Nic Schilling

„Queere Menschen machen einen erheblichen Teil unserer Gesellschaft aus.“

Von Marc Lohse / 28.04.26

STAGE VIBE

Das neue Musical „Im Auge des Sturms“ verspricht große Emotionen, unerwartete Wendungen und eine Geschichte, die aktueller kaum sein könnte. Mit Nic Schilling steht ein:e Kreativer dahinter, der es mit seinem Team verstanden hat, starke Stoffe musikalisch eindringlich auf die Bühne zu bringen. In unserem Gespräch gibt er Einblicke in die Entstehung des Stücks, seine künstlerische Vision und die Herausforderungen eines Projekts, das bereits im Vorfeld für Aufmerksamkeit sorgt.

Hallo Nic, vielen Dank, dass du dir für ein Interview Zeit genommen hast. Für diejenigen, die dich noch nicht kennen: Wer bist du, und was hat dich zum Musiktheater gebracht?

NIC

Hi! Ich bin Nic, 29, und ich bin Musical-Komponist:in. Als Kind hab ich immer gesagt, dass ich mal Percussion oder Gesang im Musical machen möchte, aber nur, weil ich dachte “Naja, schreiben kann ich sowas ja sicherlich nicht”. Die Komposition war also eigentlich schon immer das, was ich wirklich machen wollte!

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Wie ist die Idee zu „Im Auge des Sturms“ entstanden?

NIC

Der Ausgangspunkt des Stückes war die Realisation, dass es viele Kirchen und viele junge Chöre und Ensembles in Deutschland gibt, gleichzeitig aber zu wenig wirklich neue Musicals, die am Zahn der Zeit sind und gesellschaftlich relevante Themen direkt und authentisch ansprechen. Dann folgte das Bild einer Sanduhr auf einem Altar, und von da baute sich das Stück auf. Inzwischen arbeite ich seit etwa sechs Jahren an dem Stück, einige Songs existieren aber schon deutlich länger.

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Kannst du die zentrale Handlung des Musicals kurz beschreiben?

NIC

Am besten beschreibt es unsere Dramaturgin und Buchautorin Annabell Strobel: Eine Gruppe Jugendlicher sucht in einer rätselhaften Kirche Schutz vor einem ebenso rätselhaften Sturm. Sie leben dort teilweise schon seit langer Zeit, abgeschottet von der Außenwelt. Mit der Zeit entstehen Spannungen: Gruppenoberhaupt Trito kämpft mit Fragen von Schuld und Identität, und Neuankömmling Lila versucht, unerwartete Gefühle zu verstehen. Doch wie können sie ihre persönlichen Probleme bewältigen, während der Sturm droht, alles zu zerstören?

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Welche Rolle spielt die Musik in dem Stück?

NIC

Ich verwende in der Komposition kontemporäre Elemente wie Dissonanzen und Soundscapes, arbeite viel mit Motivik, und zurre am Ende alles in einem Musical-Sound zusammen. Es klingt anders als Musical in Deutschland üblicherweise klingt, aber ist genau deshalb besonders nahbar und emotional. Durch die Motivarbeit wird die Musik auch direkt mit der Handlung verknüpft.

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Die Hauptfigur ist sich ihrer Geschlechtszugehörigkeit nicht sicher. Wie bist du an die Entwicklung dieser Story herangegangen?

NIC

Ausschlaggebend dafür war, dass ich mich selbst im Laufe des Entstehungsprozesses als nichtbinär geoutet habe. Das Stück ist nicht autobiographisch, aber natürlich ist es von persönlichen Erfahrungen geprägt. In meiner Erfahrung braucht es klare, stichhaltige Charaktere und ein interessantes Setting, dann entfaltet sich die Handlung wie von selbst, und so war es hier auch.

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Wie spiegelt sich die Unsicherheit in Musik, Dialogen oder Szenen wider?

NIC

Der Selbstfindungsprozess von Trito prägt vor allem die Musik maßgeblich. Ausschlaggebend sind vor allem der Tritonus, der zwischen der Quarte und der Quinte steht, und das Ausbleiben der Terz, wodurch immer wieder Songs zwischen den Tongeschlechtern Dur und Moll stehen, und nicht klar einzuordnen sind – eben genau so, wie Trito sich im Stück auch fühlt. Auch in den Dialogen von Annabell Strobel, Isa Fallenbacher und mir, sowie durch die Regie von Nele Neugebauer kann Tritos Weg nachvollzogen werden.

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Welche Überlegungen hattest du dazu, Stereotype zu vermeiden und trotzdem verständlich zu erzählen?

NIC

Das wichtigste ist, dass das Team zum größten Teil aus queeren Personen besteht. Dadurch entstehen an allen kreativen Schnittstellen authentische Repräsentationen von queeren Erfahrungen. Wenn sich irgendwo etwas falsch angefühlt hat, wurde es immer sofort angemerkt und geändert. Ich hatte wirklich zu keinem Zeitpunkt die Sorge, dass wir stereotypisch oder reduktivistisch mit diesem Stoff umgehen könnten, da wir als Team ja von unserer eigenen Community erzählen.

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Hast du für die Figur Input von Personen mit eigenen Erfahrungen in diesem Bereich

eingeholt – und wenn ja, wie hat das die Arbeit beeinflusst?

NIC

Für verschiedene queere Identitäten habe ich Interviews und lange Gespräche in meinem Umfeld geführt, und queere Menschen in den Kreativprozess einbezogen. Wir konnten an vielen Stellen aber auch aus eigenen Erfahrungen schöpfen.

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Wie gehst du generell an das Thema geschlechtliche Identität heran, damit sich Menschen mit ähnlichen Erfahrungen respektvoll dargestellt fühlen?

NIC

Jede Erfahrung ist natürlich individuell. Dementsprechend kann ich nur meine Perspektive, bzw. die Perspektive aus meinem Umfeld repräsentieren. Aber ich habe zum Beispiel auch hier andere nichtbinäre Personen in meinem Umfeld um Metaphern für “Trans Joy”, also die positiven und validierenden Gefühle der Trans* Erfahrung gebeten. Manche davon habe ich dann auch in der einen oder anderen Form in Liedtexte eingearbeitet.

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Wie bist du beim Casting mit dem Thema Diversität umgegangen? Gab es ungeschriebene Typ-Vorgaben oder bezieht sich die Thematik ausschließlich auf die Geschichte?

NIC

Wir haben natürlich keine invasiven, persönlichen Fragen gestellt. Gleichzeitig war uns wichtig, ein möglichst diverses Team zu haben. Das Stück und unsere Ausschreibung haben dann aber ganz von selbst Menschen angezogen, denen das Thema am Herzen liegt und die selbst Erfahrungen mit dem Thema Queerness haben. Und während man natürlich grobe Vorstellungen hat, wie ein Charakter aussehen oder wirken könnte, wurden wir oft überrascht mit neuen und spannenden Interpretationen der Charaktere. Unsere Darstellenden sind wirklich phänomenal, und ich könnte mir keine bessere Besetzung vorstellen!

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Gab es im Team Gespräche oder Sensibilisierungsprozesse zum Thema Geschlechtsidentität oder Inklusion, die dir wichtig waren?

NIC

Aufgrund der Teamkomposition war das tatsächlich kaum nötig. Wir haben immer wieder den Raum geöffnet für solche Gespräche, aber schnell gemerkt, dass alle auf einem ähnlichen Stand waren. Dieses gegenseitige Verständnis und die zugrundeliegende Sensibilität hat die Zusammenarbeit maßgeblich geprägt. Ich bin sehr dankbar für Isa, Annabell und Nele. Die Arbeit im Kreativteam war wirklich außergewöhnlich verständnisvoll.

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Hast du Erwartungen an die queere Community, die dich während deiner Arbeit besonders beschäftigt haben?

NIC

Wir hatten vor zwei Jahren schon eine Workshop-Produktion, und wir haben Songs auf CSDs und in queeren Communities gezeigt. Das heißt, das Stück ist mit und in der queeren Community entstanden, wodurch alle Erwartungen von vornherein sehr miteinander abgeglichen waren.

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Wie leicht oder schwer war es ein Musical auf die Beine zu stellen, dass weit weg vom Disney oder Mainstream ist?

NIC

Das war tatsächlich nicht ganz einfach. In Deutschland gibt es eine starke Teilung zwischen unterhaltendem Musiktheater, also typischerweise kommerziellen Shows und Musicals, die dann auch hohe Ticketpreise haben, und staatlichem Musiktheater, das öffentlich gefördert wird, oft eher museal angelegt ist und im Genre eher der Oper nahe steht. Wir befinden uns in einem Wandel dieser Strukturen, aber gerade in dieser kritischen Phase werden mehr und mehr Fördermittel gestrichen. Wir wollen natürlich, dass möglichst viele Menschen das Stück sehen können, fallen aber in die Lücke zwischen diesen Strukturen. Das hat die Finanzierung sehr schwer gemacht. Aber genau diese Lücke wollen wir schließen, und wir sind allen dankbar, die uns auf dem Weg dahin unterstützen!

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Hat die Arbeit an diesem Stück deinen Blick auf Inklusion und Identität verändert?

NIC

Der gesamte Prozess hat mich sehr dafür sensibilitiert, wie vielfältig und schön queere Lebensrealitäten sein können, aber auch welchen Herausforderungen queere Menschen ausgesetzt sind. Diese Erfahrung ermutigt mich immer wieder dazu, sowohl politisch als auch kreativ laut zu sein für mich und meine Community.

STAGE VIBE

Was wünschst du dir, dass das Publikum – mit oder ohne Inklusionshintergrund – aus dem Musical mitnimmt?

NIC

Queere Menschen machen einen erheblichen Teil unserer Gesellschaft aus. Statistisch gesehen hat jeder Mensch an irgendeiner Stelle Kontakt mit einer queeren Person, ob er es weiß oder nicht. Das Stück lädt dazu ein, diesen Erfahrungen empathisch zu begegnen und die Gefühle der Figuren zu verstehen. Das heißt, auch wenn man keinen direkten Bezug zum Thema hat, wird es ein spannender Abend!

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Welche Rolle können oder sollten Theater und Musicals deiner Meinung nach darin spielen, den Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt zu verändern?

NIC

Theater hat ein riesiges Potenzial, Menschen da abzuholen, wo sie sind und ihnen einen Einblick in eine andere Realität zu geben. Aus diesem Potenzial folgt auch die Verantwortung, für Menschenrechte und Gleichberechtigung einzustehen. Während Theater sich zunehmend inhaltlich damit befassen, zeigt sich immer wieder, dass wir auf einer strukturellen Ebene in der Branche noch einen weiten Weg zu gehen haben.

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Wo kann man euch denn sehen?

NIC

Wir freuen uns auf euren Besuch im Kulturforum Fürth zwischen dem 1. und 9. Mai! Die Premiere ist zwar schon ausverkauft, aber für die anderen Vorstellungen gibt es noch ein paar Karten. Wir sehen uns im Sturm!

STAGE VIBE

Vielen Dank Nic, für diese offenen Einblicke in die Entstehung dieses neuen Musicals und die neuen Dankanstöße, die die wir aus diesem Gespräch und sicher auch aus dem Musical mitnehmen können. Und wie du schon sagtest: Wir sehen uns im Sturm!

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