selbst zu belügen und in einem letzten Brief an sich selbst nicht mehr Pflichterfüllung, sondern ein echtes, zögerndes Versprechen niederschreibt: dass er lernen wird, sich selbst zu genügen.
Darsteller
Originalbesetzung Broadway (2016)
Ben Platt verkörperte Evan Hansen bei der Broadway-Premiere
Rachel Bay Jones als Heidi Hansen
Laura Dreyfuss als Zoe Murphy
Jennifer Laura Thompson als Cynthia Murphy
Mike Faist als Connor Murphy
allesamt präzise besetzt.
Bekannte spätere Darsteller
Nach Ben Platt übernahmen unter anderem Taylor Trensch, Andrew Barth Feldman und Sam Primack die Titelrolle am Broadway.
In London spielte Sam Tutty die Uraufführungsbesetzung und gewann dafür den Olivier Award als bester Hauptdarsteller.
Historischer, kultureller & Thematischer Kontext
Dear Evan Hansen entstand in einer Zeit, in der psychische Gesundheit bei Jugendlichen zunehmend in den öffentlichen Diskurs rückte. Die Präsenz sozialer Medien, mit ihrer doppelten Funktion als Verbindungs- und Isolationswerkzeug, ist kein Beiwerk, sondern strukturelles Element der Handlung: Die Lüge geht sich viral, weil das Internet keine Pause kennt.
Das Musical greift Themen auf, die in der amerikanischen (wie globalen) Gesellschaft seit den 2010er-Jahren virulent sind: Teenager-Suizid, soziale Angststörungen, Mobbing im digitalen Raum und die Performance von Trauer in sozialen Netzwerken. Es thematisiert auch Klassenunterschiede, die wohlhabende Familie Murphy gegen die alleinerziehende Heidi Hansen, ohne diese didaktisch zu überhöhen.
Kritiker und Psychologen diskutierten nach der Uraufführung intensiv, ob das Musical trotz seiner Empathie auch eine problematische Heldenerzählung für einen Lügner liefere. Dieser Widerspruch ist Teil seiner anhaltenden kulturellen Relevanz und macht es zu einem der meistdiskutierten Werke im zeitgenössischen Musiktheater.
Musik
Der Soundtrack von Pasek & Paul ist dicht, emotional und popmusikalisch ausgefeilt. Die Nummern wechseln zwischen verletzlicher Intimität und euphorischer Energie.
- Anybody Have a Map?
- Waving Through a Window
- For Forever
- Sincerely, Me
- Requiem
- If I Could Tell Her
- Disappear
- You Will Be Found
- To Break in a Glove
- Good for You
- Words Fail
- So Big / So Small
Auszeichnungen / Nominierungen
Dear Evan Hansen zählt zu den meistausgezeichneten Musicals seiner Generation. Bei den Tony Awards 2017 erhielt es sechs Auszeichnungen, darunter Bestes Musical, Bestes Buch (Steven Levenson), Beste Originalpartitur (Pasek & Paul) und in der meistdiskutierten Kategorie des Abends: Bester Hauptdarsteller für Ben Platt. Weitere Tony-Nominierungen betrafen u. a. Regie, Ausstattung und Nebendarsteller.
- Tony Awards 2017
Bestes Musical
- Tony Awards 2017
Bester Hauptdarsteller (Musical)
Ben Platt
- Grammy Awards 2018
- Bestes Musical Theater Album
Original Cast Recording
- Olivier Award 2020
Bester Hauptdarsteller (Musical)
Sam Tutty (West End)
- Drama Desk Awards 2017
Herausragendes Musical
Drama Desk Association
- Pulitzer Prize 2017
Pulitzer Prize for Drama
Steven Levenson
Trivia & Fun Facts
- Ben Platt begann die Rolle bereits in der Arena-Stage-Produktion 2015. Er begleitete das Stück also von der allerersten professionellen Produktion bis zur Broadway-Premiere.
- Das Lied You Will Be Found wurde nach dem Amoklauf von Parkland (2018) in sozialen Netzwerken millionenfach geteilt. Ungeplant entwickelte sich der Song zur Trauerhymne.
- Pasek & Paul schrieben zeitgleich zum Musical auch den Soundtrack für den Film La La Land (2016) und gewannen dafür einen Oscar.
- Der Originalcast spielte mit einem bemerkenswert kleinen Ensemble von nur neun Darstellern, verstärkt durch einen mehrstimmigen Off-Stage-Chor.
- Die Verfilmung (2021, Universal Pictures) mit Ben Platt in der Titelrolle erhielt gemischte Kritiken, gilt aber als eines der aufwendigsten Transfers eines Musicals ins Kino.
