Dracula - Das Musical

Rezension: Marc Lohse

Berlin, 24.Mai 2026

Düstere Rock-Symphonie am Pfingsten

Es sind die schweren, kraftvollen Akkorde und eine tief sitzende, mystische Melancholie, die das Berliner Bluemax Theater an diesem Pfingstsonntag umfangen. Frank Wildhorns Erfolgsmusical Dracula gastierte im Rahmen einer deutschsprachigen Tournee in der Hauptstadt. Wer trotz des strahlenden Maiwetters und des verlängerten Feiertagswochenendes den Weg in den Saal fand, wurde mit einer Inszenierung belohnt, die vor allem durch ihre dichte Atmosphäre, eine kluge visuelle Umsetzung und eine stimmlich überragende Besetzung bestach. Dass der Zuschauerraum an diesem Nachmittag leider merklich Lichtungen aufwies, tat der Energie auf der Bühne keinen Abbruch, auch wenn man es dem spielfreudigen Ensemble von Herzen anders gewünscht hätte.

​Ein Bühnenbild im Zeichen der Vertikalen

Schon beim Öffnen des Vorhangs wurde klar: Diese Produktion setzt auf eine visuelle Sprache, die die Zerrissenheit der Charaktere und die Allgegenwart des Grafen perfekt widerspiegeln sollte. Das Bühnenbild war geschickt auf zwei Etagen aufgeteilt. Diese vertikale Trennung erlaubte es nicht nur, Parallelhandlungen packend darzustellen, sondern verlieh der Szenerie durchgehend eine düstere, fast schon sakrale und zutiefst mystische Wirkung.

Besonders hervorzuheben ist die Dynamik der Inszenierung: Die einzelnen Ortswechsel waren derart fließend und geschickt in das Stück eingebaut, dass die Szenenwechsel zu keinem Zeitpunkt den Erzählfluss unterbrachen. Statt abzulenken, trieben sie die schaurig-romantische Geschichte konsequent weiter und hielten die Spannung hoch. Unterstützt wurde dies von dramatischen Lichteffekten, welche die ohnehin düstere Ästhetik in den entscheidenden Momenten immer wieder punktgenau verstärkten.

Die Handlung: Ewige Verdammnis und die Sehnsucht nach Liebe

Diese Adaption des Romanklassikers von Bram Stoker konzentriert sich stark auf das psychologische und emotionale Geflecht seiner Figuren. Die Geschichte beginnt mit dem jungen Rechtsanwalt Jonathan Harker, der nach Transsilvanien reist, um dem mysteriösen Grafen Dracula Immobilien in England zu verkaufen. Dort wird Harker jedoch gefangengehalten, während Dracula, fasziniert von einem Foto von Harkers Verlobter Mina, in der er die Reinkarnation seiner vor Jahrhunderten verstorbenen großen Liebe sieht, nach London reist.

In England angekommen, bricht das Unheil über Minas Umfeld herein. Zuerst verfällt Minas beste Freundin Lucy dem Vampir und mutiert zur Untoten. Während der herbeigerufene Gelehrte Professor Van Helsing gemeinsam mit Lucys Verehrern den Kampf gegen die Mächte der Finsternis aufnimmt, entbrennt zwischen Dracula und Mina ein tief emotionaler, fast hypnotischer Kampf: Mina ist hingerissen zwischen der Treue zu ihrem Verlobten und der dunklen, unendlichen Sehnsucht, die der Graf in ihr weckt. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, um Minas Seele zu retten.

​Kraftvoller Hardrock trifft auf atmosphärische Chöre

Musikalisch zeigte sich die Partitur in dieser Tournee-Fassung von ihrer ungezähmten Seite. Die Umsetzung setzte bei Draculas Auftreten stark auf kraftvolle Hard-Rock-Elemente, die  die Bedrohlichkeit des transsilvanischen Grafen perfekt vermittelte.

Der besondere Clou der Partitur lag jedoch in ihrem abwechslungsreichen Mix der Musikstile und den Chören. Die Produktion verstand es meisterhaft, den Zuschauer durch den gezielten Einsatz von sanfteren, emotionalen Passagen und dunklen, ehrfürchtigen Stellen, in die jeweils passende Stimmung zu versetzen und emotional mitzureißen. Einen wesentlichen Beitrag zur dichten Gänsehaut-Atmosphäre leisteten zudem das Ensembles (Sandra Bitterli, Stephen Dole, Ynze Julian Lanser) sowie der Vampirbräute (Stephanie Löblich, Normaleen Amhausend, Carolina Murg), deren perfekt abgestimmte Gesänge und Choreografien die akustische Kulisse meisterhaft verdichteten.

Ein Ensemble auf stimmlichem und darstellerischem Höchstniveau

Getragen wurde die Aufführung von solistischen Einlagen, die durch die Bank weg eine enorme stimmliche Präsenz bewiesen und die perfekt auf die jeweilige Stimmung der Szenen gewählten Songs vollends ausfüllten. Felix Heller gab einen charismatischen, stimmgewaltigen Dracula, flankiert von einem starken Gegenpart durch Marius Bingel als unnachgiebiger Professor Van Helsing.

Das Trio der Verehrer um Jonathan Harker (Philipp Dietrich), Johannes Pinkel (Arthur Holmwood) und Nico Went (Dr. Jack Seward) agierte ebenso harmonisch wie Thomas Schreier als Quincey Morris.

Ein ganz besonderes darstellerisches Ausrufezeichen setzte Christopher Wernecke in der Rolle des Renfield. Er interpretierte die Figur des Besessenen, der Dracula bedingungslos hörig ist, hervorragend. Seine Darstellung balancierte gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und tragischer Abhängigkeit und sorgte für intensive, psychologisch düstere Momente.

Die absoluten Glanzlichter des Nachmittags setzten jedoch die weiblichen Hauptrollen:

  • Munja Meier (Mina Murray): Sie lieferte eine beeindruckende Performance ab. Sowohl in ihren anspruchsvollen Soli als auch in den hochemotionalen Duetten mit Dracula und ihrem Verlobten Jonathan überzeugte sie auf ganzer Linie. Ihr gelang es, die innere Zerrissenheit der Mina nicht nur gesanglich, sondern auch gestisch und mimisch mehr als packend auf die Bühne zu bringen.
  • Nicole Klünsner (Lucy Westenra): Ähnlich stark präsentierte sich Klünsner. Ihre Wandlung von der lebensfrohen jungen Frau zum ersten Opfer des Grafen war schauspielerisch wie vokal absolut mitreißend und berührend.

​Fazit

Diese Aufführung von Dracula im bluemax Theater Berlin bewies eindrucksvoll, wie viel Kraft und atmosphere in dieser Rock-Symphonie stecken, wenn das Leading Team und die Cast an einem Strang ziehen. Ein kluges, zweistöckiges Bühnenbild, eine wuchtige musikalische Untermalung und eine durchweg herausragende Darstellerriege machten den Abend zu einem echten Erlebnis für Musical-Liebhaber. Bleibt zu hoffen, dass dieser Tournee-Stopp an den kommenden Spielorten vor den voll besetzten Rängen stattfindet, die sich diese Produktion redlich verdient hat.

 

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