Wir sind am Leben
Rezension: Marc Lohse
Berlin, 27.06.26
„Wir sind am Leben“, das neue Berliner Musical von Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck (Buch & Regie) mit Musik von Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange, hat mich an diesem Samstagnachmittag im fast ausverkauften Theater des Westens auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitgenommen, von der ich den ganzen Tag nicht mehr ganz heruntergekommen bin.
Die Handlung spielt im Jahr 1990, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer. Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Nina und Mario sowie ihre Mutter Rosie aus Wittenberg. Das Stück behandelt Themen wie AIDS, Queerness, Nachwendezeit, alternative Wohnprojekte und die Berliner Clubkultur. Mit einer Ehrlichkeit und Wärme inszeniert, die einen direkt in den Bauch trifft.
Das Ensemble - eine Klasse für sich
Philipp Nowicki als Bruno überzeugte auf ganzer Linie. Sowohl stimmlich wie auch darstellerisch konnte er die 90er Jahre einfangen und dem Publikum 1 zu 1 übermitteln. Und wer Marlene Dietrich singen will, muss liefern können, und Nowicki tut genau das mit einer Intensität, die einen nicht loslässt.
Celina dos Santos als Nina traf den Kern ihrer Figur mit beeindruckender Selbstverständlichkeit. Mal rotzig, mal verletzlich, immer nahbar. Eine Frau, die von der großen Popkarriere träumt und dabei nie aufhört, echt zu sein.
Markus Spagl als Mario Fröhlich spielte sehr authentisch die Rolle eines Ostdeutschen, der nach dem Mauerfall von zwei Kulturen gleichzeitig überrollt wird und mit dieser Überforderung auf berührend reale Weise umgeht.
Daniel Pohlen als Nando ließ die offene Beziehung zwischen ihm, Mario und Bruno nie erklären, sondern einfach sein. Eine schauspielerische Leistung, die Feingefühl und Mut gleichermaßen erfordert, die Pohlen überzeugend gemeistert hat.
Johanna Spantzel als Ramona brachte eine herrlich direkte, leicht desillusionierte Energie mit. Ihre lesbische Figur, beste Freundin von Bruno und Partnerin von Brigitte, war von einer Treffsicherheit, die einen immer wieder überraschte.
An ihrer Seite spielte Lucille-Mareen Mayr die alleinerziehende Mutter Brigitte, deren Beziehung zu Ramona zu den berührendsten Szenen des Stücks gehören. Mayr gelang dabei das Kunststück, eine Frau zu zeigen, die zwischen Mutterschaft, Liebe und dem Wunsch nach einem eigenen Leben zerrissen ist ohne je in Klischees zu verfallen.
Meike Katrin Merkel als Molly Fröhlich brachte mit ihrer Sehnsucht nach Wittenberg, ihren Kindern und den alten Zeiten eine wunderbare komödiantische Note ins Stück und erinnerte daran, dass Nostalgie auch eine Form von Heimweh ist.
Ben Knop als Günther schließlich verkörperte in seiner stillen, liebevollen Art eine der warmherzigsten Figuren des Abends. Ein Mann, der Kleider trägt, Doris liebt, und das einfach so ist.
Der absolute Star des Nachmittags war Kathi Damerow als Doris. Sie spielt diese Figur nicht als Witz, sie spielt sie ernst und genau deshalb funktioniert sie. Doris ist esoterisch angehaucht, einfach gestrickt, auf den ersten Blick vielleicht eine Klischee-Figur. Aber Damerow macht daraus etwas Kostbares. Ihr Timing sitzt perfekt und sorgt mehr als einmal für Lacher in den ungewöhnlichsten Momenten. Gerade weil sie die Rolle nicht ironisch überspielt, sondern ihr echte Wärme und Würde verleiht, wird Doris zur sympathischsten Figur des gesamten Nachmittages. Ja, sie bedient manches Vorurteil, aber das macht sie nur umso liebenswerter. Der Szenenapplaus, den sie erntete, war vollkommen verdient.
Die gesamte Besetzung war an diesem Nachmittag leicht ersatzgeschwächt und trotzdem: Man merkte es nicht. Das Ensemble agierte harmonisch, hochklassig und mit einer Energie, die keinen Moment nachließ. Im Ensemble ragten Ruth Lauer und Tatonka Danae Brunner mit ihrer Energie und Bühnenpräsenz heraus, wobei das Gesamtniveau so hoch war, dass das eher ein Zeichen für die Stärke des Kollektivs ist als eine Abgrenzung von den anderen.
Musik, Choreografie und Inszenierung
Die Musik von Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange ist das Herzstück des Abends. Die hart gespielten Snares, dieser unverkennbar trockene 90er-Jahre-Sound, den die älteren Zuschauer noch gut in Erinnerung sind, verankern das Stück sofort in seiner Zeit aber nie als nostalgische Kulisse, sondern als emotionaler Motor. Das Gleichgewicht zwischen mitreißenden Stimmungssongs und echten Balladen ist dabei bemerkenswert klug austariert: Kein Moment überwältigt den nächsten, jeder Song hat seinen Platz und seine Funktion. Den Höhepunkt bildet der Titelsong „Wir sind am Leben“, der an diesem Nachmittag zur Hymne und Ohrwurm wurde. Wenn das gesamte Ensemble ihn gemeinsam trägt, spürt man körperlich, wofür dieser Tag steht.
Die Choreografien sind kreativ, präzise und immer im Dienst der Geschichte, nie bloßes Spektakel. Das Ensemble agiert dabei als echtes Kollektiv, kein Einzelner tanzt für sich, alle tanzen füreinander. Das verleiht dem Vibe auf der Bühne eine pulsierende Gemeinschaftsenergie, die man im Zuschauerraum unmittelbar spürt.
Die stärksten Momente der Inszenierung entstehen dort, wo sie auf große Gesten verzichten. Die Sterbeszene von Bruno ist das eindringlichste Bild des Nachmittags: Seine Freunde kommen zu spät, um sich zu verabschieden. Diese Leere, die das hinterlässt, auf der Bühne wie im Zuschauerraum, ist von einer Wucht, die kein Effekt der Welt ersetzen könnte. Licht, Stille und Spiel greifen in diesem Moment so ineinander, dass man den Atem anhält.
Der zweite Akt – wenn der Turbo zündet
Der 2. Akt muss eine besondere Würdigung bekommen. Wer dachte, das Stück hätte nach der Pause bereits alles gegeben, wurde eines Besseren belehrt. Im zweiten Akt drehte die gesamte Cast emotional noch einmal vollständig auf. Man saß im Zuschauerraum und wusste schlicht nicht mehr, ob man jetzt lachen, weinen oder beides gleichzeitig tun sollte. Dieses Wechselspiel aus Komik und Tragik, aus Aufbruch und Verlust, ist original 90er Jahre und das eigentliche Kunststück des Stücks. Und im zweiten Akt gelingt es mit einer Konsequenz, die einen spr5achlos und überwältigt zurücklässt.
Danke dafür an dieser Stelle. So eine emotionale Reise bekommt man nur selten geschenkt!
Die kleinen Abstriche
Etwas gewöhnen musste man sich an die Zeitsprünge. Wo ein kurzes Ausblenden und Wiederaufblenden des Lichts einen Übergang in eine andere Zeit und anderen Ort markieren sollte, wirkten manche dieser Wechsel etwas zu knapp, um dem Publikum die nötige Orientierung zu geben. Nichts, das den Gesamteindruck wirklich trübt, aber ein Bereich, der vielleicht noch schlüssiger gestaltet werden könnte.
Faztit
„Wir sind am Leben“ ist kein Musical, das man einfach konsumiert. Es ist eines, das einen beschäftigt, noch auf dem Heimweg, noch am Abend, noch eine ganze Weile danach. Es ist die Geschichte der Subkultur, der zerbrochenen Familien, der queeren Community, erzählt ohne falschen Glanz, aber mit viel Herz. Kathi Damerow als Doris bleibt als leuchtendes Highlight in der Erinnerung zurück. Aber sie steht stellvertretend für ein Ensemble, das an diesem Nachmittag gemeinsam Außergewöhnliches geleistet hat. Das Publikum, das am Ende mit stehenden Ovationen reagierte, sprach eine eindeutige Sprache. Zu Recht.
