Gypsy - Das Musical

Der Weg zur Premiere

Die Entstehung von Gypsy

Das perfekte Musical

​Als am 21. Mai 1959 der Vorhang des Broadway Theatre in New York hochging, ahnte das Publikum noch nicht, dass es Zeuge der Geburt des vielleicht perfekten amerikanischen Musicals werden sollte. Gypsy gilt heute als das Meisterwerk des klassischen Buchmusicals. Doch der Weg von einer Artikelserie in einer Illustrierten bis hin zur umjubelten Broadway Premiere war ein von Egos, Machtkämpfen und Geniestreichen geprägtes Abenteuer hinter den Kulissen.

Ein Vorabdruck im Zugabteil

​Alles begann mit einer Frau, die das amerikanische Showgeschäft im Sturm erobert hatte. Gypsy Rose Lee, eigentlich Louise Hovick, war die berühmteste Striptease Tänzerin der USA. Bevor sie ihre Autobiografie unter dem Titel Gypsy: A Memoir im Jahr 1957 als Buch veröffentlichte, erschien Anfang desselben Jahres eine mehrteilige Serie von Auszügen in dem populären Magazin Harper’s Magazine.

​Der legendäre Broadway Produzent David Merrick las diese Artikel während einer Zugfahrt und war sofort fasziniert von der emotionalen Achterbahnfahrt durch die sterbende Ära des Vaudeville Theaters. Es war jedoch nicht Louises Transformation zur glamourösen Stripperin, die sein Interesse weckte. Es war die alles beherrschende Figur im Hintergrund: ihre Mutter, Rose Hovick. Eine Frau, die vom unbändigen Ehrgeiz getrieben wurde, ihre Töchter um jeden Preis zu Stars zu machen.

​Merrick fackelte nicht lange. Noch bevor das eigentliche Buch in den Verkaufsregalen stand, sicherte er sich gemeinsam mit seinem Partner Leland Hayward die exklusiven Bühnenrechte. Sie stachen damit die Schauspielerin Maureen Stapleton und den Hollywood Agenten Irving Lazar aus, die ebenfalls hinter dem Stoff her waren. Das schlagende Argument der beiden Produzenten war das Versprechen, die unbestrittene Königin des Broadways für die Hauptrolle zu gewinnen: Ethel Merman.

​Juristische Drohungen und ein Komponisten-Dilemma

Die Entwicklung des Drehbuchs erwies sich als juristisches Minenfeld. Louises jüngere Schwester, die Schauspielerin June Havoc, war absolut dagegen, dass ihre Kindheit am Broadway ausgeschlachtet wird. Sie drohte mit rechtlichen Schritten. Der Autor Arthur Laurents musste sich mehrfach persönlich mit ihr treffen, um eine Klage abzuwenden. June willigte schließlich nur unter der strikten Bedingung ein, dass ihr realer Name im Musical nirgends auftauchen darf. Aus diesem Grund wird die Figur im Stück konsequent Baby June und später Dainty June genannt.

​Gleichzeitig gab es hinter den Kulissen ein gewaltiges Stühlerücken im Kreativteam. David Merrick wollte den jungen Stephen Sondheim verpflichten, der kurz zuvor die Songtexte für West Side Story geschrieben hatte. Sondheim hatte bereits Probe-Melodien komponiert und Merrick war begeistert. Doch dann legte Ethel Merman ihr Veto ein. Nach einem vorherigen Misserfolg weigerte sie sich strikt, ihr Schicksal einem unbekannten, jungen Komponisten anzuvertrauen. Sie forderte den etablierten Hit-Schreiber Jule Styne.

​Sondheim wollte das Projekt enttäuscht verlassen, da er nicht wieder nur als Texter abgestempelt werden wollte. Es war sein Mentor Oscar Hammerstein II, der ihn in einer dramatischen Aussprache überredete, die Songtexte trotzdem zu schreiben. Hammerstein erklärte ihm, dass die Arbeit mit einer Ikone wie Merman und dem Regisseur Jerome Robbins eine unbezahlbare Erfahrung für seine Karriere sei.

Musikalisches Recycling und psychologische Tiefe

​Die Zusammenarbeit zwischen Jule Styne und Stephen Sondheim war hocheffizient, aber nicht frei von Spannungen. Die Entstehung des berühmtesten Songs des Stücks war ein musikalisches Recyclingprojekt, das fast zu einem handfesten Krach geführt hätte. Styne verwendete für die Melodie von Everything’s Coming Up Roses ein Motiv aus einem Song namens Bet It’s a Boy, den er Jahre zuvor für ein nie realisiertes Musical geschrieben hatte.

​Sondheim war schockiert, als er die Melodie wiedererkannte, und hielt sie für altbacken und zu fröhlich für Roses obsessiven Ausbruch. Styne setzte sich jedoch durch. Sondheim bewies sein Genie, indem er die eigentlich beschwingte Musik durch seinen Text in eine Hymne des puren, manischen Ehrgeizes verwandelte. Der Kontrast zwischen der fröhlichen Melodie und Roses beginnendem Wahnsinn erzielte eine schauderhafte Wirkung.

​Das größte Meisterwerk des Stücks entstand während der Proben unter der strengen Leitung des Regisseurs und Choreografen Jerome Robbins: die elf Uhr Nummer Rose’s Turn. Ursprünglich sollte Rose am Ende der Show eine lange, gesprochene Szene haben. Robbins erkannte jedoch, dass gesprochenes Wort nach dieser emotionalen Achterbahnfahrt nicht ausreichte. Er forderte ein echtes musikalisches Aria-Ballett. Sondheim strukturierte die Nummer daraufhin wie ein Mosaik aus musikalischen Versatzstücken, die das Publikum schon den ganzen Abend gehört hatte. Das war für das Jahr 1959 strukturell absolut revolutionär, da es die klassische Songstruktur komplett aufbrach.

Das harte Urteil der Tryouts

Bevor das Musical den Broadway eroberte, schickte man es im Frühjahr 1959 auf die traditionelle Testphase außerhalb New Yorks. Die Weltpremiere fand am 13. April 1959 im Shubert Theatre in Philadelphia statt. Dort blieb die Produktion für knapp vier Wochen, bevor sie für ein finales, einwöchiges Gastspiel in das Shubert Theatre nach New Haven zog.

​Diese Tryouts waren berüchtigt dafür, Schwachstellen aufzudecken. In Philadelphia flog ein Song namens Mama’s Talkin‘ Soft komplett aus der Show. Er sollte ursprünglich von den jungen Mädchen gesungen werden, während Rose im Vordergrund stritt. Die Kinderdarstellerinnen bekamen auf der erhöhten Bühnenplattform jedoch Höhenangst und konnten die Töne nicht halten. Zudem beschwerte sich Ethel Merman, dass die Stimmen der Kinder ihre eigene Szene akustisch störten.

​Auch das Finale der Show wurde in Philadelphia komplett umgeschrieben. Ursprünglich endete das Stück sehr abrupt nach dem Song Rose’s Turn. Arthur Laurents erkannte anhand der Zuschauerreaktionen, dass das Publikum nach diesem emotionalen Zusammenbruch eine finale, gesprochene Aussprache zwischen Louise und Rose brauchte, um das Stück zu einem runden, bittersüßen Ende zu bringen.

Dir glorreiche Premiere und und ein historisches Kuriosum

​Am 21. Mai 1959 feierte Gypsy schließlich die offizielle Broadway Premiere im Broadway Theatre. Neben Ethel Merman als Rose standen Jack Klugman als loyaler Herbie und Sandra Church als Louise auf der Bühne.

​Die Kritiker zeigten sich am nächsten Morgen restlos begeistert. Walter Kerr von der New York Herald Tribune schrieb den berühmten Satz, dass dies das beste Musical sei, das er seit Jahren gesehen habe. Brooks Atkinson von der New York Times lobte die psychologische Tiefe des Buchs und die perfekte Integration von Musik und Handlung.

​Bei den folgenden Tony Awards im Jahr 1960 kam es jedoch zu einem historischen Kuriosum. Obwohl Gypsy in acht Kategorien nominiert war, ging das Stück komplett leer aus. Grund dafür war eine der härtesten Konkurrenzsituationen der Theatergeschichte. Gypsy musste gegen zwei absolute Giganten antreten, die sich die Preise teilten: Rodgers und Hammersteins The Sound of Music sowie das extrem populäre Satiremusical Fiorello!. Ethel Merman verlor den Preis als Beste Hauptdarstellerin ausgerechnet an ihre Kollegin Mary Martin in The Sound of Music.

​Der Erfolg an den Theaterkassen war dennoch nicht aufzuhalten. Gypsy spielte insgesamt 702 Vorstellungen, zog später in das Imperial Theatre um und zementierte Ethel Mermans Status als Königin des Broadways. Bis heute gilt das Stück als der absolute Goldstandard für das amerikanische Musiktheater.

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