Next to Normal

EINLEITUNG

Next to Normal ist ein Rockmusical von Tom Kitt und Brian Yorkey, das sich mit psychischer Erkrankung, Trauer, Erinnerung und den Belastungen innerhalb einer Familie auseinandersetzt. Im Mittelpunkt steht Diana Goodman, die seit Jahren mit einer bipolaren Erkrankung und Halluzinationen lebt. Was zunächst wie das Porträt einer schwierigen Familiengeschichte wirkt, entwickelt sich zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der Frage, was „normal“ eigentlich bedeutet. Das Musical gehört zu den ungewöhnlichsten und bedeutendsten Werken des modernen amerikanischen Musiktheaters und wurde unter anderem mit dem Pulitzer-Preis für Drama ausgezeichnet.

DAS BESONDERE →

ZUSAMMENFASSUNG

Diana Goodman lebt mit ihrem Ehemann Dan und ihrer Tochter Natalie in einer amerikanischen Vorstadt. Nach außen versucht die Familie, einen normalen Alltag aufrechtzuerhalten. Doch Diana leidet seit vielen Jahren unter einer bipolaren Erkrankung mit psychotischen beziehungsweise wahnhaften Episoden. Sie nimmt Medikamente, besucht Ärzte und kämpft dennoch immer wieder mit Halluzinationen. Besonders häufig erscheint ihr Gabe, ein junger Mann, den sie als ihren Sohn wahrnimmt.

Während Diana in Gabe eine lebendige Erinnerung und emotionale Zuflucht findet, leidet die Familie unter seiner ständigen Präsenz. Natalie fühlt sich von ihrer Mutter vernachlässigt und hat selbst zunehmend Schwierigkeiten, mit ihren Gefühlen umzugehen. Ihr Freund Henry versucht, ihr Halt zu geben.

Nach einem Suizidversuch beginnt Diana eine Elektrokrampftherapie (EKT). Die Behandlung hat Erfolg, soweit ihre Halluzinationen verschwinden. Gleichzeitig verliert sie jedoch große Teile ihrer Erinnerung. Auch Gabe und die Umstände seines Todes sind aus ihrem Gedächtnis verschwunden.

Als Diana ihre Vergangenheit zurückerlangt, muss die Familie erkennen, dass eine Behandlung nicht automatisch bedeutet, dass alle Probleme gelöst sind. Am Ende geht es weniger darum, eine perfekte Normalität herzustellen, als darum, einen eigenen Weg mit Krankheit, Verlust und Erinnerung zu finden.

HANDLUNG

! SPOILER-ALARM !

Diana Goodman lebt mit ihrem Mann Dan und ihrer Tochter Natalie in einer amerikanischen Vorstadt. Was wie ein gewöhnlicher Familienalltag aussieht, ist von Anfang an von Dianas psychischer Erkrankung geprägt. Sie leidet unter einer bipolaren Störung und erlebt Halluzinationen, die für sie vollkommen real sind. Besonders häufig begegnet ihr Gabe, ein junger Mann, zu dem sie eine enge emotionale Beziehung hat. Für Diana gehört er selbstverständlich zu ihrem Leben – für Dan und Natalie existiert er nicht.

Während Diana regelmäßig psychiatrisch behandelt wird, versucht die Familie, mit der Situation zu leben. Die verschiedenen Medikamente helfen zwar gegen einzelne Symptome, haben für Diana aber erhebliche Nebenwirkungen. Sie fühlt sich zunehmend innerlich abgestumpft und vermisst die intensiven Gefühle, die ihr Leben früher bestimmt haben. Gleichzeitig zieht sich Natalie immer stärker zurück. Die hochbegabte Pianistin steht unter enormem Leistungsdruck und empfindet ihre Mutter als emotional abwesend. In Henry findet sie jemanden, der sich für sie interessiert und ihr Halt gibt.

Als Diana ihre Medikamente absetzt, verschärft sich die Situation. Bei einem gemeinsamen Abendessen wird deutlich, wie weit ihre Wahrnehmung von der Realität entfernt ist: Sie bereitet einen Geburtstagskuchen für Gabe vor. Dan muss sie daran erinnern, dass ihr Sohn bereits als Baby gestorben ist. Der Verlust liegt viele Jahre zurück, doch Diana erlebt Gabe weiterhin als gegenwärtige Person. Für Natalie ist das besonders schmerzhaft, weil sie das Gefühl hat, dass ihre Mutter den verstorbenen Bruder mehr liebt als sie selbst.

Diana beginnt schließlich eine Behandlung bei dem Psychiater Dr. Madden. Dieser versucht, über ihre verdrängten Erinnerungen und das traumatische Erlebnis des Todes ihres Sohnes an die Ursachen ihrer Erkrankung heranzukommen. Diana setzt sich mit Gabes alten Sachen auseinander und findet dabei eine Spieluhr. Die Erinnerung an ihren Sohn wird dadurch noch stärker. In ihrer Wahrnehmung erscheint Gabe ihr als jemand, der sie von ihrem Schmerz erlösen kann. Schließlich versucht Diana, sich das Leben zu nehmen.

Nach dem Suizidversuch liegt Diana im Krankenhaus. Dr. Madden empfiehlt eine Elektrokrampftherapie (EKT), da andere Behandlungen keinen ausreichenden Erfolg gebracht haben. Diana lehnt zunächst ab, doch Dan überzeugt sie schließlich, die Behandlung als Chance für einen Neuanfang zu sehen.

Die EKT verändert Dianas Leben radikal. Ihre Halluzinationen verschwinden, gleichzeitig verliert sie einen großen Teil ihrer Erinnerungen – darunter fast zwei Jahrzehnte ihres Lebens. Als sie nach Hause zurückkehrt, erkennt sie weder Natalie noch die gemeinsame Vergangenheit mit Dan. Für Diana ist die neue Klarheit zunächst eine Erleichterung, für ihre Familie jedoch ein weiterer Verlust. Dan versucht deshalb vorsichtig, mit Fotos und Erinnerungsstücken ihre Vergangenheit zurückzuholen. Die Erinnerung an Gabe hält er zunächst bewusst von ihr fern.

Doch Diana spürt, dass ein entscheidender Teil ihres Lebens fehlt. Als Dr. Madden unabsichtlich von ihrem verstorbenen Sohn spricht, beginnt die Erinnerung zurückzukehren. Diana findet schließlich die Spieluhr wieder und erfährt von Dan erneut, dass ihr Sohn als Kleinkind gestorben ist. Sie erinnert sich jedoch weiterhin an Gabe als Jugendlichen, weil ihre psychische Erkrankung die Erinnerung an ihn mit einer späteren Vorstellung von ihm verbunden hat.

Während Diana sich ihrer Vergangenheit stellt, gerät auch Natalie zunehmend aus dem Gleichgewicht. Sie flüchtet in Drogen und Partys, während Henry versucht, sie nicht aufzugeben. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter verändert sich erst, als Diana erkennt, dass Natalie nicht länger im Schatten ihrer eigenen Geschichte leben darf. Sie ermutigt ihre Tochter, ihr eigenes Glück zu suchen und mit Henry zum Schulball zu gehen.

Diana entscheidet sich schließlich gegen eine weitere EKT. Sie erkennt, dass eine Behandlung nicht einfach alle Schmerzen auslöschen kann und dass sie lernen muss, mit ihrer Vergangenheit zu leben. Auch ihre Ehe mit Dan steht vor einer entscheidenden Prüfung. Obwohl beide einander lieben, haben sie den Tod ihres Sohnes auf unterschiedliche Weise verdrängt. Diana verlässt Dan, weil beide zunächst ihren eigenen Umgang mit der Trauer finden müssen.

Erst danach wird auch Dan mit dem verdrängten Verlust konfrontiert. Gabe erscheint ihm und zwingt ihn, sich seiner Trauer zu stellen. Zum ersten Mal erkennt Dan die Gestalt seines verstorbenen Sohnes bewusst und spricht seinen Namen aus: Gabe. Während Diana zu ihren Eltern zieht, bleibt Dan mit Natalie zurück. Beide müssen lernen, ohne die bisherige Familienordnung weiterzuleben. Eine einfache Lösung gibt es nicht – aber erstmals besteht die Möglichkeit, die Vergangenheit nicht länger zu verdrängen, sondern mit ihr weiterzuleben.

KREATIV-TEAM

Musik: Tom Kitt

Buch und Liedtexte: Brian Yorkey

Regie der ursprünglichen Broadway-Produktion: Michael Greif

Orchestrierungen: Tom Kitt und Michael Starobin

PREMIEREN

Das Musical wurde am 13. Februar 2008 am Second Stage Theatre Off-Broadway uraufgeführt. 

Anschließend wurde das Stück für eine Produktion an der Arena Stage in Washington, D.C., umfangreich überarbeitet. Dort lief es von November 2008 bis Januar 2009.

Die Broadway-Premiere fand schließlich am 15. April 2009 im Booth Theatre statt, nachdem bereits ab dem 27. März Previews gespielt worden waren. Die Broadway-Produktion kam auf 20 Previews und 734 reguläre Vorstellungen und endete am 16. Januar 2011.

Die deutschsprachige Erstaufführung folgte am 11. Oktober 2013 am Stadttheater Fürth unter dem deutschen Titel Fast Normal.

Darsteller

Die ursprüngliche Off-Broadway-Produktion wurde unter anderem von Alice Ripley als Diana, Brian d’Arcy James als Dan, Aaron Tveit als Gabe, Jennifer Damiano als Natalie, Adam Chanler-Berat als Henry und Asa Somers als Dr. Madden beziehungsweise Dr. Fine getragen. Für die Broadway-Produktion kehrten Ripley, Damiano, Tveit und Chanler-Berat zurück; J. Robert Spencer übernahm Dan und Louis Hobson Dr. Madden/Dr. Fine.

Alice Ripley wurde mit ihrer Interpretation der Diana zu einer der prägendsten Darstellerinnen des Musicals. Für ihre Broadway-Leistung erhielt sie den Tony Award als Beste Hauptdarstellerin in einem Musical.

In der deutschsprachigen Erstaufführung in Fürth spielte Pia Douwes Diana, Thomas Borchert Dan, Sabrina Weckerlin Natalie und Dirk Johnston Gabe. Dominik Hees spielte Henry und Ramin Dustdar Dr. Fine/Dr. Madden.

HISTORISCHER, KULTURELLER & THEMATISCHER KONTEXT

Next to Normal entstand in einer Phase, in der sich das amerikanische Musical zunehmend von klassischen Unterhaltungsmustern entfernte und auch schwierige gesellschaftliche und persönliche Themen ins Zentrum rückte. Das Werk verbindet die Tradition des Rockmusicals mit einem ungewöhnlich ernsthaften Blick auf psychische Erkrankungen.

Im Mittelpunkt steht nicht nur Dianas bipolare Erkrankung, sondern die Frage, wie eine Krankheit eine ganze Familie verändert. Dan, Natalie und Diana reagieren jeweils anders auf den Verlust: Diana wird von Erinnerungen und Halluzinationen verfolgt, Dan verdrängt Teile der Vergangenheit und Natalie versucht, emotional unabhängig zu werden. Damit erzählt das Musical nicht ausschließlich eine Geschichte über psychische Erkrankung, sondern auch über Trauer, Familienrollen und die Folgen unverarbeiteter Traumata.

Besonders bemerkenswert ist der Umgang mit Erinnerung. Die EKT nimmt Diana zwar einen Teil ihrer belastenden Vergangenheit, gleichzeitig verliert sie dadurch auch wesentliche Bestandteile ihrer Identität. Das Musical stellt damit die Frage, ob die Beseitigung von Symptomen tatsächlich dasselbe ist wie Heilung.

Der Pulitzer-Preis bezeichnete Next to Normal als ein kraftvolles Rockmusical, das psychische Erkrankung in einer Vorstadtfamilie behandelt und den thematischen Horizont des Musicals erweitert.

MUSIK

Die Musik von Next to Normal verbindet Rock, Alternative Rock, Pop und klassische Musicalelemente. Die Songs treiben die Handlung voran und geben den Figuren Zugang zu Gedanken und Gefühlen, die im gesprochenen Dialog häufig unausgesprochen bleiben.

„Just Another Day“ – Der vermeintlich normale Familienalltag wird vorgestellt.

„Everything Else“ – Natalie beschreibt ihre Isolation und ihre Suche nach einem eigenen Leben.

„Who’s Crazy?“ / „My Psychopharmacologist and I“ – Dianas Behandlung und ihre Medikamentenprobleme werden thematisiert.

„Perfect for You“ – Natalie und Henry kommen sich näher.

„I Miss the Mountains“ – Diana spürt, wie sehr sie die Intensität ihrer früheren Gefühle vermisst.

„It’s Gonna Be Good“  Die Familie versucht, Hoffnung zu bewahren.

„He’s Not Here“ – Dan erinnert sich an die Vergangenheit.

„You Don’t Know“ – Diana macht deutlich, dass andere ihre Erfahrung nicht wirklich verstehen können.

„I Am the One“ – Dan und Gabe stehen symbolisch für unterschiedliche Seiten von Dianas emotionaler Welt.

„Superboy and the Invisible Girl“ – Natalie beschreibt ihr Gefühl, im Schatten ihres verstorbenen Bruders zu stehen.

„I’m Alive“ – Gabe behauptet seine Präsenz in Dianas Wahrnehmung.

„I Dreamed a Dance“ – Diana und Gabe nähern sich emotional an.

„There’s a World“ – Gabe führt Diana in ihrer Wahrnehmung in eine scheinbar schmerzfreie Welt.

„Didn’t I See This Movie?“ – Diana reagiert auf die Vorstellung einer EKT.

„A Light in the Dark“ – Dan versucht, Diana Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft zu geben.

„Wish I Were Here“ – Diana und Natalie spiegeln ihre jeweiligen Fluchtmechanismen.

„Song of Forgetting“ – Diana kehrt nach der EKT mit weitgehend ausgelöschten Erinnerungen nach Hause zurück.

„Seconds and Years“ – Dan setzt sich mit den Folgen der Behandlung auseinander.

„Better Than Before!“ – Die Familie versucht, Dianas Erinnerungen wiederherzustellen.

„Aftershocks“ – Die Folgen des Verlustes wirken weiter, obwohl Diana sich zunächst nicht erinnern kann.

„How Could I Ever Forget?“ – Die Erinnerung an Gabe und seinen Tod kehrt zurück.

„Why Stay?“ / „A Promise“ – Diana und Dan stellen sich der Frage, warum sie an ihrer Ehe festhalten.

„Maybe“ (Next to Normal) – Diana und Natalie suchen nach einer Möglichkeit, mit der Realität zu leben.

So Anyway – Diana zieht einen Schlussstrich unter einen Teil ihres bisherigen Lebens.

I Am the One (Reprise) – Dan wird schließlich mit Gabe und seiner eigenen verdrängten Trauer konfrontiert.

„Light“ – Das Finale setzt an die Stelle einer perfekten Lösung die vorsichtige Hoffnung auf einen Neuanfang.

AUSZEICHNUNGEN & NOMINIERUNGEN

Next to Normal gehört zu den am höchsten ausgezeichneten Musicals seiner Generation. Bei den Tony Awards 2009 erhielt das Musical insgesamt elf Nominierungen und gewann drei Preise: Best Original Score für Tom Kitt und Brian Yorkey, Best Orchestrations für Tom Kitt und Michael Starobin sowie Best Performance by a Leading Actress in a Musical für Alice Ripley. Nominiert war das Werk unter anderem auch als Best Musical, für Buch, Regie, Bühnenbild, Licht- und Sounddesign sowie J. Robert Spencer und Jennifer Damiano.

Bereits die Off-Broadway-Produktion gewann den Outer Critics Circle Award für Outstanding New Score. Tom Kitt erhielt außerdem einen Drama Desk Award für Outstanding Music.

Den größten Erfolg erzielte das Musical 2010: Next to Normal gewann den Pulitzer-Preis für Drama. Damit wurde es zu einem der sehr wenigen Musicals, die diese bedeutende Auszeichnung erhalten haben.

TRIVIA & FUN FACTS

Next to Normal hieß während seiner frühen Entwicklungsphase zunächst Feeling Electric.

Das Musical wurde über mehrere Jahre hinweg entwickelt und vor der Broadway-Premiere mehrfach grundlegend überarbeitet.

Sein Weg führte ungewöhnlicherweise von Off-Broadway über die Arena Stage in Washington, D.C., zurück nach New York an den Broadway.

Die Broadway-Produktion spielte 734 reguläre Vorstellungen.

Der Pulitzer-Preis machte Next to Normal zu einem historischen Werk des Musiktheaters: Die Auszeichnung würdigte ausdrücklich die Erweiterung des thematischen Spektrums des Musicals.

Für die deutschsprachige Erstaufführung wurde der Titel Fast Normal verwendet. Die Übersetzung stammte von Titus Hoffmann.

Das Musical wurde international in zahlreichen Sprachen produziert, darunter Niederländisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch.

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