Hadestown
EINLEITUNG
Hadestown ist eines der originellsten Musicals der letzten Jahre und verbindet die griechische Mythologie mit amerikanischem Folk, Blues und New-Orleans-Jazz. Erdacht von der Singer-Songwriterin Anaïs Mitchell und in enger Zusammenarbeit mit Regisseurin Rachel Chavkin entwickelt, erzählt das Musical die Sage von Orpheus und Eurydike neu und verwebt sie mit der Geschichte von Hades und Persephone. Seit der Broadway-Premiere 2019 hat sich Hadestown zu einem der meistgefeierten Musicals seiner Generation entwickelt und wurde mit acht Tony Awards, darunter Best Musical, sowie einem Grammy Award ausgezeichnet.
ZUSAMMENFASSUNG
Hadestown erzählt die Geschichte des jungen Musikers Orpheus, der sich in Eurydike verliebt, eine junge Frau, die vom Hunger und der Härte der Welt gezeichnet ist. Aus Verzweiflung über die Aussicht auf ein Leben in Armut lässt sich Eurydike auf einen Handel mit Hades ein, dem Herrscher der Unterwelt, und folgt ihm in dessen unterirdisches Industriereich, genannt Hadestown. Orpheus, entschlossen, sie zurückzuholen, begibt sich auf eine gefährliche Reise in die Tiefe. Parallel dazu wird die Beziehung von Hades und seiner Frau Persephone erzählt, die zwischen Unterwelt und Oberwelt hin- und herpendelt und so die Jahreszeiten bestimmt. Erzählt wird die gesamte Geschichte vom Götterboten Hermes, der als eine Art Conférencier durch den Abend führt. Am Ende erhält Orpheus von Hades die Chance, Eurydike mit sich zu nehmen, allerdings unter einer Bedingung, die Zweifel und Vertrauen auf die Probe stellt. Die Geschichte endet, wie der antike Mythos es vorgibt, tragisch, doch das Musical betont, dass es trotzdem wert ist, sie immer wieder zu erzählen.
HANDLUNG
! SPOILER_ALARM !
Der Abend beginnt damit, dass Hermes das Publikum begrüßt und die Welt von Hadestown vorstellt: eine Mischung aus Weltwirtschaftskrise, New-Orleans-Jazzclub und industrieller Unterwelt. Er stellt die Fates vor, ein Trio, das als eine Art griechischer Chor kommentierend in die Handlung eingreift, sowie die zentralen Figuren Orpheus und Eurydike. Orpheus arbeitet als Kellner, ist aber vor allem ein begnadeter, etwas weltfremder Songwriter, der insgeheim an einem Lied arbeitet, das angeblich die Welt wieder ins Gleichgewicht bringen könnte. Eurydike, pragmatisch und vom Überlebenskampf gezeichnet, verliebt sich dennoch in seine Aufrichtigkeit und seinen Idealismus.
Parallel dazu wird die Vorgeschichte von Hades und Persephone erzählt. Persephone verbringt die Hälfte des Jahres in der Oberwelt, wo sie Frühling und Sommer bringt, und die andere Hälfte in der Unterwelt bei Hades. Ihre Ehe ist von Entfremdung geprägt: Hades hat sich zunehmend in seine Arbeit als industrieller Herrscher vertieft und Hadestown in eine Fabrikstadt voller schuftender Arbeiter verwandelt, während Persephone die Zeit in der Oberwelt genießt und dort einen improvisierten Sommer-Umtrunk veranstaltet.
Als eine harte Dürreperiode hereinbricht und Nahrung knapp wird, verschärft sich Eurydikes Notlage. In diesem Moment der Verzweiflung erscheint Hades in der Oberwelt und wirbt, verkleidet als reicher Fabrikbesitzer, um Eurydike, indem er ihr Sicherheit, Arbeit und ein Leben ohne Hunger verspricht. Trotz Orpheus‘ Liebe entscheidet sich Eurydike, den Zug nach Hadestown zu nehmen, ein Akt, der zugleich als eine Art Tod inszeniert wird, da das Betreten der Unterwelt mit dem Übertritt ins Totenreich gleichgesetzt wird.
Orpheus, am Boden zerstört über ihren Verlust, macht sich mithilfe von Hermes auf den beschwerlichen Weg in die Unterwelt, um Eurydike zurückzuholen. Unterwegs begegnet er der harten Realität von Hadestown: einer Stadt aus Stahl, Mauern und endloser Maloche, in der die Arbeiter im Lied „Why We Build the Wall“ ihre eigene Unterdrückung rationalisieren. Als Orpheus schließlich vor Hades tritt, gelingt es ihm nicht durch Bitten, sondern durch sein Lied, den Herrscher der Unterwelt zu erweichen. Eine Melodie, die Hades an seine eigene, inzwischen verblasste Liebe zu Persephone erinnert.
Bewegt von der Erinnerung an das, was Liebe einmal bedeutete, erlaubt Hades Orpheus, Eurydike mit sich zu nehmen – jedoch unter einer grausamen Bedingung: Orpheus muss vorausgehen, und Eurydike wird ihm folgen, doch wenn er sich auch nur ein einziges Mal umdreht, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich hinter ihm ist, verliert er sie für immer. Der lange Weg zurück ans Licht wird zur Zerreißprobe für Orpheus‘ Vertrauen. Von Zweifeln geplagt, ob Hades ihn nicht doch getäuscht hat, dreht sich Orpheus kurz vor dem Ausgang um – und verliert Eurydike endgültig an die Unterwelt.
Das Musical endet nicht mit einem tröstlichen Ausgang, sondern mit der Anerkennung, dass diese tragische Geschichte immer wieder erzählt wird, weil in ihr auch ein Funke Hoffnung liegt: der Gedanke, dass es sich lohnt, es erneut zu versuchen, selbst wenn man weiß, wie die Geschichte endet.
KREATIVTEAM
Buch, Musik und Liedtexte stammen von Anaïs Mitchell, die das Projekt ursprünglich als Konzeptalbum und DIY-Theaterprojekt in Vermont startete.
Entwickelt und inszeniert wurde die Bühnenfassung von Rachel Chavkin.
Weitere kreative Schlüsselpositionen hatten Rachel Hauck (Bühnenbild), Michael Krass (Kostüme), Bradley King (Licht) sowie Michael Chorney und Todd Sickafoose (Arrangements/Orchestrierung).
PREMIEREN
Die Uraufführung fand 2016 Off-Broadway am New York Theatre Workshop statt, gefolgt von einer Produktion am National Theatre in London 2018.
Am 22. März 2019 begannen die Previews am Broadway im Walter Kerr Theatre, die offizielle Broadway-Premiere folgte am 17. April 2019.
HISTORISCHER, KULTURELLER & THEMATISCHER KONTEXT
Hadestown entstand ursprünglich 2006 als kleines Community-Theaterprojekt Anaïs Mitchells in Vermont und wurde 2010 zunächst als Konzeptalbum mit Gästen wie Justin Vernon und Ani DiFranco veröffentlicht, bevor es über mehrere Entwicklungsstufen, unter anderem am New York Theatre Workshop und am National Theatre London, zur abendfüllenden Broadway-Produktion heranwuchs. Musikalisch verbindet das Werk amerikanischen Folk mit New-Orleans-Jazz und Blues und schafft damit einen unverwechselbaren Klang, der sich deutlich vom klassischen Broadway-Sound abhebt.
Thematisch verhandelt Hadestown zeitlose Fragen von Liebe, Vertrauen und Zweifel, verknüpft diese aber bewusst mit Motiven wie wirtschaftlicher Ausbeutung, Klimawandel und Mauerbau. Themen, die durch die Ästhetik der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre gebrochen werden. Die Figur des Hades steht dabei für eine industrielle, kontrollierende Macht, während Persephone Naturverbundenheit und Lebensfreude verkörpert. Diese Gegenüberstellung macht das Stück auch zu einem Kommentar auf gegenwärtige gesellschaftliche Spannungen zwischen Fortschritt, Ausbeutung und Menschlichkeit.
DARSTELLER
Die Broadway-Originalbesetzung von 2019 bestand aus Reeve Carney als Orpheus, Eva Noblezada als Eurydike, André De Shields als Hermes, Patrick Page als Hades und Amber Gray als Persephone. Alle fünf hatten ihre Rollen bereits an der National-Theatre-Produktion in London gespielt. De Shields gewann für seine Darstellung des Hermes einen Tony Award.
Im Laufe der Broadway-Laufzeit übernahmen zahlreiche bekannte Namen die Hauptrollen, darunter Jordan Fisher und Solea Pfeiffer, außerdem Musikerinnen wie Ani DiFranco, Yola und Betty Who in der Rolle der Persephone sowie Lillias White als Hermes. Auch Stephanie Mills und weitere erfahrene Broadway-Stars gehörten zu den späteren Besetzungen. Die ursprüngliche Broadway-Besetzung kehrte 2025 für eine limitierte Vorstellungsreihe ins Londoner Lyric Theatre zurück, die zugleich als Live-Mitschnitt für eine spätere Kinoauswertung diente.
MUSIK
„Road to Hell“ – Eröffnungsnummer, in der Hermes die Welt der Geschichte vorstellt.
„Wait for Me“ – Orpheus‘ entschlossener Aufbruch in die Unterwelt.
„Why We Build the Wall“ – Bedrückender Gemeinschaftsgesang der Arbeiter über Mauern und Ausgrenzung.
„Livin‘ It Up on Top“ – Persephones überschwängliche Ode an die Oberwelt.
„Hey, Little Songbird“ – Hades‘ verführerisches Werben um Eurydike.
„Epic III“ – Orpheus‘ Lied, das Hades‘ Herz erweicht.
„Doubt Comes In“ – Der innere Konflikt, der Orpheus beim Rückweg begleitet.
AUSZEICHNUNGEBN & NOMINIERUNGEN
Hadestown zählt zu den meistausgezeichneten Musicals seiner Zeit. Bei den Tony Awards 2019 erhielt das Stück 14 Nominierungen, die meisten aller Produktionen dieser Saison, und gewann acht Preise, darunter Best Musical, Best Original Score für Anaïs Mitchell, Best Direction of a Musical für Rachel Chavkin sowie Best Featured Actor in a Musical für André De Shields.
Das Original Broadway Cast Album gewann 2020 den Grammy Award für das Best Musical Theater Album. Darüber hinaus wurde Hadestown mit Drama Desk Awards, Outer Critics Circle Awards und zahlreichen weiteren Theaterpreisen bedacht.
TRIVIA / FUN FACTS
Mit Hadestown wurde Anaïs Mitchell die erste Frau seit Elizabeth Swados‘ „Runaways“ (1978), die Buch, Musik und Liedtexte eines Broadway-Musicals allein verfasste.
Das Projekt entstand ursprünglich 2006 als informelles Community-Theaterstück in Vermont, bevor daraus 2010 ein Konzeptalbum wurde.
2016 wurde Hadestown mit dem Richard Rodgers Award der American Academy of Arts and Letters ausgezeichnet.
Die West-End-Produktion mit der Originalbesetzung wurde 2026 als Live-Mitschnitt unter dem Titel „Hadestown: The Musical“ auch für Kinozuschauer außerhalb des Theaters zugänglich gemacht.
