Showtime
Rezension: Marc Lohse
Hamburg, 06.05.26
Keine Profis. Noch nicht. Aber fast.
Sie stehen nicht seit Jahren auf großen Bühnen. Sie haben keine jahrzehntelange Bühnenerfahrung, keinen Manager, keine Tournee im Rücken. Was sie haben, ist Mut, Leidenschaft, und eine angrfangene Ausbildung an der Stage School Hamburg, die offenbar genau das aus Menschen herausholt, was in ihnen steckt.
Schülerinnen und Schüler des ersten und zweiten Ausbildungsjahres brachten am 6. Mai 2026 ihre „Showtime“-Premiere im First Stage Theater auf die Bühne. 120 Minuten, inklusive Pause, vollgepackt mit eigenen Performances, die sie selbst erarbeitet, einstudiert und gestaltet haben. Kein Netz, kein doppelter Boden. Nur Bühne, Licht, und der Wille, zu zeigen, was sie können.
Und was da in ihnen steckt, das hat an diesem Abend niemanden kalt gelassen.
Der erste Akkord sitzt
Noch bevor die erste Zeile gesungen war, lag etwas in der Luft des First Stage Theaters. Diese besondere Mischung aus Anspannung, Vorfreude und dem Kribbeln, das entsteht, wenn man spürt: Hier wollen Menschen etwas beweisen. Nicht sich selbst, sondern der Bühne.
Der gesamte Cast eröffnete mit „9 to 5″ aus dem gleichnamigen Musical von Dolly Parton – und was für eine Eröffnung das war. Frech, laut, selbstbewusst! Der Song funktioniert seit Jahrzehnten, weil er etwas trifft, das jeder kennt: den Wunsch, sich zu befreien. Und genau dieses Gefühl transportierte der Cast von der ersten Sekunde an. Das Publikum war sofort dabei. Wer hätte da noch auf sein Programmheft schauen wollen?
Erster Akt: Von zart bis brachial
Nach diesem furiosen Auftakt zog Elena Wich-Kleylein mit „Taylor, Der Latte-Boy“ alle Blicke auf sich. Was für eine Nummer und was für eine Darstellerin. Dieser Song lebt von Timing, von Witz, von der Fähigkeit, eine kleine, absurde Liebesgeschichte so zu erzählen, dass man gleichzeitig lachen und mitfiebern will. Elena lieferte genau das: leichtfüßig, charmant, mit einer Präsenz, die größer war als die Bühne.
Dann kam der erste echte Temperaturanstieg des Abends. Patrick Ahlemann, Florentine Rennert und Jasmin Alea Lombriser verwandelten den „Thong Song“ in ein Breakdance-Feuerwerk, das den Klassiker von Sisqó kurzerhand ins 21. Jahrhundert katapultierte. Die Choreografie war präzise, kraftvoll und gleichzeitig spielerisch. Das Publikum war beeindruckt.
Sandra Kretz schlüpfte danach in die Rolle der „Kleptomanin“ nach Friedrich Hollaender und bewies, dass Kabarett und Musicalausbildung keine Gegensätze sind. Mit trockenem Humor und einer feinen Leichtigkeit, die man nicht erzwingen kann.
Bei „Fluss“ von LEA wurde es plötzlich still im Saal. Anna Sofia Bräuer und Annalena Doppler sangen, Maia Schiwek und Mirja Leuenberger tanzten eine leidenschaftlich-bewegende Choreografie, die den Gesang perfekt ergänzten, und Debora Ochoa spielte live auf der Geige. Live! Auf der Bühne. Ein Streichinstrument, das nicht vom Band kommt, sondern von einer echten Person. Das hat bei den Schülern der Stage School Hamburg echten Seltenheitswert. Spätesten jetzt wusste das Publikum instinktiv: Hier passiert gerade etwas ganz Besonders.
Nina Schödlbauer tanzte sich durch „Another Love“ von Tom Odell mit einer Ernsthaftigkeit, die beeindruckte, während sie von Romeo Sciacovelli gefühlvoll musikalisch und gesanglich begleitet wurde.
Die Tarzan-Nummer „Dir gehört mein Herz“ brachte dann Phil Collins auf den Plan bzw. die Bühne. Leonie Martel, Debora Ochoa, Judith Kubeile, Paul Haverland, Damiano Wellenmann und Romeo Sciacovelli zeigten, dass dieser Soundtrack, der einmal für Zeichentrickfilm-Tränen gesorgt hat, auch live nichts von seiner Kraft verliert.
Aline Lehner verwandelte sich danach in eine kleine Meerjungfrau: Mit „In Deiner Welt“ aus Arielle bewies sie, dass große Musical-Gefühle keine große Kulisse brauchen. Nur eine Stimme, die trägt – und die hatte sie.
Maia Schiwek legte mit „But I Am A Good Girl“ aus Burlesque nach. Selbstbewusst, verführerisch, und mit einer Bühnenpräsenz, die das Publikum nicht los ließ präsentierte sie eine Nummer, die sitzt.
Dann ein echtes Ensemble-Erlebnis: „Money, Money, Money“ aus Mamma Mia mit Anna Sofia Bräuer an der Spitze und einem Chor, der den Saal mit ABBA-Energie flutete. Benny Andersson und Björn Ulvaeus hätten ihre Freude gehabt.
Max Nikolaos Karafotias trat mit „Mich Öffnen Fällt Mir Schwer“ aus Parade an und wer bei diesem Song nicht innerlich innehält, der hat nicht zugehört. Jason Robert Browns Musik verlangt alles, und Max gab es.
Dann Britta Scheidt mit „I’m Breaking Down“ aus Falsettos. Witzig, schräg, brillant. William Finns Musik ist ein Drahtseilakt zwischen Komik und Zerbrechen, und Britta meisterte das Stück scheinbar spielerisch.
Kurz darauf: „Ich Bin So Unmusikalisch“ – und mit dieser Nummer erlebte das Publikum seinen ersten wirklich großen Ausbruch des Abends. Was bis dahin begeistertes Schmunzeln und warmes Applaudieren war, wurde zu echtem, lautem Jubel. Anouk Wiemer hatte das Publikum genau da, wo sie es haben wollte – und ließ es so schnell nicht wieder los. Eshätte noch endlos weitergehen können und das Publikum hätte es mehr und mehr gedankt!
Den ersten Akt beschlossen Luna Möhrmann und Franziska Meyer mit dem gewagten „Was Fühl‘ Ich In Mir X PRISON“ – einer Verschmelzung aus Wicked und etwas Eigenem, vor und mit dem gesamten Cast. Ein Gänsehautmoment kurz vor der Pause als wolle die Show sagen: Wir haben Euch noch lange nicht fertig!
Pause.
Aber wer will schon gehen?
Zweiter Akt:
Wenn die Bühne brennt
Manchmal braucht ein zweiter Akt ein paar Minuten, um Fahrt aufzunehmen. Nicht dieser.
Mit „Was Man Redet In St. Petersburg“ aus Anastasia öffnete sich die Bühne für ein Ensemble-Tableau, das kaum zu fassen war. Max Nikolaos Karafotias, Damiano Wellenmann und ein ganzer Schwarm weiterer Darsteller füllten den Raum bis in die letzte Ecke. Und als wäre das nicht genug, wurde der Song mit echten Kampfszenen untermalt. Degen, Dramatik, Dynamik. Die Zuschauer riefen, lachten, johlten. Man saß nicht mehr. Man war mittendrin.
Ähnliches bei „Heut‘ Ist Der Tag“ aus den Drei Musketieren: Max Nikolaos Karafotias, Paul Haverland, Clara Falke und Marti Kammin und Ensemble verwandelten die Bühne in einen Schauplatz voller Energie und Übermut.
Anouk Wiemer hatte mit „Ich Bin So Unmusikalisch“ von Alexander Steinbrecher dann einen dieser raren, komischen und spektakulären Momente, bei denen das Lachen nicht erzwungen wird, sondern einfach kommt und nicht mehr geht. Selbstironie als Kunstform in Perfektion vorgetragen.
Clara Falke präsentierte mit „Time Is Out“ eine der stilistisch eigenwilligsten Nummern des Abends. Ruhig, konzentriert, fast meditativ. Ein bewusst gesetzter Kontrapunkt in einer Show voller Lautstärke und.
Dann: „Hard To Be The Bard“ aus Something Rotten!, und wer Shakespeare mag, mochte diesen Moment besonders. Max Nikolaos Karafotias als singender Barde, Sandra Kretz, Jule Alkofer, Judith Kubeile und Nina Schödlbauer als tänzerisches Ensemble. Komik, die sitzt.
Und dann wurde der Turbo gezündet! Nutbush City Limits und das Publikum stand.
Es gibt Momente in einer Show, nach denen nichts mehr so ist wie davor. Britta Scheidt betrat die Bühne für „Nutbush City Limits“ von Tina Turner. Eine mutige Ebntscheidung, die „Queen of Rock’n‘ Roll“ herauszufordern, aber was dann geschah, lässt sich kaum in Worte fassen, ohne dass sie zu klein wirken.
Sie sang. Aber sie sang nicht nur, sie war der Song. Hinter ihr: Antonia Gärtner, Elena Wich-Kleylein, Lea von Graberg und Aline Lehner als Background-Sängerinnen und Tänzerinnen. Eine Choreografie, die knallte. Eine Energie, die durch den Raum fuhr wie ein Stromstoß. Das Publikum, das bis dahin begeistert, aber noch auf seinen Sitzen geblieben war, stand auf. Einfach so. Weil man bei dieser Musik nicht sitzen kann. Weil Tina Turner das nie zugelassen hätte. Und weil diese fünf jungen Frauen auf der Bühne in diesem Moment alles gegeben haben, was sie hatten.
Das war kein Schülerkonzert mehr. Das war eine Show.
Das Finale: Niemand stoppt den Beat
„Niemand Stoppt Den Beat“ aus Hairspray als Finale war keine Überraschung, aber eine sehr kluge Entscheidung. Denn dieser Song ist wie ein Versprechen: Wir hören nicht auf. Der gesamte Cast auf der Bühne und das Publikum stand auf den Beinen, Nina Matheis, Romeo Sciacovelli, Annalena Doppler, Anna Sofia Bräuer, Leo Riegger, Pharell Okeke und Damiano Wellenmann mittendrin, und ein Saal, der klatschte, jubelte und einfach nicht aufhören wollte.
Was bleibt
Eine Schulshow? Ja, technisch gesehen. Aber wer an diesem Abend im First Stage Theater saß, der weiß: Das war mehr. Das waren 120 Minuten Beweis dafür, dass Talent, Mut und echter Wille zur Bühne keine Frage des Alters sind. Erstes und zweites Ausbildungsjahr und trotzdem kein Zögern, keine Halbherzigkeit, keine Nummer, bei der man spüdachte, dass jemand nur dabei war.
Debora Ochoas Geige. Brittas Energie bei Tina Turner. Anouks Performance von „Ich bin so unmusikalisch“. Maias Burlesque-Peformance. Kampfszenen, die ich schon von Profis deutlich schlechter gesehen habe. Und vor allem ein Ensemble, das brennt, was will und das kann!
Einzelne Bilder, die zusammen ein Ganzes ergeben, das man so schnell nicht vergisst.
Die Stage School Hamburg darf stolz sein. Auf ihre Schülerinnen und Schüler. Auf diesen Abend. Und auf das, was noch kommen wird.
Vorhang.
