Judith und das Wunder der Schöpfung
Rezension: Marc Lohse
Dortmund, 21. Februar 2026
EINLEITUNG
Die Premiere des Chormusicals „Judith und das Wunder der Schöpfung“ am 21. Februar 2026 in der Dortmunder Westfalenhalle markierte ein beeindruckendes Ereignis, das weit über ein klassisches Musical hinausging. Mit rund 3.000 Mitwirkenden aus ungefähr 70 Chören verwandelte sich die Halle in eine Arena emotionaler Intensität.
HANDLUNG
Die Geschichte von Judith, inspiriert vom biblischen Motiv, verwebt Schöpfungsgeschichte mit modernen Herausforderungen wie gesellschaftlicher Spaltung, Umweltzerstörung und dem Streben nach Versöhnung. Die nicht strikt chronologische Abfolge der Epochen ermöglichte eine kluge Song-Reihenfolge, die emotionale Bögen spann und die Handlung hochaktuell und berührend machte. So berührten Szenen zu aktuellen Problemen, wie den Umgang mit Umwelt und Verantwortung, und Konflikten in Familien und Beziehungen, das Publikum tief, ohne belehrend zu wirken.
CHOR UND INSZENIERUNG
Das Herzstück der Produktion war der monumentale Chor mit Tausenden Stimmen, der das Spektakel zu einem Event machte – weniger Theater, mehr kollektives Erlebnis. Die Inszenierung der Stiftung Creative Kirche nutzte die Bühne der Westfalenhalle optimal für visuelle Effekte, Lichtshows und Bühnenbilder, die sehr kreativ und symbolträchtig genutzt wurden, um die Geschichte eindrucksvoll darzustellen. Die Akustik litt stellenweise unter der enormen Hallengröße, was Nuancen der Texte und feinere Klangfarben leicht verschwimmen ließ, doch dies minderte den Gesamteindruck kaum.
BESETZUNG UND SOLISTEN
Die gesamte Cast überzeugte durch beeindruckenden Stimmen, authentische Darstellung und starke Präsenz, von den Chormitgliedern bis zu den Solisten.
Herausragend:
Alida Will brillierte in der Titelrolle der Judith mit ausgeprägter Gesangstechnik und intensiver schauspielerischer Präsenz, die die innere Zerrissenheit der Protagonistin – zwischen Rebellion, Zweifeln und letztlich versöhnender Erkenntnis – authentisch und berührend vermittelte. Ihre Darstellung machte Judith zu einer modernen Heldin, deren emotionale Tiefen das Publikum in der Westfalenhalle gefangen nahmen und die zentralen Themen von Schöpfung und Verantwortung unvergesslich prägten.
Oliver Edward überzeugte als Ammo mit tollem Stimmvolumen und charismatischer Bühnenpräsenz, die der Figur Dynamik und Tiefe verlieh – sei es in leidenschaftlichen Solos oder interaktiven Szenen mit Judith. Seine Darstellung als positiver, gläubiger und vertrauender Halt in Judith’s Leben trug maßgeblich zu den epischen Momenten bei und unterstrich die kraftvolle Dynamik der Produktion positiv.
Josefine Rau glänzte als Mire mit einer überzeugenden Gesangsleistung, herzerwärmenden Bühnenpräsenz, und neue Perspektiven in der Freundschaftsdynamik von Mire und Judith. Sie brachte Leichtigkeit und authentische Unterstützung in die dramatischen Höhepunkte, machte Mire zu einer der sympathischsten Figuren und begeisterte das Publikum durch Spiel und starke Gesangssoli als weiteres Highlight der Premiere.
Charlotte Heinke spielt Judith’s Mutter Esther, die mit eigenen Idealen und Schuldgefühlen ringt. Sie verkörpert die progressive, kulturell geprägte Seite der Familie und gerät in Konflikt mit Judiths impulsiven Entscheidungen – etwa als Judith eine Büste aus ihrem Museum stiehlt, um Proteste anzuzetteln. Ihre Rolle zeigt die Spannung zwischen Tradition und Moderne, mit Tiefe in familiären Auseinandersetzungen.
Detlef Leistenschneider verkörpert Vater Paul, den konservativen, idealistischen Flügel der Familie. Er kämpft mit Zweifeln an Fortschritt und gesellschaftlichen Veränderungen, prallt mit Judiths Überzeugungen zusammen und symbolisiert enttäuschte Optimisten in einer polarisierten Welt. Glaubwürdig und nuanciert dargestellt, unterstreicht er Themen wie Verantwortung und familiäre Spaltung.
Benjamin Oeser als Polizist Michael ist Judiths Bruder, der für Ordnung und Autorität steht. Er eskaliert Konflikte in Demonstrationen zwischen Progressiven und Konservativen im Affekt, und spiegelt gesellschaftliche Spannungen wider. Seine Präzision betont den Kontrast zu Judiths Rebellion.
Frank Logemann als Großvater Jakob gibt Judith Halt und Mut, Verantwortung zu übernehmen, inmitten ihrer Zukunftsängste, Schwangerschaft und Krisen. Als weise, generationenübergreifende Stütze erinnert er an das „Wunder des Lebens“ und fördert Versöhnung – eine berührende, erdende Kraft in der Geschichte.
INKLUSION ALS MARKENZEICHEN
Über 100 Chöre aus diversen Hintergründen, vielfältiger Herkunft und Fähigkeiten schufen ein Miteinander, das die Botschaft von Einheit und Vielfalt lebendig machte. Ein Thema, das nahtlos zu aktuellen Diskursen im Theaterbereich passt und die Musicalszene bereichert.
MUSIK
Die Songs, komponiert von Laura Diederich, Ilja Krut und Johannes Pinter sowie Michael Herberger, boten eine Mischung aus epischen Chorsätzen und intimen Solostücken, die von Pop-Elementen bis Gospel reichten und die Halle zu einer Einheit werden ließ. Die Premiere begeisterte das Publikum und etablierte das Werk als neues Highlight im Genre der Chormusocals.
