Natürlich Blond -
Das Musical

Rezension: Marc Lohse

Hamburg, 15.06.26

Schon im Foyer des First Stage Theaters in Hamburgs Altona lag an diesem Abend etwas in der Luft. Eine gespannte, fast elektrisierende Aufregung machte sich breit, bevor auch nur eine Note gespielt war – und das aus gutem Grund: Mit „Natürlich Blond“ feierte am 15. Juni 2026 nicht nur ein mitreißendes Musical seine Premiere, sondern zum ersten mal überhaupt wird eine Produktion im First Stage Theater ein zweites Mal aufgeführt. Ein Vertrauensbeweis sondergleichen für das Können der jungen Talente, die hier auf der Bühne stehen.

Intendant Dennis Schulze begrüßte das Publikum mit einigen einführenden Worten, bevor sich der Vorhang hob, und was dann folgte, begeisterte den Saal von der ersten Minute an. „Natürlich Blond“ ist das Abschlussprojekt der Absolventen der Stage School Hamburg, die damit nicht nur ihre Ausbildung krönen, sondern gleichzeitig vor Talentsuchern und Castern aus der ganzen Branche zeigen, was in ihnen steckt. Das Ergebnis ist beeindruckend.

Pink ist mehr als eine Farbe

Die Geschichte der Elle Woods, bekannt aus dem Kinohit von 2001 mit Reese Witherspoon, erzählt von einer jungen Frau, die nach einer schmerzhaften Trennung ihrem Ex-Freund Warner an die Eliteuniversität Harvard folgt und dort weit mehr entdeckt als nur Juraparagraphen: nämlich sich selbst! Was nach einer seichten Komödie klingen mag, entpuppt sich als kluge, warmherzige und bisweilen messerscharfe Geschichte über Vorurteile, Mut und weibliche Selbstbestimmung. Das Musical läuft rund 140 Minuten inklusive Pause und lässt dabei einen Moment der Langeweile entstehen.

Regie mit Herz und Hirn

Verantwortlich für die Inszenierung ist Franziska Kuropka, die bereits mit Produktionen wie „Kein Pardon“ am First Stage Theater bewiesen hat, dass sie ein Gespür für Tempo, Komik und emotionale Tiefe besitzt. Ihr zur Seite stand Imke Wynants, die bereits in zahlreichen Inszenierungen im First Stage Theater ihr Können unter Beweis gestellt hat.

Auch hier gelingen iden beiden eine Inszenierung, die Klischees nicht einfach bedient, sondern humorvoll hinterfragt und dabei stets die Menschlichkeit ihrer Figuren im Blick behält. Die Charaktere wirken zu keinem Moment wie bloße Karikaturen, sondern als echte Persönlichkeiten mit eigenen Geschichten. Die Übergänge zwischen den Szenen fließen nahtlos, das Tempo stimmt und wer genau hinschaut, entdeckt zahlreiche liebevolle Details, die zeigen, wie sorgfältig diese Produktion gedacht ist.

Nicole Eckenigk zeichnet für die Choreografie verantwortlich und liefert schwungvolle, energiegeladene Bewegungsbilder, die das Ensemble sichtlich mit Spielfreude und Perfektion erfüllen. Unter der musikalischen Leitung von Max McMahon klingt der Pop-Score von Laurence O’Keefe und Nell Benjamin, in der deutschen Fassung von Kevin Schroeder und Heiko Wohlgemuth, frisch, mitreißend und absolut einprägsam. Man geht mit mehr als einem Ohrwurm nach Hause.

Ein Ensemble, das begeistert

Im Mittelpunkt des Abends steht Antonia Opp als Elle Woods und das mit vollem Recht! Mit einer beeindruckenden Bühnenpräsenz und überzeugendem Spiel und Gesang, gerade in den rugigen und emotionalen Szenen, verkörpert sie die Verwandlung von der vermeintlich naiven Blondine zur entschlossenen, brillanten Jurastudentin mit großer Natürlichkeit und echtem Charme. Ihre Elle ist nicht Klischee, sondern Mensch und genau das macht sie so sehenswert. 

Lennard Ney überzeugt nicht weniger als Emmett Forrest. Mit sympathischer Wärme und Fürsorge, ist er die perfekte Ergänzung zu Elle und beweist sein Können sowohl im Zusammenspiel als auch im Duett mit Elle eindrucksvoll.

Rasmus Meyer-Loos als Warner, den selbstgefälligen Ex-Freund, gelingt es mit schauspielerischer Präzision den Zwispalt zwischen den Gefühlen zu Elle und seiner neuen Freundin Vivienne authentisch  darzustellen. Nicht weniger glänzt er auch bei seinen choreografischen Einsätzen.

Annabelle Hoogvliet zeigt als Vivienne Kensington eine bemerkenswerte Entwicklung. Wie sie Vivienne von der eiskalten, hochnäsigen Rivalin zu einer aufrichtigen, warmherzigen Verbündeten wandelt, geschieht so organisch und glaubwürdig, dass man ihr jede Phase dieser Verwandlung vollständig abnimmt.

Die Stimmgewaltige Laura Rittler begeistert als Friseurin Paulette und beste Freundin von Elle. Sie erfüllt ihre Rolle mit so viel Herz und Witz, dass man ihr am liebsten noch eine eigene Show gönnen würde. Ihr komödiantisches Timing sitzt, ihre Stimme trägt, und mit jeder Szene hinterlässt sie ein Lächeln im Publikum.

Kim Hanfland glänzt als Brooke Wyndham. Sie bringt besonders in den häufigen physisch anspruchsvollen Szenen, eine Energie auf die Bühne, die den gesamten Saal mitreißt und staunen lässt. Sie macht damit deutlich, dass sie eine Bühne nicht nur bespielen, sondern auch in Besitz nehmen kann.

Robert Schmelcher liefert als übergriffiger Professor Callahan eine Glanzleistung der anderen Art: Mit einem Charisma, das zwischen Charme und Bedrohlichkeit wandelt, gelingt ihm eine Darstellung, die das Publikum zwischen Syphatie und Antipathie wechseln lässt.

Auch die weiteren Ensemblemitglieder tragen stark zum Gesamterlebnis bei. Sie setzen die humorvollen Akzente und prägen mit ihrem geschlossenem Auftreten eindrucksvoll die Atmosphäre dieses Klassikers. Die Bandbreite von Songs, Tempi und Variationen an Choreografien ist nicht zu unterschätzen und wird hier makellos vorgetragen.

Besonderes Lob: Meister der vielen Gesichter

Hervorgehoben werden müssen an diesem Abend zwei Darsteller, die Außergewöhnliches geleistet haben. Tyreese Scott und Lukas Nottebrock übernahmen gleich zahlreiche Rollen. Sie wechselten scheinbar mühelos zwischen den Charakteren, was nicht nur Wandlungsfähigkeit.sondern auch echtes Ausnahmetalent verrät.  Beide verdienen für diese Leistung besondere Anerkennung und sollten an diesem Abend so manchem Caster aufgefallen sein.

Fazit: Unbedingt hingehen

Das Publikum ließ keinen Zweifel daran, wie es den Abend empfand. Mehrfach unterbrachen Jubelrufe und spontaner Applaus die laufende Vorstellung! Das ist ein Zeichen echter Begeisterung, das man nicht inszenieren kann. Der Schlussapplaus mit Standing Ovations, bei dem sich das gesamte Ensemble auf der Bühne versammelte, war lang, laut und herzlich verdient.

Intendant Dennis Schulze dankte abschließend dem Kreativteam und allen Beteiligten. Man spürte, dass dieser Dank von jedem im Saal geteilt wurde.

„Natürlich Blond“ läuft noch bis zum 19. Juli 2026 im First Stage Theater, Thedestraße 15 in Hamburg-Altona.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert