Hair - Das Musical

EINLEITUNG

„Hair“ ist eines der bedeutendsten Musicals der Theatergeschichte. Es entstand mitten in der Gegenkultur der späten 1960er Jahre und brachte Themen wie Antikriegsbewegung, freie Liebe, Rassengleichheit und individuelle Freiheit erstmals mit einer Direktheit auf die Bühne, die das Musiktheater bis dahin nicht kannte. Bis heute gilt es als Meilenstein – künstlerisch, politisch und kulturell.

ZUSAMMENFASSUNG

„Hair“ erzählt von Claude Hooper Bukowski, einem jungen Mann aus dem ländlichen Oklahoma, der nach New York City kommt und dort auf eine Gruppe Hippies trifft. Angeführt wird die Gruppe von dem charismatischen Berger, der das Leben in vollen Zügen genießt und jede Form von Autorität ablehnt. Claude ist hin- und hergerissen: Er fühlt sich zur Freiheit und Lebensfreude der Gruppe hingezogen, steht aber gleichzeitig vor der Entscheidung, dem Einberufungsbefehl für den Vietnamkrieg Folge zu leisten oder sich zu widersetzen. Sheila, eine politisch engagierte junge Frau, und die übrigen Mitglieder des „Tribe“ begleiten ihn auf diesem inneren Weg. Das Musical endet tragisch. Claude entscheidet sich, einzurücken, und kehrt nicht zurück.

HANDLUNG

! SPOILER-ALARM !

Claude Hooper Bukowski kommt als junger, noch ungeformter Mann aus Oklahoma mit einem Einberufungsbefehl in der Tasche und ohne klare Vorstellung davon, was er damit anfangen soll nach New York City. In der Stadt trifft er auf den „Tribe“, eine lose Gemeinschaft junger Menschen, die in den Parks und Straßen Manhattans leben, gegen den Vietnamkrieg protestieren und eine Welt ohne Grenzen und Konventionen anstreben. Das inoffizielle Zentrum der Gruppe ist George Berger – laut, charismatisch und voller Lebensenergie -, der Claude in ihre Welt einführt: Demonstrationen, Drogenexperimente, freie Liebe und das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Sheila Franklin, politisch engagiert und intellektuell, bildet dabei das dritte Zentrum einer nie klar aufgelösten emotionalen Dreiecksbeziehung zwischen ihr, Claude und Berger. Je länger Claude beim Tribe ist, desto stärker wächst sein innerer Konflikt: Er sympathisiert mit den Werten der Gruppe, fühlt sich aber gleichzeitig einem tief verwurzelten Pflichtgefühl gegenüber dem Staat verpflichtet. Während Berger und andere ihren Einberufungsbescheid öffentlich verbrennen, zögert Claude. In einer zentralen Sequenz verbringen er und der Tribe eine letzte gemeinsame Nacht, in der Musik, Drogen und Visionen ineinanderfließen und Claude sich selbst in historischen Szenarien sieht – als Soldat, als Gefangener, als Figur der Geschichte. Schließlich trifft er seine Entscheidung: Er lässt sich die Haare schneiden, das zentrale Symbol seiner Zugehörigkeit zum Tribe, und rückt ein. Berger versucht in einem letzten impulsiven Akt, sich an Claudes Stelle einzureihen, doch es ist zu spät. Das Musical endet damit, dass Claude im Vietnamkrieg gefallen ist. Der Tribe trauert, richtet sich mit dem finalen Song direkt ans Publikum, und hinterlässt keine Auflösung, sondern eine Anklage.

HISTORISCHER, KULTURELLER & THEMATISCHER KONTEXT

„Hair“ entstand in einer der turbulentesten Phasen der amerikanischen Geschichte. Der Vietnamkrieg polarisierte die Gesellschaft, die Bürgerrechtsbewegung veränderte das Land, und eine ganze Generation junger Menschen wandte sich gegen die Werte ihrer Eltern. Die Hippie-Bewegung, Drogen, freie Liebe und Flower Power waren keine Randphänomene, sie waren Teil eines echten kulturellen Umbruchs.

Das Musical griff all das direkt auf: Rassenmischung auf der Bühne, Nacktheit, das Verbrennen von Einberufungsbescheiden – vieles davon war 1968 nicht nur provokant, sondern in Teilen der USA illegal oder zumindest gesellschaftlich tabuisiert. In einigen Städten wurde die Produktion verboten oder gerichtlich angefochten.

Thematisch verbindet „Hair“ den Konflikt zwischen individueller Freiheit und staatlicher Pflicht, zwischen Utopie und Realität. Es stellt keine einfachen Antworten bereit, und genau das macht es bis heute relevant.

PREMIEREN

Die Uraufführung fand am 17. Oktober 1967 im Off-Broadway-Theater The Public Theater statt.

Am 29. April 1968 folgte die Broadway-Premiere im Biltmore Theatre.

KREATIV-TEAM

Buch: Gerome Ragni, James Rado

Musik: Galt MacDermot

DARSTELLER

Die Originalbesetzung am Broadway:

In der Broadway-Premiere spielten James Rado (Claude) und Gerome Ragni (Berger), also die beiden Autoren selbst, die Hauptrollen. Lynn Kellogg übernahm die Rolle der Sheila, Melba Moore spielte Dionne.

Bekannte spätere Darsteller:

„Hair“ war für viele Karrieren ein Sprungbrett. Diane Keaton war in der ursprünglichen Broadway-Besetzung. Meat Loaf spielte in einer frühen Tourneeproduktion. Die Filmversion von 1979 unter der Regie von Miloš Forman brachte John Savage als Claude und Treat Williams als Berger. Annie Golden, die ebenfalls im Film mitwirkte, war zuvor in der Bühnenproduktion aktiv. Im Rahmen des Broadway-Revivals 2009 war Gavin Creel als Claude zu sehen.

MUSIK

„Hair“ enthält eine Vielzahl von Songs, die weit über das Musical hinaus bekannt wurden:

„Aquarius“ – Die Eröffnungsnummer, eine Hymne auf das Zeitalter und wohl der bekannteste Song des Musicals.

„Hair“ – Der Titelsong, eine Hommage an das Haar als Symbol von Freiheit und Identität.

„Good Morning Starshine“ – Ein verspielter, optimistischer Song, der auch außerhalb des Musicals großen Erfolg hatte.

„Let the Sunshine In“ – Der finale Song, mit dem der Tribe das Publikum direkt anspricht. Ein emotionaler Appell.

„Black Boys / White Boys“ – Ein satirischer, bewusst provokanter Song über Rassenstereotype und sexuelle Anziehung.

„Frank Mills“ – Eine stille, zarte Ballade, in der eine junge Frau von einem Mann erzählt, den sie vermisst.

„Easy to Be Hard“ – Eine emotionale Nummer über Kälte und Gleichgültigkeit trotz politischen Engagements.

AUSZEICHNUNGEN & NOMINIERUNGEN

„Hair“ war bei seiner Uraufführung für den Tony Award nominiert, ging damals aber leer aus. Das Broadway-Revival 2009 war deutlich erfolgreicher bei den Tonys: Es gewann den Tony Award als Bestes Musical-Revival und erhielt weitere Nominierungen, darunter für Regie und Darsteller. Der Song „Aquarius / Let the Sunshine In“ in der Interpretation der 5th Dimension gewann 1970 den Grammy Award für die beste zeitgenössische Gesangsdarbietung einer Gruppe.

TRIVIA / FUN FACTS

Die Nacktszene am Ende des ersten Akts war bei der Uraufführung ein Skandal und ist es in manchen Inszenierungen bis heute.

In Oklahoma wurde eine Aufführung des Musicals 1974 zunächst per Gerichtsbeschluss verboten, was der US Supreme Court letztlich aufhob.

Der Titel bezieht sich nicht nur auf das Haar als körperliches Merkmal, sondern auf seine symbolische Bedeutung: Langes Haar war das sichtbarste Zeichen der Gegenkultur.

Die Autoren Rado und Ragni spielten selbst in der Originalproduktion. Sie schrieben das Stück also buchstäblich für sich selbst.

Der Song „Aquarius“ wurde durch die Coverversion der 5th Dimension weltberühmt und hält sich bis heute in der Popkultur.