Hair - Das Musical

Der Weg zur Premiere

Die Entstehung von Hair

Ein Traum, der niemanden interessierte

James Rado hatte einen Traum. Nicht den vagen Wunsch, irgendwann mal etwas zu schreiben, sondern eine konkrete, seit der Jugend verfolgte Obsession: ein Broadway-Musical. Er hatte Stücke am College geschrieben, hatte nach der Marine weitergemacht, hatte sich durch New York gehangelt als Schauspieler, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Der Broadway war das Ziel, immer.

1964 lernte er Gerome Ragni kennen. Beide standen in einer Off-Broadway-Produktion namens „Hang Down Your Head and Die“ auf der Bühne, einem Stück über die Todesstrafe, das nach einer einzigen Nacht wieder abgesetzt wurde. Es war kein glamouröser Beginn einer Zusammenarbeit, aber Rado und Ragni verstanden sich sofort.

Rado hatte Broadway-Ambitionen im Stil des goldenen Zeitalters, Ragni kam aus dem experimentellen Theater. Die Kombination war auf dem Papier unwahrscheinlich und in der Praxis perfekt.

Sie begannen zu schreiben. Nicht schnell, nicht leicht. Von Ende 1964 an arbeiteten sie über die Jahre 1965, 1966 und 1967 an dem Stück – an Geschichte, Figuren, Dialogen und Liedtexten. Was sie auf die Seite brachten, war das, was sie täglich um sich herum sahen: junge Menschen in Greenwich Village und im Central Park, die sich weigerten, so zu leben wie ihre Eltern, die gegen den Vietnamkrieg demonstrierten, die eine andere Welt nicht nur forderten, sondern bereits lebten.

Der Komponist, der noch nie von einem Hippie gehört hatte

Nach Jahren des Schreibens hatten Rado und Ragni Texte aber keine Musik. Sie hatten erhebliche Schwierigkeiten, einen Komponisten zu finden. Mehrere wurden abgelehnt, bis sie Ende 1966 den perfekten Mann fanden.

Galt MacDermot war eine unwahrscheinliche Wahl. Er hatte kurze Haare, eine Ehefrau, zu diesem Zeitpunkt vier Kinder, und lebte auf Staten Island. „Ich hatte noch nie von einem Hippie gehört“, sagte er später. Er war Jazzmusiker, Kanadier, hatte 1961 einen Grammy für seine Komposition „African Waltz“ gewonnen und hatte mit der Gegenkultur, die Rado und Ragni auf die Bühne bringen wollten, persönlich nichts am Hut.

Aber er hörte sich die Texte an, und er hörte Musik. MacDermot schrieb die erste Partitur in nur drei Wochen. Er begann mit „I Got Life“, „Ain’t Got No“, „Where Do I Go“ und dem Titelsong „Hair“. Was entstand, war eine Synthese aus Rock, Soul, Gospel und Broadway-Melodien, die so noch nicht existiert hatte.

Rado beschrieb die Begegnung mit MacDermot später als „Liebe auf den ersten Klang“. Eine Illustration einer im Himmel geschlossenen Ehe.

Die Türen bleiben zu

Jetzt hatten sie ein Stück. Texte, Musik, Figuren. Was sie nicht hatten: jemanden, der es produzieren wollte.

„Hair“ war von Anfang an für das große Publikum gedacht. Für den Broadway, nicht für kleine Off-Theater-Bühnen. Aber die Broadway-Produzenten wollten nichts davon wissen. Die Absagen kamen höflich, aber konsequent. „Not our cup of tea“ war eine der Formulierungen, die Rado sich merkte. Das Stück war zu laut, zu politisch, zu unstrukturiert, zu fremd für eine Theaterwelt, in der in jenem Jahr immer noch „Hello, Dolly!“ lief.

Alle lehnten das Stück ab, bis sie zu Joseph Papp kamen.

Der Zufallstreffer im Zug

Der entscheidende Moment kam durch eine zufällige Begegnung: Ragni traf Joseph Papp in einem Zug nach New York. Papp war der Gründer des New York Shakespeare Festival und gerade dabei, ein neues Theater aufzubauen, das Public Theater in der Lower East Side. Er suchte nach einem Eröffnungsstück.

„Hair“ sollte das erste Stück eines lebenden Autors sein, das Papp produzierte. Papp sagte zu. Nicht weil das Stück fertig und poliert war, sondern weil er erkannte, dass hier etwas Echtes war.

MacDermot musste die gesamte Partitur in drei Wochen schreiben, um eine Deadline für das Public Theater zu erfüllen. Es war Druck – echter, produktiver Druck.

Sechs Wochen, gemischte Kritiken, ein voller Saal

Am 17. Oktober 1967 hatte „Hair“ im Public Theater seine Uraufführung. Das Haus war noch nicht einmal fertig gebaut. Die Regie führte Gerald Freedman. Die Kritiken waren gemischt aber das Publikum kam, und die Reaktionen waren stark genug, um finanzielle Unterstützung für einen möglichen Broadway-Transfer zu gewinnen.

Sechs Wochen lief das Stück. Dann war die Spielzeit vorbei.

Aber da war jetzt jemand, der das Stück mehrfach gesehen hatte und nicht aufhören konnte, daran zu denken.

Michael Butler und das Nachtclub-Intermezzo

Michael Butler war kein klassischer Theaterproduzent. Er war Erbe eines Industrievermögens und politisch engagiert. Er hatte „Hair“ im Public Theater gesehen und war überzeugt, dass dieses Stück mehr Menschen erreichen musste.

Butler arbeitete mit Papp zusammen, um eine weitere Spielstätte zu finden. Für 45 Vorstellungen spielte die Besetzung das Stück im „The Cheetah“, einem Nachtclub an der 53rd Street und dem Broadway, ab Dezember 1967.

Ein Nachtclub. Nicht der Broadway. Aber immerhin eine Bühne.

Und während die Vorstellungen im Cheetah liefen, wurde gearbeitet. Das Stück wurde umgeschrieben, Songs wurden neu positioniert, dreizehn neue Songs wurden hinzugefügt, darunter „Let the Sun Shine In“, um das Ende emotionaler zu gestalten. Und eine Szene, die in der ursprünglichen Version noch nicht existiert hatte, wurde eingefügt: die Nacktszene am Ende des ersten Akts.

Die Broadway-Häuser sagen Nein

Jetzt kam der schwierigste Teil. Butler wollte den Broadway – und der Broadway wollte „Hair“ noch immer nicht.

Mehrere Broadway-Theater lehnten das Stück ab, weil sie es für unangemessen hielten. Und dann zog sich auch Joseph Papp aus dem Produktionsteam zurück. Das war ein Rückschlag. Papp war ein Name, eine Garantie für künstlerische Ernsthaftigkeit. Ohne ihn war das Projekt noch schwerer zu verkaufen.

Butler gab nicht auf. Er suchte weiter und fand schließlich das Biltmore Theatre, das bereit war, das Stück aufzunehmen. Damit wurde „Hair“ das erste Musical überhaupt, das vom Off-Broadway auf den Broadway transferierte. Eine Praxis, die heute selbstverständlich ist, damals aber kaum existierte.

Ein neuer Regisseur, eine neue Vision

Für die Broadway-Produktion holte Butler Tom O’Horgan als Regisseur. O’Horgan war Rado und Ragnis erste Wahl gewesen, schon für die Produktion im Public Theater. Aber er war damals in Europa. Jetzt war er da.

O’Horgan hatte sich einen Ruf durch experimentelles Theater an der La MaMa E.T.C. erarbeitet. „Newsweek“ beschrieb seinen Stil als „sinnlich, wild und durch und durch musikalisch“. Er löse verbale Strukturen auf und verteile Erzählung und sogar Figuren auf verschiedene Darsteller.

O’Horgan öffnete das Stück nach außen. Die Darsteller liefen durch den Zuschauerraum, interagierten mit dem Publikum, brachen jede Konvention der Distanz zwischen Bühne und Saal. Es gab keine vierte Wand mehr. Es gab nur diesen Abend.

Das Problem mit den Haaren

Selbst die Besetzung war kein einfacher Prozess. Weil es unmöglich war, professionelle Schauspieler mit langen, ungepflegten Haaren zu finden, sprachen Rado und Ragni Menschen auf der Straße an, die so aussahen wie die Figuren und fragten, ob sie singen könnten.

Das Ergebnis war eine Besetzung, die so noch nicht auf dem Broadway gestanden hatte: keine klassisch ausgebildeten Musicalstars, sondern eine Gruppe junger Menschen, die die Energie der Straße mitbrachten und sie direkt auf die Bühne übertrugen.

Der 29. April 1968

Das Datum der Premiere war nicht zufällig gewählt. Die Astrologin der Produktion, Maria Crummere, wurde konsultiert und Sie wählte den 29. April 1968, weil der Mond hoch stand, was auf großen Publikumszuspruch hindeutete.

Am 29. April 1968 öffnete „Hair“ im Biltmore Theatre seine Türen. Die Show begann nicht mit einem klassischen Theaterauftakt: Um 20:30 Uhr, der auf den Tickets gedruckten Zeit, war die Besetzung bereits über das gesamte Theater verteilt. Die Idee war, sofort eine Verbindung zum Publikum herzustellen.

Clive Barnes von der New York Times schrieb eine überwältigend positive Kritik und trug damit maßgeblich dazu bei, das Publikumsinteresse zu entfachen. Andere Kritiker waren reservierter. Aber die Menschen kamen.

Ein Stück, das kein Broadway-Produzent haben wollte, das in einem Nachtclub gespielt hatte, das ohne professionelle Schauspieler besetzt worden war und dessen Autoren selbst die Hauptrollen übernahmen, stand nun auf der bedeutendsten Musicalbühne der Welt.

Es hatte von der ersten Idee bis zu diesem Abend fast vier Jahre gedauert. Und niemand hatte kommen sehen, was als nächstes passieren würde.

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