The Black Crook (1866)

Ein Zufall, der das Broadway-Musical erfand

Am Abend des 12. September 1866 drängten sich mehr als 3.000 Menschen in das Niblo’s Garden an der Ecke Broadway und Prince Street in New York. Draußen staute sich der Kutschenverkehr, drinnen herrschte eine geladene, drückende Erwartung. Was das Publikum an diesem Premierenabend geboten bekam, sprengte jede gewohnte Dimension: Die Vorstellung dauerte fünfeinhalb Stunden und zog sich bis tief in die Nacht. Als der letzte Vorhang endlich fiel, war die Theaterwelt eine andere. Niemand der Beteiligten hatte diesen Abend als historischen Wendepunkt geplant – und doch sollte das Stück als Geburtsstunde des kommerziellen Broadway-Musicals in die Geschichte eingehen.

Ein brennendes Theater und ein widerspenstiger Dramatiker

Vier Monate zuvor, im Mai 1866, hatten die Produzenten Henry C. Jarrett und Harry Palmer ein handfestes Problem. Sie hatten eine komplette europäische Balletttruppe nach Amerika geholt – Solistinnen, prunkvolle Kostüme, aufwendige Pariser Kulissen, alles für das französische Feerie-Spektakel „La Biche au bois“, das an der New York Academy of Music laufen sollte. Am 22. Mai 1866 brannte die Academy of Music jedoch bis auf die Grundmauern nieder. Von einem Moment auf den anderen saßen Jarrett und Palmer mit einer hochkarätigen, teuer bezahlten Tanztruppe mitten in Manhattan und hatten keine Bühne mehr, auf der sie auch nur einen einzigen Schritt tanzen konnte.

In dieser Notlage kam William Wheatley ins Spiel, der Manager des Niblo’s Garden, eines der größten und technisch modernsten Theater der Stadt. Wheatley besaß etwas, das die gestrandeten Produzenten dringend brauchten: eine Bühne. Und er selbst besaß etwas, von dem er noch nicht wusste, wie wertvoll es werden würde: die Rechte an einem neuen Stück des Schauspielers und Dramatikers Charles M. Barras. Barras hatte ein schwülstiges, düsteres Fantasydrama geschrieben, erkennbar inspiriert von Goethes Faust und Carl Maria von Webers „Der Freischütz„. Es war reine Schauerromantik, gedacht als gesprochenes Melodram, ohne eine einzige Tanzeinlage.

Wheatley witterte seine Chance. Was, wenn man das gestrandete Ballett einfach in Barras‘ Melodram hineinschriebe? Barras war entsetzt. Er hatte ein ernsthaftes Drama geschrieben, kein Ballettprogramm mit Sprechrollen. Er fürchtete, sein Text werde zur bloßen Kulisse für Tänzerinnenbeine degradiert. Erst als Wheatley ihm einen zusätzlichen, für 1866 geradezu unerhörten Bonus von 1.500 Dollar anbot, gab der Dramatiker seinen Widerstand auf. Es sollte die beste Entscheidung seines Lebens sein: Über die Tantiemen der Rekordlaufzeit und der folgenden Tourneen soll Barras am Ende ein Vermögen von rund 250.000 Dollar verdient haben. Das war eine für damalige Verhältnisse schwindelerregende Summe, die ihm später ein eigenes Landhaus in Connecticut finanzierte.

Mit dem Deal besiegelt, ging alles sehr schnell. David Costa, ein gefragter italienischer Tänzer und Choreograf, wurde als Ballettdirektor verpflichtet, um binnen weniger Monate die Choreografien für ein mehr als 70-köpfiges Ensemble einzustudieren. Thomas Baker, seines Zeichen Komponist, Arrangeur und Dirigent, übernahm die musikalische Leitung und schnürte aus Märschen, Opern, und populären Melodien ein buntes Pasticcio zusammen. Aus einem düsteren Kammerspiel und einer arbeitslosen Ballettkompanie wurde so in wenigen Wochen im Niblo’s Garden etwas ganz neues zusammengeschweißt, die Urfassung von „The Black Crook“.

Faust-Pakt im Harz

Wovon handelte das Stück eigentlich, um das sich dieser ganze Aufwand drehte? Die Geschichte spielt im Harzgebirge, um das Jahr 1600. Der arme, aber tugendhafte Künstler Rodolphe liebt das Dorfmädchen Amina. Doch auch der mächtige, skrupellose Graf Wolfenstein hat ein Auge auf sie geworfen und lässt seinen Rivalen kurzerhand einkerkern. In seiner Verzweiflung gerät Rodolphe an den buckligen Alchemisten und Zauberer Hertzog, den titelgebenden „Black Crook“. Hertzog hat einen Pakt mit dem Höllenfürsten Zamiel geschlossen: Um sein eigenes Leben Jahr für Jahr zu verlängern, muss er ihm an Silvester eine frische Seele liefern. Rodolphe soll die nächste sein.

Doch auf dem Weg in sein Verderben rettet der herzensgute Rodolphe eine Taube vor einer Schlange und ahnt nicht, dass sich darin die verzauberte Stalacta verbirgt, Königin des Goldenen Reiches. Aus Dankbarkeit bewahrt sie ihn vor dem Höllensturz, führt ihn in ihre schimmernde Unterwelt und verhilft ihm dazu, Wolfenstein zu besiegen. Hertzog wird am Ende von den Dämonen selbst in die Hölle gezogen, während Rodolphe und Amina in einem glanzvollen Finale in Stalactas Reich vereint werden, begleitet von komischen Nebenfiguren wie Aminas resoluter Ziehmutter Dame Barbara, dem trunkenen Verwalter Von Puffengruntz und Hertzogs dämonischem Diener Greppo.

Eine psychologisch ausgefeilte Geschichte war das nicht, und das war auch nie der Anspruch. Sie war ein Gerüst, ein Vorwand dafür, dass Feen, Dämonen und ein gewaltiges Ballettensemble auf offener Bühne erscheinen konnten.

Hautfarbene Strumpfhosen und der perfekte Marketing-Skandal

Was das Publikum wirklich in Scharen anzog, war nicht die Handlung, sondern ein gezielter Stilbruch: mehr als 70 Tänzerinnen des Corps de Ballet, angeführt von der italienischen Primaballerina Marie Bonfanti, ausgebildet im Umfeld der Mailänder Scala, und der Solistin Rita Sangalli. Sie betraten die Bühne in eng anliegenden Mieder-Kostümen und hautfarbenen Strumpfhosen. Für das viktorianisch geprägte New York wirkte das, als stünden die Frauen mit nahezu nackten Beinen auf der Bühne.

Ein Mann fühlte sich besonders berufen, dagegen anzukämpfen: Dr. Charles B. Smyth, selbsternannter Sittenwächter und schärfster Kanzelkritiker New Yorks, tourte mit Vorträgen gegen „die Nacktheit“ im Niblo’s Garden durch die Stadt. Die Empörung entfaltete prompt ihre Wirkung – nur nicht die von Smyth beabsichtigte. Scharen von Neugierigen strömten herbei, um den verrufenen Skandal mit eigenen Augen zu begutachten. Und dann kam der Treppenwitz der Geschichte: Zeitungen zählten an einem Abend die Türen und kamen auf 1.618 Männer, aber nur 1.045 Frauen im Publikum. Wer da eigentlich wen vor wem beschützen wollte, blieb Dr. Smyth wohl selbst ein Rätsel.

Auch Mark Twain ließ es sich nicht nehmen, das Spektakel mit eigenen Augen zu sehen, und hielt seine Eindrücke 1867 in einem Reisebericht für die Zeitung „Daily Alta California“ fest. Spöttisch, aber sichtlich fasziniert:

„The scenery and the legs were everything […] Beautiful bare-legged girls […] nothing but a wilderness of girls – stacked up, pile on pile, away aloft to the dome of the theatre, diminishing in size and clothing, till the last row, mere children, dangle high up from invisible ropes, arrayed only in camisa.“ Bühnenbild und Beine seien alles gewesen, schrieb Twain sinngemäß. Nichts als eine „Wildnis aus Mädchen“, aufgetürmt bis unters Dach des Theaters.

Zum Star des Abends wurde ausgerechnet eine Nebenfigur: Milly Cavendish als Carline sang „You Naughty, Naughty Men“, eine freche, beschwingte Nummer, die zum größten Hit der Produktion avancierte. Der Song war ursprünglich gar nicht für „The Black Crook“ geschrieben worden, sondern stammte aus Cavendishs eigenem Bühnenrepertoire. Er wurde schlicht eingebaut, weil er beim Publikum zündete. Genau das war das Erfolgsprinzip dieser Produktion in Reinform: Alles blieb drin, was funktionierte, alles flog raus, was nicht zündete.

Ein technisches Wunderwerk

Auch technisch ging Wheatley aufs Ganze. Unter der Spielfläche des Niblo’s Garden ließ er Versenkungen, Seilzüge und mechanische Hebel installieren, ergänzt um Spiegel, farbiges Licht und verborgene Flugvorrichtungen. Der Höhepunkt des Abends war die berühmte „Transformation Scene“ im letzten Akt: Vor den Augen des staunenden Publikums verwandelte sich eine düstere, felsige Grotte Schritt für Schritt in den glitzernden Thronsaal der Feenkönigin Stalacta. So etwas hatte New York auf einer Bühne noch nicht gesehen.

Ein Rekord, der Theatergeschichte schrieb

Die Erstproduktion lief ununterbrochen bis zum 4. Januar 1868. Das waren 474 bis 475 Vorstellungen, ein für die damalige Zeit sensationeller, anderthalb Jahre währender Erfolg. Die Produktionskosten werden je nach Quelle zwischen 25.000 und rund 50.000 Dollar beziffert, je nachdem, ob die laufenden technischen Nachrüstungen mitgerechnet werden. Fest steht: „The Black Crook“ gilt als die erste Theaterproduktion der amerikanischen Geschichte, die an einem einzigen Haus über eine Million Dollar brutto einspielte – dokumentiert unter anderem von Niblo’s eigenem Kassenwart, der Jahrzehnte später seine Erinnerungen an die Produktion veröffentlichte. Wie viel davon nach den laufenden Kosten für 70 Tänzerinnen, ein großes Orchester und ständige Reparaturen an der Bühnenmechanik tatsächlich als Gewinn übrig blieb, ist eine andere Frage.

"Erstes Broadway-Musical"
Ein Etikett mit Fragezeichen

In der klassischen Theatergeschichtsschreibung wird „The Black Crook“ oft als das erste Broadway-Musical oder erstes „Book Musical“ gefeiert. Aus heutiger, musikwissenschaftlicher Sicht ist diese Aussage mit Vorsicht zu genießen. Es gab keinen einzelnen Komponisten, der eine geschlossene Partitur verfasste, keine Songs, die organisch die Entwicklung der Figuren vorantrieben, keine durchkomponierte musikalische Dramaturgie im modernen Sinne. Die Musik war ein Flickenteppich, der sich über die gesamte Laufzeit hinweg veränderte: Bei einer Überarbeitung im Mai 1867 kamen etwa neue Nummern wie „Fairyland’s Daughters“ hinzu, während andere gestrichen wurden.

„The Black Crook“ war also weniger ein fertiges Kunstwerk als eine flexible, kommerzielle Revueshow. Ein Hybrid aus europäischer Feerie, deutschem Melodram, klassischem Ballett und amerikanischem Pasticcio. Der Grund, warum es dennoch als Meilenstein gilt, liegt in der Synthese: Erstmals wurden Buch, Musik, Ballett, aufwendige Bühnentechnik und ein Starensemble im großen Stil zu einem einzigen, durchgestylten Unterhaltungspaket geschnürt, und das für ein zahlendes Massenpublikum, nicht für ein elitäres Opernhaus-Abo. Ob das reicht, um es zweifelsfrei zum „ersten Musical“ zu krönen, bleibt umstritten. Als erstes Broadway-Musical im Sinne eines kommerziellen Blockbuster-Formats hat es sich diesen Platz jedoch redlich verdient.

Warum heute niemand mehr The Black Crook spielt

Genau hier liegt auch die Antwort auf eine naheliegende Frage: Warum steht dieses angeblich so wegweisende Stück heute auf keinem einzigen Spielplan? Die Antwort ist ziemlich einfach: Ohne die 70 Tänzerinnen, die Verwandlungsszene und den Skandal von 1866 bleibt von „The Black Crook“ nur ein hölzernes, fünfeinhalbstündiges Melodram übrig, dessen Handlung schon Zeitgenossen als reichlich dünn empfanden. Das Stück war nie für die Ewigkeit gebaut, sondern für einen einzigen, sehr speziellen Moment – ein Publikum, das genau diese Mischung aus Ballett, Spezialeffekten und einem handfesten Sittenskandal 1866 noch nirgends sonst bekommen konnte. Als Joshua William Gelb es 2016 zum 150-jährigen Jubiläum ins New Yorker Abrons Arts Center zurückholte, verdichtete er es deshalb konsequent auf gut zwei Stunden und erzählte die Entstehungsgeschichte gleich mit. Als eigenständiges Stück funktioniert das Original schlicht nicht mehr.

Vom Broadway-Rekord zum modernen Erbe

Der finanzielle Erfolg bewies den Theaterproduzenten der damaligen Zeit etwas Grundlegendes: dass sich immense Investitionen in Bühnentechnik und Ausstattung um ein Vielfaches auszahlen konnten. Der Titel „The Black Crook“ wurde selbst zur Marke, unter der in den folgenden Jahrzehnten zahllose, oft stark abgewandelte Fassungen quer durch die USA tourten, dazu kamen New Yorker Wiederaufnahmen (unter anderem 1870, 1871, 1873, 1874, 1876 und 1879) sowie eine eigenständige britische Adaption, die am 23. Dezember 1872 im Londoner Alhambra Theatre Premiere feierte. Selbst die Entstehungsgeschichte wurde später zum Stoff für ein eigenes Musical: 1954 setzte ihr der Broadway mit „The Girl in Pink Tights“ (Musik: Sigmund Romberg) ein eigenes Denkmal.

Was von 1866 geblieben ist

Wenn wir heute in Produktionen wie Der König der Löwen oder Wicked sitzen und auf gigantische Bühnenbilder, Verwandlungseffekte und perfekt durchgestylte Ensembles blicken, dann schauen wir auf ein Erbe, das am 12. September 1866 im Niblo’s Garden seinen Anfang nahm. Genau dieselbe Rechnung, die Wheatley damals aufgehen ließ. Große Bilder plus große Emotionen plus ein Gesprächsthema, über das man reden muss, steckt bis heute in jeder Musical-Produktion, die sich als echtes Bühnenereignis inszeniert.

„The Black Crook“ war vermutlich nicht das erste durchkomponierte Musical im heutigen Sinne. Aber es war das Werk, das bewies, dass die Symbiose aus Story, Tanz, Musik und visueller Sensation das Zeug zum Massenphänomen hat. Ein brennendes Theater, ein widerspenstiger Dramatiker und ein geschäftstüchtiger Manager reichten aus, um daraus ein Format zu schaffen, das den Broadway bis heute prägt.

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