Pretty Woman - Das Musical
Rezension: Marc Lohse
Stuttgart, 04. Juni 2026
Einleitung
Wenn ein Kinoklassiker die Reise auf die Musicalbühne antritt, ist die Erwartungshaltung des Publikums naturgemäß hoch. Die Gefahr, in nostalgischen Vergleichen zu versinken ist allgegenwärtig. „Pretty Woman – Das Musical“ in der Stuttgarter Liederhalle hatte diese Hürde an diesem Nachmittag nicht nur genommen, sondern spielend und mit Bravour übersprungen. Das Ensemble lieferte eine sprühend lebendige, temporeich inszenierte und stimmlich beeindruckende Produktion ab, die weit mehr war als eine bloße Bühnenadaption des bekannten Films.
Auffällig ist dabei der bewusste Bruch mit dem romantisch-verklärten Tonfall der Filmvorlage: Das Musical setzt auf Witz, überdrehte Gesellschaftssatire und auf ein Tempo, das die Show wie im Flug vergehen lässt. Die Welt der High Society wird mit spitzer Feder überzeichnet und damit herrlich auf die Schippe genommen. Ein mutiger, aber erfrischender Ansatz, der das Stück als eigenständiges Werk positioniert.
Die Hauptdarsteller
Sofie de Schryver als Vivian Ward
war schlicht ein Event für sich. Vom ersten Moment an zog sie das Publikum restlos in ihren Bann. Ihre Darstellung einer jungen Frau, die zwischen Selbstschutz und dem Wunsch nach Zugehörigkeit pendelt, besaß eine emotionale VielfaltDiversität bedeutet in Musicals die bewusste Einbindung vielfältiger Identitäten (ethnisch, geschlechtlich, körperlich) in Besetzungen, Story und Produktion. Beispiele: „Hamilton“ mit BIPoC-Darstellern (Black, Indigenous and People… More, Tiefe und Glaubwürdigkeit, die nur selten auf den Bühnen anzutreffen ist und die unter die Haut ging. Besonders bemerkenswert war die konsequent gespielte innere Entwicklung ihrer Figur: Aus der zunächst unsicheren Vivian wurde im Laufe des Abends eine Frau von unverkennbarer Würde und Stolz mit eigenem Standpunkt. Eine Verwandlung, die de Schryver nicht über Kostüm oder Maske, sondern ausschließlich über ihr schauspielerisches und stimmliches Können transportierte. Wann immer sie auf der Bühne stand, gehörte ihr der Raum.
Mathias Edenborn als Edward Lewis
gab seinem Charakter die notwendige kühle Präzision eines Mannes, der die Welt stets durch die Linse des Nutzens betrachtet. Edenborn verstand es, die anfängliche Unnahbarkeit seiner Figur nicht als Steifheit, sondern als kontrollierten Selbstschutz zu spielen und machte damit die schrittweise Auflösung dieser Fassade umso wirkungsvoller. Je mehr Vivian in sein Leben trat, desto feiner wurden die Risse in seinem Panzer, desto menschlicher und verletzlicher der Mann dahinter. Eine souverän gespielte Entwicklung, die im Dialog mit de Schryver stets auf Augenhöhe stattfand.
Herausragende Nebenrollen
Sophie Reinicke als Kit de Luca,
Vivians treue Freundin und schlagfertige Mitbewohnerin, war eines der stimmlichen Highlights des Nachmittags. Mit einer Stimme von beachtlicher Kraft und Strahlkraft füllte sie die Liederhalle mühelos und erntete verdiente Begeisterung. Doch Reinicke blieb nicht auf die musikalischen Glanzmomente beschränkt: Ihr ausgeprägtes Talent für Komik und Timing machte ihre Szenen zu kleinen Kabinettstücken, die das Publikum wiederholt zum Lachen brachten.
Benedikt Ivo als Hotelmanager
bewies, dass Nebenrollen den Abend tragen können. Ivo zeichnete seinen Charakter mit feiner Beobachtungsgabe: einerseits die Würde und Professionalität eines erfahrenen Gastgebers, andererseits ein stetes, liebenswürdiges Augenzwinkern, das seinen Figur eine besondere Wärme und Sympathie verlieh. Das Spannungsfeld zwischen Etikette und menschlicher Zuneigung löste er mit großer Natürlichkeit.
Benjamin Plautz als Philip Stuckey,
Edwards skrupelloser Anwalt, meisterte den dramaturgischen Spagat seiner Rolle bemerkenswert. Plautz ließ glaubhaft offen, ob sein Charakter aus echter Loyalität gegenüber dem Freund handelt oder schlicht dem eigenen Vorteil folgt, und genau diese Ambivalenz machte ihn zur überzeugenden Figur.
Leopold Lachnit als Hotelangestellter Giulio
begeisterte auf ganz eigene Weise: Seine akrobatischen Einlagen verblüfften ebenso wie sein komödiantischer Instinkt. Lachnit verstand es, in kurzen Momenten maximale Wirkung zu erzielen. Ein Szenenapplaus war ihm stets sicher.
Steffi Regner
verdient eine besondere Erwähnung. Wer Regner lange Zeit vor allem als engagierten Teil des Ensembles wahrgenommen hatte, wurde hier auf eindrucksvolle Weise eines Besseren belehrt. Sie hatte einen der stärksten Einzelmomente der gesamten Produktion für sich beanspruchte: In der Rolle der Operndiva Violetta aus Verdis „La Traviata“ entfesselte sie eine stimmliche Wucht, die das Publikum sichtlich überraschte und noch lange nachhallt.
Ensemble
Das gesamte Ensemble um Lena Sophie Pudenz, Giulia Angelini, Valerio Croce, Diego Federico, Máté Gyenei, Noei Lee, Sascha Luder, Ivan Persson, Martina Peruzzi, Amber Quint, Sam Rondeel sowie der bereits erwähnten Steffi Regner, sprühten vor Spielfreude und Energie und hoben mit ihrer Performance das Stück auf ein ganz neues Level. Die Gruppe agierte stets als geschlossene Einheit und sorgte dafür, dass die Stimmung von der ersten bis zur letzten Minute nicht abriss.
Eines der visuellen Highlights des Tages war das Pagenensemble, das mit (und ohne) High Heels eine Choreografie von seltener Präzision und Ausdruckskraft auf die Bühne brachte. Was auf den ersten Blick wie eine spielerische Idee wirkt, entpuppte sich als eine der aufwändigsten und eindrucksvollsten Nummern der Produktion. Tänzerisch anspruchsvoll, komödiantisch zugespitzt und mit einer Leichtigkeit vorgetragen, die das dahintersteckende handwerkliche Können nur ahnen ließ.
Fazit
„Pretty Woman – Das Musical“ ist in der Stuttgarter Liederhalle an diesem Abend weit mehr als ein unterhaltsames Spektakel: Es ist eine pointierte, klug inszenierte und von einem hervorragenden Ensemble vorgetragene Produktion, die ihren eigenen Ton findet. Die bewusste Überzeichnung der Gesellschaftsschichten und der konsequent komödiantische Ansatz machen das Stück zu einem eigenständigen Kunsterlebnis und ließ die Filmvorlage verblassen. Nicht nur, aber auch deshalb, sollte man das Musical in dieser Inszenierung gesehen haben.
Im Mittelpunkt steht jedoch Sofie de Schryver, deren Vivian Ward eine Darstellung war, die man so schnell nicht vergisst: emotional, vielschichtig und zutiefst menschlich, sowohl im Zusammenspiel mit Edward als auch mit Kit de Luca. Der Applaus am Ende des Abends sprach eine deutliche Sprache und er war mehr als verdient.
