Porgy and Bess

Oper oder Musical?
Wo verkäuft die Grenze?

Am 10. Oktober 1935 feierte George Gershwins Porgy and Bess seine Broadway-Premiere. Das Werk gilt als eine der bedeutendsten amerikanischen Opern und sorgte schon damals für Diskussionen darüber, ob es nicht ebenso zum Musical gehört. Doch was unterscheidet die beiden Gattungen eigentlich? Und lassen sich diese Grenzen überhaupt eindeutig ziehen?

Porgy and Bess: Ein Werk zwischen den Welten

Als George Gershwins Porgy and Bess am 10. Oktober 1935 am New Yorker Alvin Theatre erstmals am Broadway aufgeführt wurde, war die Frage nach seiner Einordnung keineswegs geklärt. Gershwin selbst verstand das Werk als eine amerikanische Volksoper, eine „American folk opera“. Die Metropolitan Opera berichtet, dass bereits zur Premiere sowohl Kritiker für klassische Musik als auch Rezensenten des populären Musiktheaters mit der Besprechung dieser Frage beauftragt wurden.

Das Werk erzählt die Geschichte von Porgy und Bess, deren Beziehung in einer afroamerikanischen Gemeinschaft in Charleston, South Carolina, von Gewalt, Abhängigkeit und schwierigen Lebensumständen geprägt ist. Musikalisch verbindet Gershwin Elemente der Oper mit Jazz, Blues, Spirituals und populär geprägten Melodien. Songs wie „Summertime“ und „I Got Plenty o’ Nuttin’“ sind längst weit über die Opernbühne hinaus bekannt.

Doch macht eine eingängige Melodie aus einer Oper ein Musical? Oder ist entscheidend, wie ein Werk komponiert wurde, wie seine Handlung erzählt wird und in welcher Tradition es steht?

Porgy and Bess zeigt, dass diese Frage keineswegs neu ist. Sie begleitet das Werk seit seiner Uraufführung.

Was macht eine Oper aus?

Die Oper als Gattung entstand um 1600 und entwickelte sich über Jahrhunderte zu einer vielfältigen Kunstform. Ihr charakteristisches Merkmal ist die zentrale Rolle der Musik: Die Handlung wird durch Gesang, Orchester und musikalisch gestaltete Szenen erzählt. Gefühle, Konflikte und Beziehungen werden nicht nur durch Worte, sondern auch durch Melodien, Harmonien und die musikalische Gestaltung der Stimmen vermittelt.

Viele Opern sind vollständig oder nahezu vollständig gesungen. Dialoge werden häufig als Rezitative gestaltet – gesangsnahe Passagen, die die Handlung vorantreiben und zwischen größeren musikalischen Nummern vermitteln. In anderen Opernformen gibt es dagegen gesprochene Dialoge.

Ein Beispiel ist das Singspiel, zu dem Mozarts Die Zauberflöte gehört. Hier wechseln sich gesprochene Dialoge mit Arien, Ensembles und Chören ab. Gesprochene Sprache ist also kein grundsätzliches Ausschlusskriterium für die Oper.

Auch die Gesangstechnik spielt eine Rolle. In vielen Opern stehen klassisch ausgebildete Stimmen und eine Klanggestaltung im Mittelpunkt, die sich an der europäischen Operntradition orientiert. Doch auch das ist keine starre Regel für jedes Werk und jede Inszenierung.

Und der Unterschied zum Musical?

Das moderne Musical verbindet Gesang, Schauspiel, Musik und häufig Tanz zu einer gemeinsamen Bühnenform. Es entwickelte sich aus verschiedenen Unterhaltungstraditionen und nahm Einflüsse unter anderem aus Operette, Vaudeville, Revue und populärer Musik auf.

Anders als in vielen traditionellen Opern wechseln sich im Musical häufig gesprochene Dialoge und gesungene Nummern ab. Songs können die Handlung vorantreiben, die Gedanken einer Figur offenlegen oder einen Konflikt zuspitzen. Tanz kann dabei eine eigenständige erzählerische Funktion übernehmen.

Musicals verwenden außerdem eine große stilistische Bandbreite: von Pop und Rock über Jazz und klassische Orchesterklänge bis hin zu Musik, die sich stark an der Oper orientiert.

Aber auch hier gibt es Ausnahmen. In einem sogenannten durchkomponierten Musical wird die Handlung fast ohne längere gesprochene Dialoge durch Musik und Gesang erzählt. Les Misérables ist ein bekanntes Beispiel. Das Werk bleibt trotzdem ein Musical.

Die einfache Gleichung „Oper ist Gesang, Musical ist Gesang und gesprochenes Wort“ funktioniert deshalb nicht.

Wenn die Grenzen verschwimmen

Es gibt Werke, bei denen sich die üblichen Kategorien nur schwer voneinander abgrenzen lassen.

Porgy and Bess verbindet eine opernhafte musikalische Anlage mit Einflüssen aus afroamerikanischen Musiktraditionen und Melodien, die auch als eigenständige Songs erfolgreich wurden. Gershwins ursprüngliche Bezeichnung als Oper ist dabei ebenso wichtig wie die Tatsache, dass das Werk am Broadway aufgeführt wurde. Der Aufführungsort allein entscheidet schließlich nicht über die Gattung.

West Side Story von Leonard Bernstein, Stephen Sondheim und Arthur Laurents zeigt eine andere Form der Verbindung. Das Musical erzählt seine Geschichte nicht nur durch Dialoge und Songs, sondern nutzt auch Orchester, Tanz und musikalische Motive, um Figuren und Konflikte miteinander zu verknüpfen. Die Musik ist eng mit der dramatischen Handlung verwoben.

Sweeney Todd von Stephen Sondheim bewegt sich ebenfalls nahe an der Grenze. Die Musik übernimmt einen großen Teil der dramatischen Erzählung, Chöre und Orchester schaffen eine durchgängige musikalische Atmosphäre. Dennoch wird das Werk dem Musical zugeordnet.

Diese Beispiele zeigen: Weder die Komplexität der Musik noch die Länge der Gesangspassagen oder die Größe des Orchesters reichen allein aus, um ein Werk eindeutig einzuordnen.

Wer entscheidet, ob ein Werk Oper oder Musical ist?

Eine eindeutige Antwort gibt es nicht immer. Verschiedene Faktoren beeinflussen die Einordnung.

Die Absicht der Urheber: Wie bezeichneten Komponist, Librettist oder Autor ihr Werk? Bei Porgy and Bess ist Gershwins Selbstverständnis als Opernkomponist ein wichtiger Ausgangspunkt.

Die musikalische Gestaltung: Welche Rolle spielen Gesang, Orchester, Songs, Tanz und gesprochene Dialoge? Wie eng sind Musik und Handlung miteinander verbunden?

Die Tradition und Aufführungspraxis: In welchen Häusern wird das Werk gespielt? Welche Gesangstradition prägt die Aufführung? Solche Faktoren beeinflussen die Wahrnehmung, sind aber keine alleinigen Kriterien.

Die Rezeption: Wie haben Kritiker, Theater und Publikum ein Werk im Laufe der Zeit eingeordnet? Die Kategorisierung kann sich verändern, wenn sich Aufführungstraditionen und kulturelle Perspektiven wandeln.

Bei Porgy and Bess lässt sich diese Entwicklung besonders gut beobachten: Das Werk wurde am Broadway uraufgeführt und gehört heute zugleich zum Repertoire bedeutender Opernhäuser. 1985 präsentierte die Metropolitan Opera es erstmals in ihrer Geschichte. Das macht deutlich, dass Aufführungsort und Gattung nicht zwingend dasselbe sind.

Brauchen wir diese Grenzen überhaupt?

Genrebezeichnungen helfen, Werke einzuordnen. Sie geben Orientierung bei der Programmplanung, der Ausbildung, der Besetzung und der Vermarktung. Für Sängerinnen, Sänger und andere Künstler können sie außerdem unterschiedliche Anforderungen und Karrierewege bedeuten.

Gleichzeitig können starre Kategorien den Blick auf die Vielfalt des Musiktheaters verengen. Wenn ein Werk Elemente verschiedener Traditionen verbindet, wird es dadurch nicht weniger eigenständig. Vielleicht ist gerade diese Verbindung seine künstlerische Besonderheit.

Das bedeutet nicht, dass Oper und Musical dasselbe sind. Beide haben eigene Geschichten, Konventionen und Aufführungstraditionen. Aber ihre Grenzen sind nicht in jedem Fall so eindeutig, wie es die Bezeichnungen vermuten lassen.

Porgy and Bess wirft deshalb eine Frage auf, die weit über ein einzelnes Werk hinausgeht: Beschreiben Genrebegriffe die musikalische Wirklichkeit oder versuchen wir manchmal, eine vielfältige Kunstform in Kategorien zu pressen, die ihr nur teilweise gerecht werden?

Was meinst du?

Ist Porgy and Bess für dich eine Oper, ein Musical oder ein Werk, das sich nicht eindeutig zuordnen lässt?

Und woran machst du den Unterschied fest: an der Musik, der Gesangstechnik, der Dramaturgie, den gesprochenen Dialogen oder an der Tradition, in der ein Werk aufgeführt wird?

Diskutiere mit Stage Vibe bei Stage Talk. Wir sind gespannt auf deine Sichtweise.

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