Fun Home

EINLEITUNG

Fun Home ist ein ungewöhnliches Musical über Familie, Erinnerung, sexuelle Identität und den Versuch, einen Menschen zu verstehen, der einem zugleich nah und fremd bleibt. Grundlage ist die autobiografische Graphic Memoir Fun Home: A Family Tragicomic der US-amerikanischen Zeichnerin Alison Bechdel. 

DAS BESONDERE →

ZUSAMMENFASSUNG

Alison Bechdel blickt als erwachsene Frau auf ihre Kindheit und Jugend zurück. Ihr Vater Bruce betreibt in Pennsylvania gemeinsam mit seiner Familie ein Bestattungsunternehmen, das die Kinder ironisch „Fun Home“ nennen. Bruce ist gebildet, perfektionistisch und künstlerisch interessiert, zugleich aber launisch und emotional schwer erreichbar. Während Alison aufwächst, versucht sie zunehmend herauszufinden, wer sie selbst ist und weshalb ihr Verhältnis zu ihrem Vater so kompliziert bleibt.

Das Musical erzählt Alisons Geschichte auf mehreren Zeitebenen. Die erwachsene Alison rekonstruiert ihre Erinnerungen, während die zehnjährige „Small Alison“ ihre Familie noch aus kindlicher Perspektive erlebt und die 19-jährige „Medium Alison“ am College ihre eigene Sexualität entdeckt. Sie verliebt sich in Joan und erkennt, dass sie lesbisch ist.

Parallel wird deutlich, dass auch Bruce ein Leben voller Geheimnisse geführt hat. Er hatte Beziehungen zu Männern und setzt seine Ehe mit Helen und seine Familie dennoch fort. Als Alison ihrem Vater von ihrer sexuellen Orientierung erzählt, entsteht zwischen beiden für einen kurzen Moment eine neue Nähe. Wenige Monate später stirbt Bruce, nachdem er von einem Lastwagen erfasst wurde. Ob es sich um einen Unfall oder Suizid handelt, bleibt letztlich unbeantwortet. Jahre später versucht Alison, durch das Zeichnen ihrer Familiengeschichte einen Zugang zu ihrem Vater und zu ihrer eigenen Vergangenheit zu finden.

HANDLUNG

! SPOILER-ALARM !

Alison Bechdel blickt als erwachsene Frau auf ihre Kindheit und Jugend zurück. Im Mittelpunkt steht ihr Vater Bruce, der mit seiner Familie in Pennsylvania lebt und dort ein Bestattungsunternehmen betreibt. Für Alison und ihre Geschwister gehört der ungewöhnliche Arbeitsplatz selbstverständlich zum Familienalltag. Sie nennen ihn ironisch „Fun Home“.

Bruce ist gebildet, kunstinteressiert und besessen von Ordnung. Gleichzeitig bleibt er für seine Kinder emotional schwer erreichbar. Alison erlebt ihn als Vater, der hohe Erwartungen an seine Familie stellt und dessen Stimmung häufig schwer einzuschätzen ist. Erst später beginnt sie zu verstehen, dass hinter seinem Verhalten ein Leben verborgen liegt, über das innerhalb der Familie kaum gesprochen wird.

Während Alison am College studiert, verliebt sie sich in Joan. Die Beziehung hilft ihr, ihre eigene lesbische Identität anzunehmen. Gleichzeitig erkennt sie, dass ihre Geschichte stärker mit der ihres Vaters verbunden ist, als sie zunächst dachte. Bruce hatte selbst Beziehungen zu Männern, während er mit Alison und ihren Geschwistern lebte und mit Helen verheiratet war.

Schon als Kind hatte Alison einen Moment erlebt, der ihr später besonders bedeutsam erscheint. Die Begegnung mit einer selbstbewusst auftretenden Frau wird für sie zu einer frühen Ahnung davon, dass ein Leben außerhalb der Erwartungen ihrer Umgebung möglich ist. „Ring of Keys“ macht diesen Augenblick zu einem zentralen Moment ihrer Selbstfindung.

Nachdem Alison sich gegenüber ihren Eltern geoutet hat, sprechen Vater und Tochter offener miteinander. Während einer gemeinsamen Autofahrt versucht Alison, eine Verbindung zu Bruce herzustellen und mehr über sein Leben zu erfahren. Doch ihre Annäherung bleibt unvollständig.

Kurz darauf stirbt Bruce, nachdem er von einem Lastwagen erfasst wurde. Alison bleibt mit der Frage zurück, ob es sich um einen Unfall oder einen Suizid gehandelt hat. Eine eindeutige Antwort findet sie nicht.

Als Erwachsene beginnt Alison, ihre Familiengeschichte künstlerisch festzuhalten. Dabei versucht sie nicht nur, ihren Vater zu verstehen, sondern auch ihre eigene Vergangenheit neu zu betrachten. Aus Erinnerungen, Widersprüchen und offenen Fragen entsteht schließlich ein persönlicher Blick auf eine Familie, deren Mitglieder einander nahe waren und sich dennoch vieles nie sagen konnten.

KREATIV-TEAM

Musik: Jeanine Tesori

Buch und Liedtexte: Lisa Kron

Vorlage: Alison Bechdels Graphic Memoir Fun Home

Regie: Sam Gold

Choreografie: Danny Mefford

Bühnen- und Kostümbild: David Zinn

Musikalische Leitung: Chris Fenwick

Tesori und Kron entwickelten aus Bechdels autobiografischer Vorlage kein klassisches Biografie-Musical, sondern eine stark verdichtete Bühnenfassung, die Erinnerung und Gegenwart miteinander verschränkt. Die Produktion setzte dabei besonders auf Schauspiel und musikalische Charakterzeichnung statt auf große Bühnenspektakel.

PREMIEREN

Die Weltpremiere von Fun Home fand am 22. Oktober 2013 am Public Theater in New York statt. Die Voraufführungen hatten bereits am 30. September begonnen. Wegen des großen Erfolgs wurde die ursprünglich kürzer geplante Off-Broadway-Spielzeit mehrfach verlängert; die Produktion endete schließlich am 12. Januar 2014.

Der nächste entscheidende Schritt folgte am Broadway. Nach Voraufführungen ab dem 27. März 2015 wurde das Musical am 19. April 2015 im Circle in the Square Theatre offiziell eröffnet. Dort lief es bis zum 10. September 2016 und kam auf 26 Previews und 582 reguläre Vorstellungen.

Im Oktober 2016 startete anschließend eine erste US-amerikanische National Tour. 2018 erreichte Fun Home auch London und wurde dort im Off-West-End-Bereich gezeigt.

DARSTELLER

Die Besonderheit der Hauptfigur Alison liegt darin, dass sie von drei Darstellerinnen unterschiedlichen Alters verkörpert wird. In der Broadway-Premierenbesetzung spielten Beth Malone die erwachsene Alison, Emily Skeggs die 19-jährige Medium Alison und Sydney Lucas die zehnjährige Small Alison. Michael Cerveris übernahm Bruce Bechdel, während Judy Kuhn als Helen zu sehen war. Zum Ensemble gehörten außerdem Roberta Colindrez, Joél Pérez, Zell Steele Morrow und Oscar Williams.

Zu den späteren bekannten Besetzungen gehören Kate Shindle als Alison und Robert Petkoff als Bruce in der ersten US-National-Tour. Susan Moniz spielte dort Helen, während Abby Corrigan die Medium Alison und die frühere Broadway-Darstellerin Alessandra Baldacchino die Small Alison übernahm.

Auch in London wurde das Musical neu besetzt, unter anderem mit Kaisa Hammarlund als Alison, Zubin Varla als Bruce und Jenna Russell als Helen.

HISTORISCHER, KULTURELLER & THEMATISCHER KONTEXT

Fun Home basiert auf Alison Bechdels gleichnamiger Graphic Memoir von 2006. Bechdel beschreibt darin ihre Kindheit in einer Familie, deren Vater ein Bestattungsunternehmen führt, und setzt sich mit seiner Homosexualität, seinem Tod und ihrer eigenen sexuellen Identität auseinander. Die Musicalfassung überträgt diese autobiografische Geschichte in eine Form, die Erinnerung selbst zum dramaturgischen Prinzip macht.

Historisch ist besonders der gesellschaftliche Wandel relevant, der zwischen Alisons Kindheit in den 1970er-Jahren und ihrem Erwachsenenleben liegt. Während Bruce seine Sexualität in einem Umfeld verborgen hält, in dem Homosexualität mit erheblichem sozialen Druck verbunden ist, erlebt Alison später eine größere Möglichkeit, offen lesbisch zu leben.

Damit beschäftigt sich das Musical nicht nur mit Coming-out und queerer Identität. Es erzählt ebenso von Familienrollen, Ehe, emotionaler Distanz, Elternschaft, Erinnerung und der Frage, wie viel man über einen Menschen wirklich wissen kann. Gerade diese Mehrdeutigkeit unterscheidet Fun Home von einer klassischen Coming-out-Geschichte.

Bemerkenswert ist außerdem die Perspektive einer lesbischen Hauptfigur. Als Fun Home 2015 den Tony Award als Best Musical gewann, war es das erste Musical mit einer lesbischen Hauptfigur, das diese Auszeichnung erhielt. Gleichzeitig wurde es zum ersten ausschließlich von Frauen geschriebenen Musical, das den Tony Award für das beste Musical gewann.

MUSIK

„It All Comes Back (Opening)“ – führt in Alisons Erinnerungswelt ein und etabliert die drei Lebensalter der Hauptfigur.

„Welcome to Our House on Maple Avenue“ – präsentiert das Familienleben und die scheinbar normale Welt der Bechdels.

„Come to the Fun Home“ – zeigt das Bestattungsunternehmen aus der fantasievollen Perspektive der Kinder.

„Party Dress“ – verdeutlicht Alisons Konflikt mit den Vorstellungen ihres Vaters.

„Changing My Major“ – beschreibt mit Humor und Aufregung Alisons erste große Verliebtheit.

„Ring of Keys“ – markiert den entscheidenden Moment, in dem die kleine Alison eine mögliche Identität für sich selbst erkennt.

„Days and Days“ – gibt Helen eine besonders eindringliche Perspektive auf ihre Ehe und ihr Familienleben.

„Telephone Wire“ – begleitet das schwierige Gespräch zwischen Alison und Bruce während ihrer gemeinsamen Autofahrt.

„Edges of the World“ – gehört zu Bruce‘ wichtigsten musikalischen Momenten und lässt seine innere Isolation spürbar werden.

„Flying Away (Finale)“ – führt die drei Alison-Figuren zusammen und bildet den emotionalen Abschluss.

AUSZEICHNUNGEN / NOMINIERUNGEN

Fun Home gehört zu den am stärksten ausgezeichneten neuen Musicals seiner Entstehungszeit. Bei den Tony Awards 2015 erhielt die Produktion zwölf Nominierungen und gewann fünf Preise: Best Musical, Best Book of a Musical für Lisa Kron, Best Original Score für Jeanine Tesori und Lisa Kron sowie Best Direction of a Musical für Sam Gold und Best Performance by an Actor in a Leading Role in a Musical für Michael Cerveris.

Bereits Off-Broadway gewann das Musical unter anderem den Obie Award, den Outer Critics Circle Award und drei Lucille Lortel Awards. Außerdem wurde Fun Home 2014 als Finalist für den Pulitzer Prize for Drama nominiert; den Preis gewann letztlich Annie Bakers The Flick.

Später erhielt die Londoner Produktion drei Olivier-Award-Nominierungen, darunter für Best New Musical.

TRIVIA & FUN FACTS

Der Titel „Fun Home“ ist der makabre Spitzname, den Alison und ihre Geschwister für das Bestattungsunternehmen der Familie verwenden.

Alison wird im Musical konsequent von drei Darstellerinnen verkörpert, die unterschiedliche Lebensphasen derselben Person darstellen.

Die Broadway-Produktion spielte vollständig in der Mitte des Zuschauerraums, was die intime Wirkung der Geschichte verstärkte.

Sydney Lucas war bei der Broadway-Produktion erst zehn Jahre alt und erhielt für ihre Darstellung bereits zuvor einen Obie Award.

Die Broadway-Produktion wurde bereits im Dezember 2015, nur wenige Monate nach ihrer Eröffnung, profitabel. 

Nach dem Versuch des Bundesstaates South Carolina, dem College of Charleston wegen der Auswahl von Bechdels Graphic Memoir als Lektüre finanziell zu schaden, gab die ursprüngliche Off-Broadway-Besetzung 2014 in Charleston ein Benefizkonzert mit Songs aus dem Musical.

Mit seinem Tony-Sieg schrieb Fun Home Broadway-Geschichte: Es war das erste ausschließlich von Frauen geschriebene Musical, das den Tony Award für Best Musical gewann.