Ramin Karimloo

Ramin Karimloo gehört zu den prägenden Musicaldarstellern seiner Generation. Vom West End über den Broadway bis hin zu internationalen Konzertproduktionen hat er Rollen wie das Phantom, Jean Valjean und Sweeney Todd verkörpert. Dabei ist seine Karriere längst nicht klassische Musicalrepertoire beschränkt: Karimloo verbindet Musiktheater mit Schauspiel, Konzertformaten und neuen Bühnenprojekten und hat sich so ein künstlerisches Profil geschaffen, das weit über einzelne Erfolgsrollen hinaus geht.

Wer ist Ramin Karimloo?

Ramin Karimloo, geboren am 19. September 1978 in Teheran, ist ein iranisch-kanadischer Schauspieler, Sänger und Songwriter, dessen Karriere eng mit dem Londoner West End und später dem Broadway verbunden ist. Heute gehört er zu jener Generation von Musicaldarstellern, die zwischen klassischem Musiktheater, Konzertformaten, neuen Musicals und Film beziehungsweise Fernsehen wechseln. Seine bekanntesten Rollen sind das Phantom in The Phantom of the Opera und Love Never Dies sowie Jean Valjean in Les Misérables.

Karimloos Biografie beginnt allerdings nicht in einer Schauspielschule. Seine Familie floh nach der Islamischen Revolution aus dem Iran. Über Italien kam sie nach Kanada; aufgewachsen ist Karimloo in Peterborough und Richmond Hill in Ontario. Eine klassische Schauspielausbildung ist für seinen Werdegang nicht dokumentiert. Stattdessen begann er musikalisch in Toronto, unter anderem in Rockbands und einer Coverband von The Tragically Hip. Anschließend arbeitete er bei Theaterunternehmen auf Kreuzfahrtschiffen.

Der entscheidende Impuls für seine spätere Laufbahn kam nach eigener Aussage bereits in der Jugend: Bei einem Schulausflug sah Karimloo The Phantom of the Opera und war von Colm Wilkinson als Phantom so beeindruckt, dass er selbst auf die Bühne wollte. Einige Jahre später führte ihn dieser Weg tatsächlich nach Großbritannien. 2000 spielte er in Chatham die Titelrolle in einer Pantomime von Aladdin. Es folgten Tourneen mit The Pirates of Penzance und Sunset Boulevard, bevor er 2002 als Feuilly in Les Misérables sein West-End-Debüt gab.

Damit begann eine auffällige Verbindung zu zwei zentralen Produktionen des modernen britischen Musicaltheaters. 2003 übernahm Karimloo im West End Raoul in The Phantom of the Opera. 2004 spielte er Enjolras in Les Misérables, 2005 Chris in der britischen Tournee von Miss Saigon. 2006 kehrte er zu Phantom zurück – zunächst als Cover, anschließend als Phantom selbst. Die Rolle prägte seine öffentliche Wahrnehmung nachhaltig.

2010 folgte ein besonderer Karriereschritt: Andrew Lloyd Webber und sein Team besetzten Karimloo als Phantom in Love Never Dies, der Fortsetzung von The Phantom of the Opera. Die Londoner Produktion wurde damit zugleich zur Uraufführung einer Rolle, die speziell für diese Geschichte neu konzipiert war. Für seine Darstellung erhielt Karimloo eine Nominierung für den Laurence Olivier Award.

Parallel blieb Les Misérables ein roter Faden seiner Laufbahn. 2010 sang er Enjolras im 25-Jahre-Konzert in London. 2011/12 übernahm er im West End Jean Valjean, eine Rolle, die ihn schließlich auch nach New York führte. Sein Broadway-Debüt gab er 2014 als Valjean in der Revival-Produktion von Les Misérables. Für diese Leistung wurde er für den Tony Award als bester Hauptdarsteller in einem Musical nominiert und erhielt außerdem einen Theatre World Award.

Seine Arbeit beschränkt sich jedoch längst nicht auf diese beiden Mega-Musicals. Karimloo übernahm Rollen in Evita, Murder Ballad, Jesus Christ Superstar, Chess, Doctor Zhivago, The Addams Family, Funny Girl und weiteren Produktionen. Hinzu kommen Konzertproduktionen, Soloalben und Arbeiten für Film und Fernsehen. Von 2019 bis 2021 gehörte er als Kian Madani zur Hauptbesetzung der BBC-Serie Holby City. Auch in Filmen und Serien wie Nativity Rocks!, Blue Bloods und Your Friends & Neighbors war er zu sehen.

Wichtige Werke und Erfolge

Karimloos Karriere lässt sich besonders gut über Rollen nachvollziehen, bei denen er nicht nur bekannte Figuren übernahm, sondern unterschiedliche Seiten des Musicalgenres zeigen konnte.

  • The Phantom of the Opera wurde zu einem Fundament seiner Karriere. Nach seinem West-End-Debüt als Raoul übernahm er ab 2007 das Phantom und verkörperte die Figur mehrere Jahre. 2011 kehrte er für die groß angelegte 25-Jahre-Produktion in der Royal Albert Hall als Phantom zurück. Gemeinsam mit Sierra Boggess und Hadley Fraser stand er in einer Aufführung auf der Bühne, die mit einem Ensemble und Orchester von mehr als 200 Mitwirkenden realisiert und weltweit für Kinos aufgezeichnet wurde.
  • Noch wichtiger für die Entwicklung des Genres war Love Never Dies. Karimloo war das ursprüngliche Londoner Phantom und damit Teil der Entstehung eines Musicals, das die Geschichte von Andrew Lloyd Webbers Phantom fortschrieb. Die Produktion lief von 2010 bis 2011 im Adelphi Theatre. Seine Leistung brachte ihm eine Olivier-Nominierung ein; die Originalaufnahme mit Karimloo und Sierra Boggess gelangte zudem in die Billboard-200-Charts.
  • Les Misérables wiederum zeigt die ungewöhnliche Bandbreite seiner Laufbahn innerhalb eines einzigen Werkes. Karimloo spielte dort im Lauf der Jahre Feuilly, Enjolras und schließlich Jean Valjean. Als Enjolras gehörte er zur Besetzung des 25-Jahre-Konzerts; als Valjean führte ihn die Rolle zunächst zurück ins West End, anschließend nach Toronto und 2014 an den Broadway. Die Broadway-Produktion machte ihn zum Tony-Nominierten.
  • Auch Anastasia markierte einen wichtigen Schritt. Für die Broadway-Uraufführung des Musicals 2017 wurde die Figur Gleb Vaganov neu für die Bühnenfassung entwickelt; Karimloo übernahm die Rolle als Originalbesetzung. Die Figur unterscheidet sich dabei grundlegend vom Gegenspieler Rasputin aus dem Animationsfilm und verankert die Geschichte stärker im politischen Umfeld der russischen Revolution. Karimloo blieb bis Ende 2017 in der Produktion.
  • Mit Funny Girl folgte 2022 eine andere Art von Broadway-Rolle: Karimloo spielte Nick Arnstein in der ersten Broadway-Neuinszenierung des Klassikers mit Lea Michele beziehungsweise zuvor Beanie Feldstein als Fanny Brice. Die Produktion lief bis September 2023.
  • Sein Repertoire umfasst darüber hinaus wiederholt Chess. 2018 spielte er Anatoly Sergievsky im Kennedy Center, später folgten weitere Konzert- und Produktionsfassungen. 2022 war er auch an der Broadway-Konzertfassung beteiligt. Hinzu kamen unter anderem The Addams Family als Gomez Addams, Titanic als Frederick Barrett beim Encores!-Programm des New York City Center sowie Dirty Rotten Scoundrels als Freddy Benson.
  • Zu seinen Auszeichnungen und Nominierungen gehören neben der Olivier-Nominierung und der Tony-Nominierung unter anderem ein Theatre World Award, ein BroadwayWorld Award für Love Never Dies sowie mehrere Auszeichnungen beziehungsweise Nominierungen bei den WhatsOnStage Awards. Für Murder Ballad wurde er 2017 für einen WhatsOnStage Award nominiert. Bei Funny Girl und Pirates! The Penzance Musical folgten weitere Publikumspreis-Nominierungen.

Stil und Einfluss

Karimloos künstlerisches Profil ist weniger durch einen einzigen unverwechselbaren Rollentyp geprägt als durch die Verbindung von stimmlicher Kraft, körperlicher Präsenz und einer auffälligen Affinität zu großen, emotional aufgeladenen Figuren. Phantom, Valjean, Enjolras, Gleb, Nick Arnstein oder Sweeney Todd unterscheiden sich dramaturgisch erheblich. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass Karimloo Figuren häufig über innere Konflikte und eine starke musikalische Präsenz vermittelt.

Seine Laufbahn zeigt dabei eine bemerkenswerte Bewegung zwischen unterschiedlichen Traditionen des Musiktheaters. Einerseits steht er für das britische Mega-Musical mit seinen großen Stimmen und dramatischen Hauptrollen. Andererseits hat er sich immer wieder Produktionen und Konzertformaten zugewandt, die weniger stark auf diese klassische Musicalästhetik festgelegt sind. Murder Ballad, Chess, The Last Match oder seine Arbeiten an Jane Eyre und Sweeney Todd zeigen unterschiedliche Formen des Musiktheaters – vom Rockmusical bis zur konzertanten Neubetrachtung eines Sondheim-Werks.

Bemerkenswert ist auch seine Nähe zu Rock und Pop. Sie ist bereits in seinen beruflichen Anfängen angelegt und setzt sich in seinen Soloaufnahmen fort. Sein Album Ramin erreichte Platz 16 der britischen Albumcharts. From Now On folgte 2019 und erreichte Platz 11 der Billboard Heatseekers Albums. Sein Repertoire verbindet dabei Musicalnummern mit Songs aus Pop- und Filmkontexten.

Diese stilistische Offenheit erklärt auch, warum Karimloo nicht auf die Rolle des klassischen „Leading Man“ reduziert werden kann. Er bewegt sich zwischen Musical, Konzert, Schauspiel, Film und Fernsehen und übernimmt zunehmend auch Funktionen innerhalb der Entwicklung neuer Projekte. Bei The Last Match: A Pro-Wrestling Rock Experience ist er beispielsweise nicht nur Darsteller des Ben Vengeance, sondern als Co-Produzent am Projekt beteiligt.

Gerade The Last Match zeigt eine weitere Facette seiner Arbeit. Die Produktion verbindet Musical, Rockkonzert und professionelles Wrestling. Für die ursprünglichen Aufführungen musste Karimloo nicht nur singen und spielen, sondern sich auch auf die körperlichen Anforderungen des Wrestlings einlassen. Die neue Musiknummer „Thirty Years“, die 2026 mit ihm veröffentlicht wurde, greift die Themen Identität, Erinnerung, Alter und den Preis eines Lebens im Ring auf.

Sein Einfluss liegt damit weniger in einer stilistischen Revolution als in der Fähigkeit, die klassische internationale Musical-Hauptrolle mit unterschiedlichen musikalischen und theatralen Formen zu verbinden. Karimloo steht exemplarisch für eine Generation von Darstellern, deren Karriere nicht mehr an eine einzelne Bühne oder ein einzelnes Genre gebunden ist.

Aktuelles und Relevanz

Auch 2026 ist Karimloos Karriere nicht auf die bekannten Phantom- und Valjean-Rollen reduziert. Anfang des Jahres war er bei einer konzertanten Aufführung von Jane Eyre im David Geffen Hall des Lincoln Center als Edward Fairfax Rochester zu erleben. Die einmalige Aufführung am 15. Februar 2026 gehörte zur Broadway Series von Manhattan Concert Productions und stellte ihn Erika Henningsen als Jane Eyre gegenüber.

Im Sommer folgte eine der für seine aktuelle Karriere interessantesten Rollen: Sweeney Todd in einer neuen Produktion von Stephen Sondheims Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street am Birmingham Repertory Theatre. Die Inszenierung von Artistic Director Joe Murphy lief vom 4. Juli bis 15. August 2026 und stellte Karimloo Meow Meow als Mrs. Lovett und David Bedella als Judge Turpin gegenüber.

Parallel entwickelt sich The Last Match weiter. Karimloo ist dort inzwischen nicht nur mit seiner früheren Darstellung des Ben Vengeance verbunden, sondern als Co-Produzent am Projekt beteiligt. Für 2026 ist eine West-End-Produktion angekündigt, die das Musical mit der Wrestlingorganisation All Elite Wrestling verbindet. Die Londoner Fassung soll das Publikum stärker in das Geschehen einbeziehen und Musical, Rockmusik und professionelles Wrestling miteinander verbinden. Karimloos Beteiligung an der neuen Londoner Produktion ist dabei als Teil der kreativen Entwicklung des Projekts dokumentiert. Die ursprüngliche Bühnenfassung hatte er als Ben Vengeance geprägt.

Damit liegt die aktuelle Bedeutung Karimloos gerade in der Breite seiner Arbeit. Er ist weiterhin mit den großen Rollen des internationalen Musicalrepertoires verbunden, bewegt sich aber zunehmend zwischen Wiederentdeckungen, Konzertproduktionen, neuen Stoffen und eigenen kreativen Projekten. Vom Phantom über Jean Valjean und Gleb bis zu Sweeney Todd und Ben Vengeance reicht inzwischen ein Repertoire, das mehrere Generationen und sehr unterschiedliche Spielarten des Musiktheaters umfasst. Seine Karriere zeigt damit exemplarisch, wie sich die Rolle des internationalen Musicaldarstellers verändert: vom fest mit einem West-End-Titel verbundenen Hauptdarsteller hin zum vielseitigen Performer und Mitgestalter, der zwischen Bühne, Konzert, Film, Fernsehen und der Entwicklung neuer Musicalformate wechselt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert