Cats

Der Weg zur Premiere

Die Entstehung von Cats

Es gibt eine Art von Idee, bei der selbst die engsten Freunde diskret den Blickkontakt vermeiden. Als Andrew Lloyd Webber Ende der 1970er Jahre anfing, seinen Kollegen von seinem neuen Projekt zu erzählen – ein Musical über Katzen, basierend auf einem Gedichtband für Kinder, ohne richtige Handlung, ohne Liebesgeschichte, gespielt auf einem Schrottplatz – war die Reaktion des Londoner Theaterbetriebs ungefähr so enthusiastisch wie erwartet. Die Geldgeber winkten ab. Erfahrene Produzenten schüttelten den Kopf. Selbst wohlmeinende Weggefährten fragten sich leise, ob der Mann, der Jesus Christ Superstar und Evita geschrieben hatte, diesmal vielleicht ein bisschen zu weit gegangen war.

Was dann folgte, war eines der erfolgreichsten Musicals in der Geschichte des Theaters. Aber der Weg dorthin war so chaotisch, so voller Zufälle und menschlicher Dramen, dass man ihn kaum hätte erfinden können.

Das Buch, das ein Kind nicht vergessen konnte

Alles beginnt mit einer Mutter, die ihrem Sohn vorliest.

Andrew Lloyd Webber wächst in London auf, in einer tief musikalischen Familie. Sein Vater ist Organist und Komponist, sein Bruder Julian wird später ein weltberühmter Cellist. Bücher gehören zum Haushalt wie Luft. Eines der Bücher, das Mutter Jean ihrem kleinen Andrew abends vorliest, ist eine schmale Sammlung von Nonsensgedichten über Katzen: T.S. Eliots Old Possum’s Book of Practical Cats, erschienen 1939.

T.S. Eliot – zu diesem Zeitpunkt einer der bedeutendsten Lyriker der englischen Sprache, Nobelpreisträger, Verfasser ernsthafter, schwieriger moderner Lyrik, hatte diese Gedichte ursprünglich in Briefen an seine Patenkinder geschrieben. Es waren Späße, Charakterstudien in Reimform, unterschrieben mit dem Pseudonym „Old Possum“. Macavity, der diebische Schurke. Der aufgeblasene Bustopher Jones. Der geheimnisvolle Mr. Mistoffelees. Verse, die im Mund klingen wie Musik, auch wenn man sechs Jahre alt ist und noch nicht weiß, warum.

Der kleine Andrew hört zu und vergisst nicht.

Jahrzehnte später, 1972, wartet Lloyd Webber auf einen Flug und sieht in einem Londoner Flughafenbuchladen zufällig eine Ausgabe des Buches. Er kauft es, blättert darin, und irgendwo in der Luft zwischen Start und Landung kehren die Kindheitserinnerungen zurück. Mit ihnen die Gewissheit, dass diese Gedichte vertont werden wollen. Er weiß nur noch nicht, wie.

Fünf Jahre in der Schublade

Lloyd Webber beginnt 1977, einzelne Gedichte zu vertonen; nebenher, zwischen anderen Projekten, ohne konkreten Plan. Evita läuft gerade an, sein Ruf wächst. Die Katzengedichte sind ein privates Vergnügen, kein Projekt. Er spielt die Melodien durch, experimentiert, legt sie weg, nimmt sie wieder hervor.

Sein erster Gedanke ist, daraus einen Liederzyklus fürs Fernsehen zu machen. Eine Art musikalische Anthologie, nichts Größeres. Er teilt die Idee mit niemandem, der sie wirklich weitertragen könnte. Das ändert sich im Sommer 1980, als er einige der Stücke beim Sydmonton Festival vorstellt, einem privaten Musikfestival, das er auf seinem Landsitz in Hampshire ausrichtet.

Unter den geladenen Gästen sitzt an diesem Abend eine Frau, deren Anwesenheit er nicht erwartet hat: Valerie Eliot, die Witwe des Dichters. Sie lauscht den Vertonungen ihres verstorbenen Mannes und ist bewegt. Und dann tut sie etwas, das die gesamte Geschichte des Projekts verändert: Sie gibt Lloyd Webber einen Umschlag mit unveröffentlichten Manuskripten ihres Mannes. Gedichte, die T.S. Eliot nie für die Öffentlichkeit bestimmt hatte.

Eines davon trägt den Titel: Grizabella, the Glamour Cat.

Es handelt von einer einst schönen, nun gealterter und verstoßenen Katze. Von einer Außenseiterin, die von der Gemeinschaft gemieden wird. Eliot hatte das Gedicht bewusst aus seiner Sammlung herausgelassen. Es war ihm zu traurig für Kinder. Für Lloyd Webber ist es das fehlende Puzzlestück. Er hat gerade eine Figur gefunden, die dem ganzen Abend eine emotionale Mitte geben kann. Er fährt sofort zu einem Mann, dem er vertraut: Trevor Nunn.

Der Regisseur, der eigentlich zu gut war

Trevor Nunn ist zu diesem Zeitpunkt künstlerischer Leiter der Royal Shakespeare Company, einer der angesehensten Kulturinstitutionen Englands. Er inszeniert Shakespeare und klassisches Theater. Er gilt, wie Cameron Mackintosh es später formuliert, als „zu hochkarätig für das Musical-Genre“.

Das ist auch der Grund, warum Mackintosh ihn unbedingt haben will.

Denn bevor irgendjemand ernsthaft über Nunn als Regisseur nachdenkt, muss das Projekt erst einmal existieren und dafür braucht es Geld. Cameron Mackintosh, der als aufstrebender Produzent bereits Evita mitproduziert hat und den Ruf besitzt, einen guten Riecher für das Ungewöhnliche zu haben, hört von Lloyd Webbers Katzen-Projekt und ist sofort dabei. Aber er erkennt ein Problem: Valerie Eliot, die Witwe und Nachlassverwalterin, muss zustimmen. Und sie wird nur zustimmen, wenn jemand das Projekt verantwortet, dem sie vertraut.

Also holt Mackintosh Nunn. Nicht wegen seines Musical-Erfahrung, die ist begrenzt. Sondern wegen seines Namens, seiner Reputation, seiner Verbindung zur britischen Kulturelite. Nunn zögert. Er ist kein Musical-Mann. Aber schließlich sagt er zu und bringt dabei gleich seine Kollegen von der RSC mit: Choreographin Gillian Lynne und Bühnen- und Kostümdesigner John Napier.

Drei Menschen aus demselben Theater-Kosmos, die aufeinander eingespielt sind, die dieselbe Bühnensprache sprechen. Was Nunn dann allerdings mit dem Stück vorhat, lässt Mackintosh kurz schlucken: Er stellt sich Practical Cats, so heißt das Projekt zunächst noch, als Kammerstück für fünf Schauspieler und zwei Klaviere vor. Klein, fein, leicht schräg, in Eliots Geist.

Daraus wird nichts.

Gillian Lynne und das sexieste Musical der Welt

Gillian Lynne ist eine Frau mit einer sehr klaren Vorstellung davon, was sie will. Die Choreographin, damals Mitte fünfzig, hat einen Ruf als die Frau, zu der man geht, wenn man Bewegung braucht, die unter die Haut geht. Und sie hat eine Ansage für ihre Tänzer, die, wenn man sie aus dem Zusammenhang reißt, reichlich irritierend klingt, aber im Kern das Wesen ihrer Arbeit beschreibt.

„Ich habe dem Ensemble gesagt“, erzählt sie später in einem Interview, „dass wir wollen, dass Cats die sexieste Show ist, die je auf einer Bühne zu sehen war. Das Ziel ist, dass die Menschen aufspringen, nach Hause rasen und ins Bett fallen.“ Und dann fügt sie mit einem Lachen hinzu: „All unsere sexuelle Energie floss in diese Show.“

Was sie nicht erwähnt, aber Außenstehende beobachten: Die Proben sind auch ein Brutraum für echte Gefühle. Regisseur Nunn verliebt sich in eine der Tänzerinnen. Designer Napier tut es ihm gleich. Und dann ist da noch Andrew Lloyd Webber und eine junge Sängerin, die sich für eine Rolle beworben hat.

Sarah Brightman ist zu diesem Zeitpunkt vor allem durch den Pop-Song „I Lost My Heart to a Starship Trooper“ bekannt. Keinen Ruf, der einem die Türen des ernsten Musiktheaters öffnet. Aber sie ist hartnäckig. Sie organisiert ein privates Vorsprechen, ohne den üblichen Weg über offizielle Castings zu gehen, und wird engagiert. In einer noch nicht genauer definierten Rolle. Und direkt unter den Augen von Gillian Lynne, die das alles beobachtet, entfaltet sich eine Romanze zwischen Brightman und Lloyd Webber, die wenige Jahre später in einer Heirat mündet. „Wir haben alle zugeschaut, wie es passierte,“ sagt Lynne. „Es war unvermeidlich.“

Das Casting-Chaos: Als Judi Dench die Achillessehne riss

Im Herbst 1980 beginnt das Casting. Die wichtigste Rolle ,Grizabella, die verstoßene alte Katze, für die das gesamte emotionale Gewicht des Abends vorgesehen ist, soll Judi Dench spielen. Die zu diesem Zeitpunkt bereits hoch angesehene Schauspielerin ist begeistert. Sie beginnt die Proben.

Dann reißt sie sich die Achillessehne.

Es ist eine der Grausamkeiten des Showbusiness, dass solche Momente keinerlei Rücksicht auf Bedeutung oder Talent nehmen. Dench kann nicht tanzen, kann die Rolle körperlich nicht mehr ausfüllen, so kurz vor der Eröffnung, mit bereits verkauften Tickets und laufenden Proben. Sie scheidet aus. Die wichtigste Rolle des Stückes ist vakant.

Mackintosh ruft Elaine Paige an. Es ist, nach ihrer eigenen Erinnerung, morgens, der Wecker hat sie gerade geweckt. Mackintosh erklärt die Situation und fragt, ob sie einspringen kann. Paige ist, wie sie später sagt, „angespannt“ aber Mackintosh beruhigt sie: Die Rolle der Grizabella sei eine Cameo-Rolle, eigentlich nur ein einziger großer Song. Nichts, das man nicht in kurzer Zeit lernen könnte.

Dieser eine Song hat noch keinen Text.

„Memory" – das Lied, das fast nicht existiert hätte

Es ist vielleicht die erstaunlichste Fußnote in der Geschichte des modernen Musicals: Das bekannteste Lied, das je für eine Bühne geschrieben wurde, entstand während der laufenden Proben, unter Zeitdruck, als Notlösung.

Nunn besteht von Anfang an darauf, dass das Stück eine große emotionale Ballade braucht. Eine, die alles zusammenhält. Lloyd Webber hat die Melodie bereits komponiert. Sie ist da, wartet auf Worte. Aber welche Worte?

Zunächst bittet man Tim Rice darum, Lloyd Webbers langjährigen Texter, mit dem er Jesus Christ Superstar und Evita geschrieben hat. Rice schreibt eine Version. Nunn liest sie und lehnt sie ab. Zu deprimierend, sagt er.

Also setzt sich Nunn selbst hin. Er greift auf ein frühes Eliot-Gedicht zurück, das nichts mit den Katzen-Versen zu tun hat: Rhapsody on a Windy Night, geschrieben 1911. Daraus destilliert er Vers für Vers, Nacht für Nacht, noch während das Ensemble bereits Vorpremieren spielt. Den Text von Memory.

Das Lied ist bis zum Beginn der offiziellen Vorstellungen noch nicht fertig.

Elaine Paige lernt es in Teilen, Strophe für Strophe, wie sie im Entstehen sind. Was am 11. Mai 1981 auf der Bühne erklingt und das Publikum zum Schweigen bringt, bevor es in Applaus ausbricht, wurde buchstäblich in letzter Minute fertig.

Nunn und das Buch ohne Buch

Der Premierentermin ist der 30. April 1981. Vorverkauf läuft. Tickets sind verkauft. Das Theater umgebaut. Kostüme genäht. Und Trevor Nunn gesteht Mackintosh kurz vor dem Start des Vorverkaufs im Februar: Er hat noch kein fertiges Skript.

Die Produzenten sind entsetzt aber was soll man tun? Das Geld ist ausgegeben, das Theater ist gebucht.

Die Proben beginnen am 9. März 1981, in einer Kirchenhalle im Londoner Stadtteil Chiswick, ohne endgültiges Buch, ohne komplette Partitur, mit einem Ensemble, das improvisieren muss, weil niemand genau weiß, was das Stück überhaupt ist. Viele der Charaktere werden in diesen Wochen tatsächlich durch Improvisationen des Ensembles entwickelt. Die Tänzer und Sänger erfinden gemeinsam mit Lynne das Katzen-Vokabular ihrer Figuren.

Noch am ersten Probentag kommt Hilfe. Lloyd Webber, Mackintosh und Nunn treffen sich am Abend mit Richard Stilgoe, einem Musiker und Texter, der für seine Fähigkeit bekannt ist, Liedtexte auf der Stelle zu improvisieren. Sie brauchen ein Eröffnungslied. Am nächsten Abend hat Stilgoe einen ersten Entwurf für Jellicle Songs for Jellicle Cats auf dem Tisch.

Der Eröffnung wird zwei Wochen nach hinten verschoben – auf den 11. Mai.

Ein Theaterabend und eine Bombe

Es ist ein Montagabend im Londoner West End. Das New London Theatre ist für diesen Anlass vollständig verwandelt worden. Die Bühne rund, der gesamte Saal ein überdimensionaler Schrottplatz aus Eliots poetischer Vorstellungswelt. Das Publikum betritt nicht einen Theatersaal, sondern eine andere Welt.

Und dann geht der Alarm los.

Kurz nach Beginn der Vorstellung, das London der frühen 1980er lebt unter dem Schatten der IRA-Bombenanschläge, muss das Theater wegen einer Bombendrohung evakuiert werden. Das vollständig kostümierte Ensemble, in Katzenleotards, mit Perücken, Schwänzen und aufwendigem Fellen-Make-up, steht auf den Bürgersteigen des Westends und wartet. Passanten bleiben stehen, starren, begreifen nicht, was sie sehen.

Der Alarm erweist sich als falsch. Das Publikum kehrt zurück. Der Vorhang hebt sich erneut.

Was dann folgt, ist Theatergeschichte. Als Elaine Paige die letzte Strophe von Memory singt, dieses Lied, das noch vor Wochen nicht existiert hatte, steht das Publikum auf. Der Applaus hört nicht auf.

Was danach kam

Die Kritiker sind uneinig. Einige verstehen nicht, was sie gesehen haben. Andere sind überwältigt. Das Publikum entscheidet eindeutig und kauft Karten. Wochen, Monate, Jahre im Voraus.

Cats läuft 21 Jahre lang im New London Theatre, genau 8.949 Vorstellungen, und schließt am 11. Mai 2002 – auf den Tag genau zum 21. Jahrestag der Premiere. Memory wird von über 150 Künstlern gecovert, von Barbra Streisand bis Jennifer Hudson. In Deutschland hält das Lied wochenlang die Spitze der Charts. T.S. Eliot, der 1965 gestorben war, bekommt posthum den Tony Award für das Buch des Musicals.

Judi Dench spielt Grizabella nie. Jahrzehnte später bekommt sie im Cats-Kinofilm von 2019 eine zweite Chance als Old Deuteronomy, in einer Rolle, die eigentlich für einen Mann geschrieben war.

Sarah Brightman und Andrew Lloyd Webber heiraten 1984. Für sie schreibt er das Phantom der Oper. Auch diese Ehe endet irgendwann, aber das Musical läuft weiter, bis heute.

Und Gillian Lynne, die Choreographin, die das alles mit ihrer Energie erst möglich machte, bekommt 2018 die vielleicht schönste Anerkennung: Das New London Theatre, in dem Cats Premiere hatte, wird offiziell in Gillian Lynne Theatre umbenannt. Sie ist 92 Jahre alt, als sie an der Eröffnungsfeier teilnimmt, und stirbt wenige Monate später.

Der Schrottplatz gehört ihr.

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