Me and Juliet
Der Weg zur Premiere
Die Entstehung von Me and Juliet
Das Kennenlernen zweier Giganten
Um die Entstehung von „Me and Juliet“ zu verstehen, muss man beim eigentlichen Beginn der Zusammenarbeit von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II ansetzen.
Bis zum Jahr 1942 hatten beide Künstler völlig getrennte Karrieren am Broadway verfolgt:
- Richard Rodgers arbeitete über zwei Jahrzehnte lang exklusiv mit dem Liedtexter Lorenz Hart zusammen (The Boys from Syracuse, Pal Joey).
- Oscar Hammerstein II schrieb Libretti und Texte für verschiedene Komponisten, darunter Jerome Kern (Show Boat, 1927).
Im Jahr 1942 plante die Theaterorganisation The Theatre Guild, das Stück Green Grow the Lilacs von Lynn Riggs als Musical zu adaptieren. Richard Rodgers wollte dieses Projekt unbedingt realisieren, doch sein Partner Lorenz Hart lehnte eine Mitarbeit ab. Primär bedingt durch fortschreitende gesundheitliche und psychische Probleme aufgrund seines schweren Alkoholismus.
Rodgers wandte sich daraufhin an Oscar Hammerstein II. Die beiden stellten fest, dass sie dieselbe Vision von einem „integrierten Musical“ teilten, in dem Buch, Liedtexte und Musik eine Einheit bilden. Aus dieser ersten Zusammenarbeit entstand das Musical Oklahoma!, das am 31. März 1943 seine Broadway-Premiere feierte und zu einem beispiellosen Erfolg wurde.
Nachdem Lorenz Hart im November 1943 verstarb, machten Rodgers und Hammerstein ihre Partnerschaft offiziell und gründeten eine feste Rechts- und Produktionsgemeinschaft, die in den Folgejahren Welterfolge wie Carousel (1945), South Pacific (1949) und The King and I (1951) hervorbrachte.
Ein Funke in der Schublade
Noch im Jahr des ersten großen Triumphs 1943, hatte Richard Rodgers eine kühne Idee: Er wollte ein Musical schreiben, das komplett hinter den Kulissen einer langlebigen Broadway-Show spielt. Es sollte die harte Arbeit der Techniker und Chormitglieder zeigen und mit romantischen Theaterklischees aufräumen. Da das Duo in den Folgejahren jedoch von einem Großprojekt zum nächsten jagten (Carousel 1945, South Pacific 1949, The King and I 1951), blieb die Idee fast ein Jahrzehnt in der Schublade. Aus den jungen Revolutionären von 1943 waren mittlerweile die unangefochtenen, mächtigen Könige des Broadways geworden.
Das Treffen in Palm Beach
Als das Projekt im Frühjahr 1952 bei einem Treffen in Palm Beach, Florida, endlich konkret wurde, war ein gewaltiger Konflikt im Spiel. Rodgers feilte dort an der Musik für die TV-Dokumentation Victory at Sea und drängte darauf, das Backstage-Musical endlich anzugehen. Hammerstein hatte laut späteren Berichten seines Protegés Stephen Sondheim jedoch überhaupt keine Lust auf den Stoff, da er ihn für dramatisch flach hielt. Er gab nur nach, um die hochgradig profitable Partnerschaft nicht zu gefährden, und quälte sich fortan durch ein fehlerhaftes Buch.
Da das Stück permanent zwischen der Perspektive des Publikums (einer fiktiven Show-im-Stück namens „Je Meurs d’Amour“) und der Perspektive der Hinterbühne wechseln sollte, stand die Produktion vor einer enormen technischen Herausforderung.
Die Rekrutierung des Teams
Um das ambitionierte Vorhaben dennoch zu retten, griffen die beiden auf ein über Jahrzehnte gewachsenes Netzwerk zurück und reaktivierten drei der größten Broadway-Legenden, die sie aus ihrer jeweiligen Vergangenheit bestens kannten:
- Bühnenbildner Jo Mielziner: Rodgers kannte ihn bereits seit 1927, als er ihn für sein frühes Musical Peggy-Ann engagiert hatte. Mielziner hatte zudem für Rodgers & Hammerstein bereits die Sets für Carousel und South Pacific entworfen. Für „Me and Juliet“ war er unverzichtbar, da er eine hochkomplexe, extrem teure mechanische Bühnenmaschinerie und eine schwebende Lichtbrücke konstruieren musste, um die schnellen Wechsel zwischen Bühne und Backstage baulich überhaupt möglich zu machen.
- Regisseur George Abbott: Hammerstein kannte den „Master of Comedy“ bereits seit 1926 von dem gemeinsamen Stück Wild Oats Lane. Rodgers wiederum hatte in den 1930ern bei den Hits On Your Toes und The Boys from Syracuse intensiv mit Abbott zusammengearbeitet. Abbott wurde geholt, weil niemand am Broadway Dialoge schneller straffen und auf Pointen trimmen konnte als er.
- Choreograf Robert Alton: Er hatte seinen ersten großen Broadway-Erfolg 1934 Richard Rodgers zu verdanken, der ihn für She Loves Me Not engagiert hatte. Alton choreografierte danach fast alle großen Rodgers-&-Hart-Shows der 1930er (darunter Pal Joey). Er war der perfekte Mann, um die modernen, jazzigen Tanzszenen für das neue Stück zu kreieren.
Um Platz für Mielziners gewaltige Kulissen im prestigeträchtigen Majestic Theatre zu schaffen, bewiesen Rodgers und Hammerstein eiskaltes Geschäftsdenken: Sie warfen ihren eigenen, seit vier Jahren dort erfolgreichen Megahit South Pacific mitten im laufenden Betrieb aus dem Theater und schickten die wütende Cast auf eine Zwangstournee nach Boston.
Der Tryout-Schock
Am 19. März 1953 begannen die Proben in New York. Doch als das Musical im April und Mai 1953 auf die traditionelle Tryout-Tournee nach Cleveland und Boston ging, folgte die Katastrophe: Das Publikum und die lokalen Kritiker reagierten verhalten und gelangweilt. Die Liebesgeschichte zwischen der Chorsängerin Jeanie (Isabel Bigley) und dem Inspizienten Larry (Bill Hayes), die von einem eifersüchtigen Beleuchter (Mark Dawson) bedroht wurde, war dramaturgisch viel zu dünn.
In den Hotels von Cleveland herrschte nackte Panik. Während das Publikum die sensationellen Kulissen von Mielziner bestaunte, saßen Rodgers, Hammerstein und Regisseur Abbott nächtelang zusammen, um das Stück komplett umzukrempeln, Songs zu streichen und Dialoge zu kürzen. Um den Abend musikalisch zu retten, griff Rodgers zu einem genialen Recycling-Trick: Er nahm eine sinfonische Melodie, die er kurz zuvor für die TV-Dokumentation Victory at Sea geschrieben hatte, und Hammerstein versah sie hastig mit einem Text. Das Ergebnis war „No Other Love“ – der unbestrittene Rettungsanker der Show.
Ein glanzloser Broadway-Sieg
Als am 28. Mai 1953 im Majestic Theatre endlich der offizielle Premierenvorhang für „Me and Juliet“ hochging, funktionierte die revolutionäre Technik zwar fehlerfrei, doch die Magie fehlte. Die New Yorker Kritiker sparten am Folgetag nicht mit harten Worten und nannten das Buch eine müde Pflichtübung.
Dass die Show am Ende dennoch 358 Vorstellungen erlebte, ihre enormen Produktionskosten komplett wieder einspielte und dem Duo einen soliden Gewinn einbrachte, lag einzig und allein am unerschütterlichen Vertrauensvorschuss des Publikums in die Marke „Rodgers & Hammerstein“ und am gigantischen Charterfolg der Single „No Other Love“. Das Stück ging als das Experiment in die Geschichte ein, das die erste tiefe künstlerische Krise des erfolgreichsten Duos der Musical-Historie offenlegte.
