Stage Vibe:
Henriette Schreiner ist eine Darstellerin mit einem einzigartigen Talent und Gespür für Figuren, die aus dem Rahmen fallen. Ob skurril, exzentrisch oder mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor – ihre Rollen bewegen sich immer wieder jenseits des Gewöhnlichen. Mit Cheryl Williams in Evil Dead kommt nun eine Figur hinzu, in der die Welt des Horrors auf die groteske Komik des Musicals trifft. Während der Deutschlandtournee von Evil Dead hat sich die vielseitig begabte Künstlerin Zeit für ein Interview mit Stage Vibe genommen.
Hallo Henriette, vielen Dank, dass du dir während Tour noch Zeit für ein Interview freimachen konntest: Wenn man deine vergangenen skurrilen Rollen betrachtet: Audrey im „Kleinen Horrorladen“, Wednesday Addams in The Addams Family, Georgia Hendricks in „Curtains“ und jetzt Cheryl in „Evil Dead“ könnte man daraus fast eine eigene kleine Henriette-Schreiner-Kategorie machen. Was glaubst du, warum liegen dir gerade diese schrägen, humorvollen Figuren so gut?
Henriette:
Zumal „Schreiner“ ja auch von „Schreien“ kommt. Passt also super zur Kategorie! 😉 Aber ja, du hast völlig recht: Irgendwie häufen sich in den letzten Jahren die schrägen, ausgefallenen Rollen in meiner Vita. „Moni“ in Ralph Siegels „Ein bisschen Frieden“ gehört zum Beispiel auch dazu.
Warum werde ich so oft dafür gebucht? Gute Frage! Ich kann mir vorstellen, dass es daran liegt, dass ich einen Faible für Außergewöhnliches habe, es liebe, mich selbst in diese Schrägheit reinzustürzen, und großen Spaß daran habe, andere Menschen zum Lachen zu bringen. Gerade in der heutigen Zeit tut das unheimlich gut.
Stage Vibe:
Hat sich dein Zugang zu solchen Rollen inzwischen verändert, weil die Rollen vielleicht doch nicht so ähnlich sind, wie es auf den ersten Blick aussieht?
Henriette:
Nein, eigentlich nicht. Bei aller Skurrilität, die nach außen strahlt, habe ich von Anfang an versucht, jede Rolle mit ihren Charaktereigenschaften, Wünschen, Ängsten, Nöten und Gefühlen absolut ernst zu nehmen und sie ganz „normal“ zu behandeln. Je ehrlicher mein Zugang zu einer Figur ist, desto authentischer kommt sie beim Publikum an.
Stage Vibe:
Wenn du Audrey, Wednesday, Georgia und Cheryl nebeneinanderstellst: Wo würdest du die größten Unterschiede zwischen diesen vier Rollen sehen, und wo erkennst du eine gemeinsame Linie?
Henriette:
Ich empfinde die Rollen als sehr unterschiedlich.
Audrey ist eine Frau, die sich scheinbar ihrem Schicksal fügt, in alten Mustern feststeckt und sich trotzdem traut, von einer besseren, liebevolleren Zukunft zu träumen.
Wednesday ist eine selbstbewusste junge Frau, die von ihren eigenen Gefühlen überrascht wird. Sie weiß genau, was sie will und plötzlich weiß sie gerade deshalb gar nicht mehr, was sie will.
Georgia ist vielleicht etwas schrullig, ansonsten aber eine kreative, in sich ruhende und professionelle Autorin. Ihre skurrile Situation besteht darin, dass im Theater ein Mord geschehen ist und der Täter sehr wahrscheinlich aus den eigenen Reihen stammt.
Und Cheryl ist ein liebenswerter Nerd mit viel Wissen und noch wenig gefestigtem Selbstvertrauen, der im Dämonendasein all die Seiten an sich entdeckt, die er bisher nicht ausgelebt hat.
Gemeinsam haben diese Figuren, dass sie gesehen werden wollen, wie sie wirklich sind. Audrey mit ihrer Sehnsucht nach einem Bilderbuchleben, Wednesday als echte Addams und zugleich als ehrlich verliebte Frau, die ihre eigenen Entscheidungen treffen will, Georgia, die von ihrem Ex-Mann zwischen all den Partituren oft übersehen wird, und Cheryl, die von anderen nicht akzeptiert wird, der man über den Mund fährt und die ständig missverstanden wird.
Stage Vibe:
Bei Cheryl scheint mir die Entwicklung innerhalb des Stücks noch einmal deutlich extremer zu sein als bei deinen bisherigen skurrilen Figuren. Sie wird schrittweise „immer weniger Mensch“. Was bedeutet das für deine Arbeit an der Rolle?
Henriette:
Trotz aller Verrücktheit habe ich versucht, Cheryls Dämonendasein aus einer tieferen, psychologischen Ebene heraus zu entwickeln. Zum einen wollte ich den Dingen nachspüren, die in uns schlummern, die wir nicht ausleben, die sich angestaut haben oder die wir selbst noch gar nicht entdeckt haben. Zum anderen ging es um die Seiten, die wir uns für uns selbst wünschen oder die wir gerne wären.
Cheryl ist eher zurückgezogen, malt und liest gerne, ist wenig schlagfertig, denkt vernünftig und hat am liebsten einen genauen Plan. Als Dämon lässt sie dann alle Säue raus! Sie ist laut, frech, spontan und wortgewandt. Ihre Belesenheit und Cleverness behält sie allerdings bei und die ermöglicht ihr herrlich dumme, aber wirklich gute Wortwitze.
Ihr ist plötzlich völlig wurscht, ob sie akzeptiert wird. Sie macht einfach ihr Ding.
Frei nach dem Motto: „Gib dem Menschen eine Maske und er zeigt dir, wer er wirklich ist.“ In diesem Fall eben eine Dämonenmaske.
Stage Vibe:
Gab es bei Cheryl einen Moment, an dem du während der Proben dachtest: „Okay, jetzt wird es richtig interessant“?
Henriette:
Lustigerweise gab es gleich zwei.
Bei der menschlichen Cheryl haben wir viel daran gefeilt, wie seltsam, kindlich, schüchtern, emotionslos und cringe sie sein darf. Die richtige Mischung im Zusammenspiel mit den anderen Figuren zu finden, war wirklich spannend, gerade weil diese Seite auch für ihr dämonisches Pendant so wichtig ist.
Beim Dämon selbst haben wir so viel ausprobiert, kreiert, verworfen und neu entwickelt, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe. Oliver Pauli, der Regisseur, hat mir viel Freiheit gegeben, eigene Ideen einzubringen.
Da ich als Dämon ausschließlich aus der Kellerkiste heraus agiere, ist es besonders wichtig, immer on point zu sein und für Überraschungen zu sorgen. Am Ende hätten unsere ganzen Ideen locker für zwei Stücke gereicht. Wir haben uns dann für die besten Varianten entschieden. Das war schon etwas Besonderes.
Stage Vibe:
Was darf bei Cheryl auf keinen Fall fehlen oder was muss unbedingt beibehalten werden, damit sie nicht einfach nur „eine verrückte Figur“ wird?
Henriette:
Ihre Authentizität und ihr menschlicher Kern.
Stage Vibe:
Gibt es eine Szene oder einen Moment, auf den du dich inzwischen bei jeder Vorstellung ganz besonders freust oder du weißt: Wenn das passiert, wird es hinter der Bühne garantiert lustig? Und gibt es umgekehrt Reaktionen aus dem Publikum, die dich selbst auf der Bühne überraschen oder zum Lachen bringen?
Henriette:
Generell alle Blutspritzaktionen, sowohl aus der Backstage, als auch aus der Onstage-Perspektive!
Wenn Ash seine Verlobte „köpft“ und wir von hinten wie die Irren mit Blut auf seinen Oberkörper zielen, während wir das Publikum kreischen hören, ist das Gold wert.
Da sich das Blut nur bedingt kontrollieren lässt, kommt es immer wieder zu lustigen Überraschungen: triefende Perücken, komplett rote Gesichter und fleckige Kostüme. Der absolute Höhepunkt kommt dann zum Schluss, wenn Ash versucht, die Dämonen nacheinander zu erledigen. Aber da möchte ich nicht zu viel verraten.
Stage Vibe:
Ihr seid eine ganze Weile auf Tour. Was ist dabei die größere Herausforderung: die technische Anpassung an eine neue Bühne oder die Tatsache, dass auch das Publikum in jeder Stadt völlig anders reagieren kann?
Henriette:
Du hast die beiden Knackpunkte perfekt getroffen. Genau das ist es!
Die Gegebenheiten sind jeden Tag anders: der Sound, der Backstagebereich, die Wege, der Saal samt Publikum… das Frühstück…! 😉
Da ist Flexibilität gefragt. Aber: Man sieht auch jeden Tag etwas Neues, langweilig wird es nie. Das mag ich sehr.
Stage Vibe:
Stell dir vor, Audrey aus „Der kleine Horrorladen“, Wednesday Addams, Georgia Hendricks und Cheryl würden sich zu viert mit dir an einen Tisch setzen. Mit welcher deiner Figuren würdest du dich wahrscheinlich sofort gut verstehen?
Mit welcher würdest du dich vermutlich den ganzen Abend unterhalten können und bei welcher würdest du nach zehn Minuten denken: „Bitte, lass mich hier wieder raus“?
Henriette:
Na ja, das Problem wäre, dass vermutlich keine von uns lebend wieder herauskäme, weil Cheryl alle auffressen oder verwandeln würde. Wednesday wäre vielleicht als Einzige immun, aber wir anderen wären verloren. Es sei denn, sie würde noch ein paar von uns retten.
Bis dahin hätten wir aber sicher alle einen ziemlich unterhaltsamen Abend! 🙂
Stage Vibe:
Vielen Dank Henriette, dass du uns einen Einblick in deine Arbeit rund um Evil Dead gegeben hast.
Wer das Musical noch live erleben möchte, hat die Gelegenheit, Cheryl Williams auf der Bühne zu begegnen und sich selbst ein Bild von diesem außergewöhnlichen Stück Musical-Horrors zu machen.
Wir sehen uns im Theater!
Marc Lohse ist Gründer und Herausgeber von Stage Vibe, einem Online-Portal rund um Musicals und Shows. Er beschäftigt sich mit Künstlern, Produktionen und Hintergründen der Branche und bietet fundierte Einblicke in die Welt des Musiktheaters. Sein Ziel ist es, die Musicalwelt informativ und praxisnah abzubilden – für Fans, Einsteiger und alle, die sich professionell mit Bühne beschäftigen.
