Into the Woods
Rezension: Marc Lohse
Hamburg, 29.07.26
"Into the Woods" - Wenn Märchen erwachsen werden
Bereits vor Beginn der Premiere von „Into the Woods“ lag eine besondere Spannung in der Luft. Das Foyer des First Stage Theaters füllte sich schnell. Neben Pressevertretern waren auch zahlreiche Familien der Mitwirkenden sowie ehemalige Studierende der Stage School Hamburg gekommen, um diesen besonderen Abend mitzuerleben. Eine klassische Premiere mit großem Schmuck oder aufwendiger Dekoration gab es nicht – im Mittelpunkt stand vielmehr die Produktion selbst und die Menschen, die sie auf die Bühne bringen.
Jede Premiere am First Stage Theater ist etwas Besonderes, denn hier erhalten die Studierenden der Stage School Hamburg die Möglichkeit, große Musicalwerke unter professionellen Bedingungen zu präsentieren. Bei „Into the Woods“ war die Erwartung jedoch mit einer gewissen Spannung verbunden. Denn Stephen Sondheim gilt nicht ohne Grund als einer der anspruchsvollsten Musicalkomponisten überhaupt. Seine Werke verlangen nicht nur stimmliche Sicherheit, sondern auch großes schauspielerisches Verständnis und die Fähigkeit, komplexe musikalische Strukturen mit Leben zu füllen.
Daher stellte sich vor Beginn durchaus die Frage: Ist ein Stück wie „Into the Woods“ für eine Ausbildungsproduktion vielleicht eine zu große Herausforderung?
Die Antwort darauf gab die Cast an diesem Abend sehr deutlich.
Ein Märchenmusical, das mehr erzählt als bekannte Geschichten
Auf den ersten Blick klingt „Into the Woods“ nach einer Sammlung bekannter Märchenfiguren. Rotkäppchen, Aschenputtel, Rapunzel und weitere Figuren treffen aufeinander und erleben ihre eigenen Geschichten. Doch Stephen Sondheim und Autor James Lapine erzählen weit mehr als eine einfache Aneinanderreihung bekannter Märchen.
Im Zentrum stehen Wünsche, Entscheidungen und die Frage, welche Konsequenzen das eigene Handeln haben kann. Was passiert, wenn Träume plötzlich wahr werden? Und ist das, was man sich immer gewünscht hat, tatsächlich die Lösung aller Probleme?
Gerade diese Ebene macht „Into the Woods“ zu einem besonderen Musical. Es ist kein Stück, das ausschließlich von großen Showmomenten lebt, sondern von seinen Figuren und deren Entwicklung.
Besonders deutlich wurde das beim Bäcker und seiner Frau, dargestellt von Elias Niesner und Nina Oeter. Ihr Zusammenspiel gehörte zu einen der stärksten Momenten des Abends. Beide vermittelten glaubwürdig die unterschiedlichen Phasen einer Beziehung – die schönen Augenblicke genauso wie die schwierigen Momente. Dadurch wurden die beiden Figuren nicht nur zu Bestandteilen der Handlung, sondern zu Menschen, mit denen das Publikum mitfühlen konnte.
Eine klassische Inszenierung mit viel Humor
Die Inszenierung im First Stage Theater orientierte sich an der klassischen Erzählweise des Stücks. Dabei wurde immer wieder mit Humor gearbeitet. Gerade bei einem Werk wie „Into the Woods“, das musikalisch und inhaltlich anspruchsvoll ist, war diese Entscheidung hilfreich, um das Publikum durch die Geschichte zu führen und immer wieder Leichtigkeit entstehen zu lassen.
Das Bühnenbild selbst war eher schlicht gehalten, wurde aber wirkungsvoll eingesetzt. Besonders die Lichtgestaltung half dabei, unterschiedliche Stimmungen zu erzeugen und neue Schauplätze entstehen zu lassen. Auch die Umbauten funktionierten sehr geschickt und verwandelten die Bühne immer wieder in neue Orte.
Ein besonders interessantes Detail zeigte sich zu Beginn der beiden Akte: Drei Szenen wurden gleichzeitig auf der Bühne gespielt, die an unterschiedlichen Orten stattfanden. Die Bühne wirkte dadurch fast wie dreigeteilt und zeigte eindrucksvoll, wie mehrere Geschichten parallel erzählt werden können.
Regie und Lichtgestaltung
Für die Regie sowie die Lichtgestaltung ist Timon Strick verantwortlich. Seine Arbeit prägt den Gesamteindruck der Produktion entscheidend mit. Die Inszenierung bleibt dem klassischen Charakter von „Into the Woods“ treu, schafft es aber gleichzeitig, durch humorvolle Momente und eine klare Erzählweise das Publikum durch die komplexe Geschichte zu führen.
Besonders gelungen ist der Umgang mit der Bühne und den verschiedenen Stimmungen des Stücks. Die Lichtgestaltung unterstützt die Handlung wirkungsvoll und hilft dabei, die unterschiedlichen Schauplätze und emotionalen Situationen sichtbar zu machen. Gerade bei einem Musical, das stark von Atmosphäre und Fantasie lebt, trägt das Licht wesentlich dazu bei, die Welt von „Into the Woods“ entstehen zu lassen.
Die Verbindung aus Regie und Licht zeigt, wie wichtig auch die kreativen Bereiche hinter den Darstellerinnen und Darstellern für das Gelingen einer Produktion sind.
Die Herausforderung Sondheim
Die größte Herausforderung von „Into the Woods“ liegt zweifellos in der Musik. Stephen Sondheim schreibt keine klassischen Musicalnummern, die sofort als große Ohrwürmer im Gedächtnis bleiben. Seine Songs sind oft komplex, verlangen Präzision und verbinden Gesang eng mit der Handlung.
Genau deshalb war es spannend zu sehen, wie souverän die Studierenden mit diesem Material umgingen.
Besonders beeindruckend war, dass auch schnelle Gesangs- und Sprechpassagen sicher umgesetzt wurden. Die Texte blieben verständlich und die musikalische anspruchsvolle Struktur des Stücks wurde nicht zum Hindernis für die Erzählung.
Die Entscheidung, ein solches Musical auf die Bühne zu bringen, ist mutig. In einer Zeit, in der häufig die großen bekannten Musicaltitel im Mittelpunkt stehen, ist es erfrischend, ein Werk zu erleben, das einen anderen Weg geht.
Eine starke Cast mit besonderen Momenten
Besonders hervorzuheben ist Nurya Bascio in der Rolle der Hexe. Bereits in ihren ersten Momenten zeigte sie eine starke Bühnenpräsenz. Ihre Stimme überzeugte ebenso wie ihre schauspielerische Darstellung. Gerade die schnellen Gesangs- und Sprechpassagen meisterte sie scheinbar mühelos.
Bei ihrem Solo gehörte ihr die Bühne vollständig. Sie konnte nicht nur musikalisch überzeugen, sondern zog auch das Publikum unmittelbar in ihren Bann.
Auch Caroline Pötzelsberger als Rotkäppchen blieb besonders im Gedächtnis. Sie verkörperte die Figur mit einer großen Authentizität und ließ genau die Mischung entstehen, die man sich bei dieser Märchenfigur vorstellt: freundlich, sympathisch und neugierig. Gleichzeitig zeigte sie auch gesanglich ihre Stärke.
Ein humorvoller Bestandteil des Abends waren außerdem die beiden Prinzen, gespielt von Chase Tolbert und Max Nikolaos Karafotias. Ihre wiederkehrenden Begegnungen sorgten immer wieder für Überraschungsmomente und lockerten die Handlung mit viel Spielfreude auf.
Insgesamt überzeugte das Ensemble vor allem durch sein Zusammenspiel. Die Darstellerinnen und Darsteller ergänzten sich gegenseitig und entwickelten eine Energie, die sich auch auf das Publikum übertrug.
Live-Musik und musikalische Umsetzung
Begleitet wurde die Produktion von einer Live-Band. Der Klang war ausgewogen und unterstützte die Darsteller auf der Bühne sehr gut. Besonders positiv fiel auf, dass auch die schnellen Passagen verständlich blieben – ein wichtiger Punkt bei einem Musical, das stark von Sprache und Text lebt.
Choreografisch lässt sich „Into the Woods“ nicht mit vielen anderen Musicalproduktionen vergleichen. Das Stück ist deutlich stärker gesangs- und schauspielorientiert und bietet weniger klassische Tanznummern. Dennoch wurde aus den Möglichkeiten, die das Werk bietet, viel herausgeholt.
Ein besonderer Umgang mit der Fantasie des Publikums
Eine interessante Entscheidung betrifft die Riesin, die nicht direkt auf der Bühne erscheint. Auch die Zerstörung, die sie verursacht, muss stärker durch die Vorstellungskraft des Publikums entstehen.
Das ist zunächst ungewohnt, funktioniert aber durch das Spiel der Darstellenden ziemlich gut. Die Geschichte vertraut hier bewusst darauf, dass Theater nicht immer alles sichtbar machen muss.
Fazit: Ein mutiger und gelungener Abend
„Into the Woods“ im First Stage Theater ist ein Beispiel dafür, wie anspruchsvolle Musicalwerke auch im Rahmen einer Ausbildung überzeugend umgesetzt werden können.
Die Produktion zeigt, dass Musical nicht nur aus großen Melodien und spektakulären Showmomenten besteht. Manchmal sind es gerade die komplexeren Werke, die besondere Aufmerksamkeit verdienen.
Die Studierenden der Stage School Hamburg haben sich mit Stephen Sondheims anspruchsvollem Werk einer großen Herausforderung gestellt, und diese mit viel Engagement, Spielfreude und gesanglicher Qualität gemeistert.
Das Publikum im ausverkauften Theater zeigte am Ende deutlich, wie sehr der Abend überzeugt hatte: Mit Standing Ovations bedankte es sich bei der Cast und dem gesamten Team.
„Into the Woods“ ist eine Produktion für alle, die Musical einmal aus einer anderen Perspektive erleben möchten. Ein mutiger Stoff, eine engagierte Cast und ein Abend, der zeigt, wie viel Potenzial in der nächsten Generation von Musicaldarstellerinnen und Musicaldarstellern steckt.
