West Side Story

Rezension: Marc Lohse

Hagen, 07. März 2026

Einleitung

Seit der Broadway-Uraufführung im Jahr 1957 gilt „West Side Story“ als eines der bedeutendsten Werke des amerikanischen Musiktheaters. Das kreative Quartett Arthur Laurents (Buch), Leonard Bernstein (Musik), Stephen Sondheim (Songtexte) und Jerome Robbins (Konzeption und Choreografie) schuf eine moderne Variante von Shakespeares „Romeo und Julia“, die Jugendgewalt, Migration und rassistische Grenzziehungen nicht umspielt, sondern unmittelbar ins Zentrum stellt. Zwei rivalisierende Straßengangs in der West Side Manhattans – die Jets, eine weiß-amerikanisch dominierte Gruppe, und die Sharks, puertoricanische Einwanderer – kämpfen um Territorium und Identität. Mittendrin: Tony (einst selbst Teil der Jets) und Maria (Schwester des Shark-Anführers Bernardo), die sich beim gemeinsamen Tanzabend ineinander verlieben.

In Zeiten, in denen Fragen der Migration, des Rassismus und sozialer Spaltung weltweit neu und drängend diskutiert werden, hat dieses Stück kaum an Brisanz verloren. Das Theater Hagen hat sich mit seiner Neuinszenierung also keinen einfachen Stoff vorgenommen – und das Haus zeigt Mut, diesen Abend nicht als nostalgisches Spektakel zu gestalten, sondern als lebendiges Stück Gegenwartstheater.

Handlung

Die Handlung von West Side Story spielt im New York der 1950er-Jahre. Zwei rivalisierende Jugendbanden kämpfen um die Vorherrschaft in ihrem Viertel: die Jets, eine Gruppe amerikanischer Jugendlicher, und die Sharks, eine Bande puerto-ricanischer Einwanderer. Misstrauen, Vorurteile und Revierdenken bestimmen den Alltag der jungen Menschen und lassen die Spannungen zwischen den Gruppen immer weiter eskalieren.

Mitten in diesem Konflikt begegnen sich Tony, ein ehemaliges Mitglied der Jets, und Maria, die Schwester des Sharks-Anführers Bernardo. Bei einem Tanzabend treffen sich die beiden zum ersten Mal – und verlieben sich sofort ineinander. Ihre Liebe entsteht in einer Umgebung voller Feindseligkeit und scheint dennoch zunächst wie ein Hoffnungsschimmer zwischen den verhärteten Fronten.

Doch die Situation spitzt sich weiter zu. Die beiden Banden verabreden eine gewaltsame Auseinandersetzung, um ihren Konflikt endgültig zu entscheiden. Trotz Tonys Versuch, die Eskalation zu verhindern, endet das Treffen tragisch: Bernardo wird im Kampf getötet, und Tony gerät dadurch noch tiefer in den Strudel der Gewalt.

Die Ereignisse entwickeln eine dramatische Dynamik. Missverständnisse, Angst und Rachegedanken treiben die Handlung weiter voran, bis schließlich auch Tony sein Leben verliert. Am Ende bleibt Maria zurück, erschüttert über den sinnlosen Tod und die zerstörerische Kraft des Hasses.

Wie schon die Vorlage Romeo und Julia erzählt auch West Side Story von einer Liebe, die an gesellschaftlichen Grenzen und Vorurteilen zerbricht – und von der Erkenntnis, dass erst die Tragödie die verfeindeten Gruppen zum Nachdenken bringt.

Regie und Choreografie

Yara Hassan, die zuletzt an den Theatern Dortmund und Bielefeld gearbeitet hat, verantwortet in Hagen sowohl Regie als auch Choreografie. In den großen Ensemble-Szenen zeigt sich ihre Stärke am deutlichsten: Die Tanzszenen zwischen den Gangs sind präzise gearbeitet, das Ensemble bewegt sich mit Energie und Disziplin. Besonders wenn die Drehbühne in Bewegung ist und das gesamte Ensemble gleichzeitig agiert, entsteht eine Atmosphäre von echter Wucht. Die Bühne dreht sich, die Figuren können dem Konflikt nicht entkommen – das wirkt nicht konstruiert, sondern fast zwangsläufig, und gehört zu den stärksten Momenten des Abends.

Die entscheidende Konfrontation unter der Brücke, bei der Bernardo und Riff sterben, wirkt ein wenig zu verspielt. Für einen Abend, der auf die tödliche Konsequenz von Revierdenken und Hass besteht, fehlt hier die nötige Schärfe.

Raum, Licht und Kostüm

Mara Lena Schönborn hat kein naturalistisches New York gebaut. Einfache Steinwände, Podeste, Treppen und offene Flächen. Dazu der Brautladen und ein angedeuteter Barbershop als Orte der Handlung. Es lässt Raum für das Ensemble und für das Licht.

Und das Licht von Hans-Joachim Köster nutzt diesen Raum gut. Es schafft Stimmungen, die das Bühnenbild allein nicht herstellt. Ob Enge, Bedrohung oder kurze Momente von Wärme.

Die Kostüme verankern die Handlung klar in den Fünfzigerjahren und unterscheiden die Gangs ohne Klischee. Beides trägt wesentlich dazu bei, dass das Stück visuell zusammenhält.

Das Orchester

Das Philharmonische Orchester Hagen unter Steffen Müller-Gabriel spielt Bernsteins Partitur mit echter Leidenschaft. Diese Musik ist für ein Hausorchester eine erhebliche Herausforderung – die rhythmischen Kontraste, die Jazzidiome, die lyrischen Bögen verlangen Flexibilität und Präzision zugleich. Das Orchester liefert beides, und in den großen Nummern spürt man, dass die Musik die Handlung wirklich trägt.

Gelegentlich gingen einzelne Stimmen im Orchesterklang unter, und nicht jeder Text war durchgängig verständlich. Das dürfte sich mit weiteren Vorstellungen einspielen.

Klassische Stimmen – eine Entscheidung mit Folgen

Was diese Produktion ungewöhnlich macht, ist der konsequente Einsatz klassisch ausgebildeter Stimmen in allen Hauptrollen. Im Musicalbereich ist das keine Selbstverständlichkeit. Die Stimmen klingen warm, tragfähig und technisch souverän. Nummern wie „Somewhere“ oder „Heut Nacht“ gewinnen dadurch eine Ernsthaftigkeit, die man in vielen Musicalproduktionen vermisst.

Diese Entscheidung hat jedoch eine Kehrseite. Eine klassisch geformte Stimme braucht Haltung, Stütze, Kontrolle. Das ist genau das Gegenteil von dem, was eine Straßenfigur glaubwürdig macht. An mehreren Stellen war zu spüren, wie das schauspielerische Spiel hinter der Gesangstechnik zurückblieb – die Figur blieb hinter der Stimme etwas zurück. „West Side Story“ lebt aber davon, dass man den Figuren die Straße abnimmt, ihre Rohheit, ihre Verzweiflung. Wenn der Gesang zu kultiviert wirkt, geht genau das verloren.

Das deutlichste Beispiel ist Kenneth Mattice als Bernardo. Mattice ist ein erfahrenes Ensemblemitglied des Theaters Hagen, stimmlich, wie spielerisch sehr stark und präsent auf der Bühne. Aber sein US-Akzent ist im Deutschen deutlich hörbar und verliert für eine Figur, die den kulturellen Stolz der puertoricanischen Gemeinschaft verkörpert, an Authentizität. Mattice kann für seine Herkunft nichts, und es ist keine Kritik an ihm persönlich. Es ist eine Frage der Besetzungsentscheidung: Auch hier wurde die Stimme über die sprachliche und kulturelle Glaubwürdigkeit gestellt. Das ist eine legitime Wahl, aber sie hat ihren Preis.

Darsteller

Die Hagener Produktion von West Side Story überzeugt vor allem durch eine gesanglich sehr starke Cast, das die emotionalen Konflikte des Stücks glaubwürdig auf die Bühne bringt.

Nike Tiecke als Maria überzeugt sowohl stimmlich als auch szenisch. Ihre Stimme hat Kraft und Präzision, und sie schafft es trotzdem, Maria als Figur erkennbar zu halten – naiv am Anfang, gebrochen am Ende. 

Angela Davis als Anita ist ein Glücksfall für diese Produktion. Sie bringt Empathie, Liebe und die nötige Strenge mit, bleibt dabei aber  immer in der Figur. Als Marias Vertraute und Bernardos Partnerin trägt sie zugleich den emotionalen Kern des zweiten Akts.

Als Tony bringt Anton Kuzenok eine ruhige, fast nachdenkliche Ausstrahlung auf die Bühne. Seine romantische Darstellung unterstreicht Tonys Wunsch nach einem anderen Leben jenseits der Gewalt der Banden. Gesanglich überzeugt er mit warmem Timbre und klarer Linienführung, auch wenn seine Figur insgesamt etwas zurückhaltender wirkt als andere Rollen des Abends.

Kenneth Mattice verkörpert Bernardo mit Autorität und körperlicher Präsenz. Er macht den Anführer der Sharks als entschlossene und zugleich nachvollziehbare Figur sichtbar. Seine Darstellung verleiht den Konflikten der Gangs zusätzliches Gewicht.

Ein Highlight der Inszenierung ist Anna Herzberger als Anybodys. Unaufdringlich und doch immer präsent. Die Figur steht am Rand der Jets – ein Mädchen, das dazugehören will und immer wieder abgewiesen wird, bis sie Tony im entscheidenden Moment rettet und endlich aufgenommen wird. Herzberger spielt das ohne jeden Sentimentalismus: zäh, genau, mit einer körperlichen Präsenz, die jede ihrer Szenen besonders macht. 

Das Ensemble

Besonders hervorzuheben ist die Tanzleistung des Ensembles. Die Choreografien sind kreativ und mit bemerkenswerter Prazision ausgeführt. Jede Bewegung sitzt, ohne dass das Ergebnis mechanisch wirkt. Daas ist keine Selbstverständlichkeit bei einem Ensemble  dieser Größe.

Gerade in den großen Ensembleszenen entsteht, mit dem Einsatz der Drehbühne, eine außergewöhnliche Athmosphäre und Energie. Die Drehbewegung verstärkt das Gefühl von Unvermeidlichkeit, von aufeinanderzutreibenden Kräften und Zusammenhalt als könnten die Figuren dem Konflikt buchstäblich nicht entkommen, egal in welche Richtung sie sich wenden.

Gerade in den Tanzszenen zwischen Jets und Sharks erreicht diese Kombination aus Masse, Choreografie und Bühnentechnik Momente, die im Gedächtnis bleiben.

Fazit

Das Theater Hagen zeigt eine „West Side Story“, die weiß, was sie will: Bernsteins Musik mit ausgebildeten Stimmen und einem engagierten Orchester. Das gelingt, und es gibt Momente, die großen Ensembleszenen mit der Drehbühne zum Beispiel oder Anna Herzberger als Anybodys, die diesen Abend wirklich sehenswert machen.

Was dabei manchmal auf der Strecke bleibt, ist die Straße. Das Leben unter Menschen ohne Zukunft. Das verträgt sich nicht immer mit dem klanglichen Eindruck dieser Produktion. Wer aber bereit ist, sich auf diesen Abend einzulassen wie er ist, wird belohnt.

Empfehlung: Hingehen.