Moulin Rouge
Der Weg zum Broadway
Am 25. Juli 2019 öffnete sich am Al Hirschfeld Theatre am Broadway zum ersten Mal der Vorhang für „Moulin Rouge! The Musical“ – und die Zuschauer wurden mit einer Explosion aus rotem Samt, Federboas und Konfetti begrüßt, wie sie New York noch nicht gesehen hatte. Was aber kaum jemand im Publikum wusste: Bis zu diesem Abend war es ein zehnjähriger Weg voller zäher Verhandlungen, eines eingestürzten Bühnendachs und einer schier unmöglichen Rechte-Jagd durch drei Kontinente.
Ein Mittagessen in Sydney
Die Geschichte beginnt nicht am Broadway, sondern 2009 bei einem Mittagessen in Sydney. Dort trafen sich Carmen Pavlovic und Gerry Ryan, die Gründer der australischen Produktionsfirma Global Creatures, mit Regisseur Baz Luhrmann und seiner Frau und langjährigen kreativen Partnerin Catherine Martin. Man wollte ausloten, ob sich Luhrmanns Filme fürs Theater eigneten. Zwischen den beiden Lagern, hier die Produzenten, die zuvor mit „Walking with Dinosaurs“ Bühnenshows in XXL-Format realisiert hatten, dort das Ehepaar hinter dem Kinoerfolg „Moulin Rouge!“, entstand sofort eine Verbindung: Beide Seiten verband die Liebe zu australischen Wurzeln und der Ehrgeiz, von dort aus die Welt zu erobern. Innerhalb weniger Monate war die Partnerschaft besiegelt.
Was folgte, war allerdings kein kreativer Höhenflug, sondern zunächst ein juristisches Geduldsspiel. Um „Moulin Rouge!“ auf die Bühne zu bringen, mussten Rechte von den Fox Studios, dem echten Moulin Rouge in Paris und, besonders mühsam, von rund 31 verschiedenen Musikverlagen zusammengetragen werden, da der Film ja bereits ein Flickenteppich aus fremden Popsongs war. Pavlovic beschrieb später, dieses Projekt sei das komplizierteste gewesen, das ihre Firma je verhandelt habe. Sieben Jahre und unzählige Flüge nach Paris, Los Angeles und New York später stand das Rechtepaket endlich.
Das Team findet sich
Erst 2016 wurde öffentlich, dass Global Creatures eine Bühnenversion entwickelte mit Alex Timbers als Regisseur, den Baz Luhrmann persönlich ausgesucht hatte. Timbers, bekannt für sein Off-Broadway-Kollektiv Les Frères Corbusier und Produktionen wie „Bloody Bloody Andrew Jackson“, brachte eine Vorliebe für historische Stoffe mit, die er mit Witz und Anachronismus aufbrach – genau die richtige Handschrift für ein Stück, das im Paris von 1899 spielt, aber mit Popsongs von Elton John bis Lady Gaga erzählt wird.
Als Buchautor holte man sich Tony-Preisträger John Logan an Bord, dessen Drehbücher zu „Gladiator“, „Hugo“ und „Skyfall“ ihm mehrere Oscar-Nominierungen eingebracht hatten. Gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Justin Levine entwickelten Timbers und Logan die Grundregel des Projekts: Sie behandelten die Partitur, als würden sie ein komplett neues Musical schreiben, bei dem grundsätzlich jeder Song infrage kam, nicht nur jene aus dem Film. So entstand ein Score mit weit über 40, am Ende sogar rund 70 Songs aus 160 Jahren Popmusik, kunstvoll zu Medleys verwoben: von „Lady Marmalade“ über Katy Perrys „Firework“ bis zu Sias „Chandelier“ und Beyoncés „Single Ladies“.
Nach und nach stieß das restliche Kreativteam dazu: die Choreografin Sonya Tayeh, Bühnenbildner Derek McLane, Kostümbildnerin Catherine Zuber, Lichtdesigner Justin Townsend und Sounddesigner Peter Hylenski. Es war ein Team, das später komplett mit Tony Awards überhäuft werden sollte. Luhrmann selbst, liebevoll „Uncle Baz“ genannt, hielt sich bei der Entwicklung erstaunlich zurück. Er war bei wichtigen Meilensteinen präsent und gab Impulse, bestand aber nie darauf, dass die Bühnenfassung dem Film treu bleiben müsse. Über mehrere Workshops hinweg nahm die Inszenierung langsam Gestalt an, und mit ihr auch die Besetzung: Aaron Tveit als der idealistische Songwriter Christian und die Tony-Preisträgerin Karen Olivo als die Kurtisane Satine wurden zu den Gesichtern der Produktion, unterstützt von Danny Burstein als Zirkusdirektor Harold Zidler.
Ein einstürzendes Bühnendach in Boston
Die Weltpremiere sollte 2018 im ehrwürdigen Emerson Colonial Theatre in Boston stattfinden. Das war jenes Haus, in dem einst schon „Oklahoma!„, „Carousel“ und „Follies“ ihre Feuertaufe erlebt hatten. Genau in dieser Tradition wollte man auch „Moulin Rouge!“ reifen lassen. Doch nur wenige Tage vor Beginn der Previews, in der Nacht vom 8. auf den 9. Juni 2018, gab es einen Zwischenfall: Während der technischen Proben löste sich ein Stützelement im Stahlgerüst über der Bühne des gerade erst restaurierten Theaters. Verletzt wurde niemand, das Bühnenbild blieb unbeschädigt, doch der Beginn der Previews musste um zwei Wochen verschoben werden, von ursprünglich 27. Juni auf den 10. Juli 2018.
Was wie ein schlechtes Omen wirkte, tat der Show am Ende keinen Abbruch. Als „Moulin Rouge! The Musical“ schließlich bis zum 19. August 2018 in Boston spielte, waren sowohl die Presse als auch das Publikum begeistert. Die Produktion hatte sich als bühnenreif erwiesen und wenige Tage nach Beginn des Boston-Laufs bestätigten die Produzenten offiziell, dass die komplette Besetzung mit an den Broadway ziehen würde.
Ankunft am Broadway
Die Broadway-Produktion übernahm das Al Hirschfeld Theatre, kaum dass dort im April 2019 die sechsjährige Laufzeit von „Kinky Boots“ geendet hatte. Mit einer angestrebten Kapitalisierung von bis zu 28 Millionen Dollar war „Moulin Rouge!“ eine der teuersten Neuproduktionen jener Saison. Die Previews begannen am 28. Juni 2019, die offizielle Premiere folgte am 25. Juli 2019. Damit schrieb die Show gleich zur Eröffnung Geschichte: Sie war die erste australisch produzierte Musical-Uraufführung überhaupt am Broadway.
Die Kritiken waren überwältigend, das Publikum ließ sich von der Reizüberflutung aus Spiegeln, Herzen und Can-Can willig mitreißen. Bei den Tony Awards 2020 räumte „Moulin Rouge!“ von 14 Nominierungen zehn Preise ab. Darunter: Bestes Musical, Beste Regie für Alex Timbers, Beste Choreografie für Sonya Tayeh sowie Auszeichnungen für Bühnenbild, Kostüme, Licht, Sound und Orchestrierung. Damit war das gesamte Kreativteam, das sich über Jahre hinweg rund um Timbers zusammengefunden hatte, geschlossen prämiert.
Ein Happy End wie im Film
Kommerziell brauchte die Show wegen der enormen Investitionssumme und der pandemiebedingten Theaterschließungen länger als geplant, um profitabel zu werden. Erst Ende 2022 hatte „Moulin Rouge!“ seine Produktionskosten wieder eingespielt, als einzige Broadway-Produktion der Saison 2019/2020, der das überhaupt gelang. Heute ist die Show längst ein globales Phänomen mit rund 15 Produktionen weltweit, von einer US-Tournee über London und Melbourne bis nach Deutschland, Korea und Italien.
Von einem Mittagessen in Sydney bis zum ausverkauften Broadway-Saal, von einem einstürzenden Stahlträger in Boston bis zu zehn Tony Awards: Die Geschichte von „Moulin Rouge! The Musical“ ist selbst ein Stoff, der ins Drehbuch des Films gepasst hätte. Eine Geschichte über Liebe, Wahrheit, Schönheit und Freiheit, die sich am Ende, ganz wie es sich für die Bohème gehört, gegen alle Widerstände durchsetzte.
