Tschüssikowski! Die abgefahrene Urlaubsrevue
Rezension: Marc Lohse
Hamburg, 4. April 2026
Einleitung
Ein Nachmittag voller Urlaubsfieber, Spielfreude und handfester Komik auf der Reeperbahn.
Hamburg, Anfang April. Draußen weht noch ein frisches Lüftchen über den Spielbudenplatz, doch wer an diesem Nachmittag das Schmidt Theater betritt, wird sofort von einer anderen Welt empfangen: bunten Hemden, Sommerhits und einer Energie, die einem sofort das Fernweh in die Beine treibt. „Tschüssikowski! – die abgefahrene Urlaubsrevue“ von Martin Lingnau und Heiko Wohlgemuth unter der Regie von Corny Littmann ist seit ihrer Uraufführung 2018 ein echter Hamburger Dauerbrenner, und die aktuelle Wiederaufnahme zeigt eindrucksvoll, warum das so ist.
In zweieinhalb Stunden einmal um die Welt? Das macht diese Revue möglich! Ein Potpourri aus Hits, Gags und verrückten Ideen in bester Schmidt-Tradition.
Die Story
Jeder kennt es. Die ganze Familie will in den Urlaub und jeder will etwas anderes. Genau diese universelle Familiendynamik steht im Mittelpunkt von „Tschüssikowski!“. Die Familie ist das perfekte Abbild einer deutschen Durchschnittsfamilie kurz vor dem Jahresurlaub: zerrissen zwischen Bequemlichkeit und Abenteuerlust, zwischen Sparsamkeit und dem Traum vom Traumurlaub unter der Sonne. Vermitteln soll das alles Reisevermittler Willy Fröhlich (Robin Brosch), mit seiner Assistentin Beate (Nicole Rushing). Mit nerschütterlichem Optimismus und einem Angebot für jeden Geschmack versuchen sie, aus dem familiären Chaos eine perfekte Reise zu machen.
Das Konzept ist herrlich simpel und dabei so brillant: Die Familie als Projektionsfläche für alle Urlaubstypen, -träume und -katastrophen, die wir selbst kennen. Jeder im Publikum erkennt sich in mindestens einer Figur wieder. Genau das ist das Geheimnis, was diese Revue so charmant und die Familie so sympathisch rüberkommen lässt.
Robin Brosch
Eine Revue steht und fällt mit ihrem Moderator und Robin Brosch macht diesen Job mit einer Leichtigkeit, die täuscht. Was er leistet, ist nämlich alles andere als leicht: Er hält die gesamte Show zusammen, führt charmant durch die verschiedenen Urlaubswelten, reagiert schlagfertig auf das Publikum und gibt der Show ihren roten Faden. Brosch besitzt eine natürliche Bühnenpräsenz, die nie aufgesetzt wirkt. Er ist weder zu laut noch zu zurückhaltend, sondern genau richtig dosiert. Sein Timing ist tadellos, sein Witz treffsicher.
Martin Rönnebeck
Martin Rönnebeck ist als Familienvater die humoristische Seele dieser Produktion. Er spielt den bequemen, balkonienaffinen Papa mit einer trocken-norddeutschen Nörgeligkeit, die das Publikum von der ersten Minute an auf seiner Seite hat. Rönnebeck beherrscht die Kunst, durch minimale Mimik maximale Lacher zu erzeugen. Stimmlich souverän und mit einem perfekten Timing macht er aus Papa Mustermeier weit mehr als eine bloße Klischee-Figur: Er ist der Typ, mit dem man sich identifiziert, auch wenn man es nie zugeben würde.
Carolin Spieß
Als Mama Mustermeier bringt Carolin Spieß die ideale Mischung aus Sehnsucht, Sturheit und unglaublich viel Witz auf die Bühne. Ihre Darstellung der urlaubsträumenden Ehefrau ist vielschichtig: mal zärtlich, mal herrisch, immer authentisch. Sowohl in den Musiknummern als auch im Spiel zeigt Spieß ihre Qualitäten. Die Chemie zwischen ihr und Rönnebeck funktioniert wunderbar; das Ehepaar Mustermeier wirkt wie ein eingespieltes Team, das sich mit den Marotten des Anderen abgefunden hat.
Christian Petru
Der Sohn der Familie liegt in den Händen von Christian Petru, und der lässt es krachen. Mit jugendlicher Spielfreude und körperlicher Präsenz bringt Petru frischen Wind in das Familienkonstrukt. Seine Momente auf der Bühne sind kurz, aber prägnant. dabei ist er stets punktgenau komisch.
Jessica Rühle
Jessica Rühle spielt die pubertierende Tochter mit einer herrlichen Mischung aus Coolness und echter Komikbegabung. Ihre Teenagerattitüde wirkt nie aufgesetzt, sondern treffsicher. Besonders in der Geschwisterdynamik bleibt sie authentisch und lebensnah. Jeder im Publikum kennt diesen Typ aus dem eigenen Familien- oder Bekanntenkreis. Rühle hat Bühnenpräsenz und nutzt sie klug.
Aliosha Jorge Ungur
Wenn man nach dieser Vorstellung einen Namen besonders im Gedächtnis behält, dann diesen: Aliosha Jorge Ungur stellt das gesamte Ensemble in puncto Komik mühelos in den Schatten. Seine Einlagen sind von einer anarchischen Freiheit, die das Publikum immer wieder zu Lachstürmen hinreißt. Ob als grotesker Nebendarsteller, als physischer Komiker oder als Meister des absurden Witzes, Ungur besitzt das seltene Talent, ein Publikum zum Grinsen zu bringen, noch bevor er den Mund aufgemacht hat. Er ist der Typ „Bühnentier“, für den das Wort „Spielfreude“ erfunden wurde.
Zusammen mit Dominik Wojtasik, Sanny James Roumimper, Thea Busch, Nicole Rushing und Fides Groot Landeweer bildet er gemeinsam ein Ensemble, das über jeden Zweifel erhaben ist. Die Gruppe harmoniert mit seltener Präzision: tänzerisch stark, stimmlich überzeugend und mit einer Bühnenpräsenz, die selbst in den vollgepackten Revue-Nummern jeden Einzelnen leuchten lässt. Besondere Erwähnung verdienen die aufwendig choreografierten Tableaus, in denen das Ensemble die verschiedenen Urlaubswelten – Afrika, Karibik, Extremtourismus – mit Energie und Witz zum Leben erweckt.
Musik und Ausstattung
Von Klassikern wie „Ice,Ice Baby“ und „Surfin‘ USA“ bis zu Partykrachern wie „La Vida Loca“ und „Westerland“ ist alles dabei. Und das immer mit einer guten Portion Humor. Die Lieder werden live gesungen, voller elan inszeniert und oft auf köstlich komische Weise neu interpretiert. Die musikalische Leitung sorgt für einen Sound, der den ganzen Saal in Schwingung versetzt.
Die Kostüme sind reich an Farben und Fantasie, die Bühnenbilder wechseln flott und versetzen das Publikum im Nu von der Karibik in die Serengeti. Dass dabei manches bewusst überdreht wirkt, gehört zum Konzept und macht den Charme dieser Show aus.
Fazit
„Tschüssikowski!“ am 4. April 2026 im Schmidt Theater war ein Nachmittag, der genau das einlöst, was er verspricht: zweieinhalb Stunden reinste Unterhaltung, Urlaubsfeeling und Lachen als Gemeinschaftserlebnis. Das Ensemble rund um Martin Rönnebeck, Carolin Spieß, Christian Petru und Jessica Rühle sowie das starke Ensemble-Kollektiv zeigen, was „Schmidt-Qualität“ bedeutet: Handwerk, Herzblut und Spielfreude in Reinform.
