10 Jahre First Stage Theater
Entstehung, Entwicklung, Meilensteine
In den gepflasterten Seitenstraßen von Hamburg-Altona, dort wo der hanseatische Backstein auf das raue Flair der Nachkriegsmoderne trifft, steht ein Gebäude, das seine Geschichten lange hinter einer unscheinbaren Fassade verbarg. Die Thedestraße 15 ist heute eine Adresse, die in der deutschen Musical-Welt einen fast ehrfürchtigen Klang genießt. Doch wer den Weg zum Foyer des First Stage Theater heute im Jahr 2026 bestreitet, betritt einen Ort, der eine dramaturgische Wandlung vollzogen hat, die jedem Bühnenstück zur Ehre gereichen würde.
Die Geister der Vergangenheit: Vom Lichtspielhaus zum Konsumtempel
Die Geschichte der Thedestraße 15 ist eine Chronik des Hamburger Stadtteillebens. Ursprünglich als Kino „Kina“ konzipiert, flimmerten hier in der Ära des Wirtschaftswunders Träume über die Leinwand. Es war jene Zeit, als das Kino noch das soziale Epizentrum des Quartiers war. Doch mit dem Sterben der kleinen Lichtspielhäuser in den 70er-Jahren verlor das Gebäude seine Seele. Was folgte, war eine funktionale Entfremdung: Wo einst Tränen der Rührung flossen, klapperten später die Einkaufswagen eines Supermarktes. Die Architektur wurde unter Werbeplakaten und Zweckbauten begraben; das Gebäude atmete nicht mehr, es funktionierte nur noch.
Zwischenzeitlich nutzten Fotografen die verwaisten Flächen. Das Spiel mit Licht und Schatten blieb der Adresse also erhalten, doch der Applaus war längst verstummt. Das Gebäude drohte, in der Beliebigkeit der städtischen Bebauung zu versinken – bis ein Visionär das schlafende Potenzial der alten Kinostruktur erkannte.
Die Vision: Eine Bühne ohne Fallnetz
Als Thomas Gehle, Gründer der Stage School Hamburg, im Jahr 2015 die Räumlichkeiten übernahm, stand er vor einer gewaltigen Aufgabe. Das Ziel war nichts Geringeres, als eine Brücke über den tiefen Graben zwischen der geschützten Welt der Ausbildung und dem gnadenlosen Rampenlicht der Profi-Karriere zu schlagen. „First Stage“ – der Name war Programm: Hier sollten junge Künstler ihre ersten professionellen Sporen verdienen, unter Bedingungen, die keinen Unterschied zu den großen Häusern der Speicherstadt oder der Reeperbahn machen.
Die Sanierung innerhalb eines einzigen Jahres (2015–2016) glich einer architektonischen Wiederbelebung. Ohne einen einzigen Cent an staatlichen Subventionen wurde das Gebäude entkernt. Man entschied sich bewusst gegen eine sterile Modernisierung und für eine Atmosphäre, die den Charme des „Off-Broadway“ atmet. Die Herausforderung war die Akustik und die Sichtlinie: In einem ehemaligen Kino- und Supermarktsaal mussten 279 Plätze so angeordnet werden, dass die Intimität eines Kammerspiels mit der Wucht einer großen Musical-Produktion verschmilzt.
Architektur des Traums: Das Gebäude als Instrument
Das First Stage Theater ist heute eine technische Meisterleistung auf engem Raum. Mit einer Bühne von rund 160 Quadratmetern bietet das Haus eine Spielfläche, die im Verhältnis zur Zuschauerzahl ungewöhnlich großzügig ist. Dies ermöglicht Choreografien, die normalerweise nur auf den „Großbühnen“ der Stage Entertainment zu sehen sind.
Die Ästhetik des Hauses im Jahr 2026 ist eine bewusste Verbeugung vor der Theatergeschichte: Roter Samt, dunkle Kontraste und eine Lichtregie, die das Gebäude selbst bei jeder Vorstellung neu inszeniert. Wenn sich der Vorhang hebt, spürt man die Dichte des Raumes. Es gibt keinen Orchestergraben, der die Darsteller vom Publikum trennt; die Energie ist unmittelbar, fast physisch greifbar. Das ist kein Zufall, sondern architektonisches Kalkül: Dias Theater soll die vierte Wand nicht nur bespielen, sondern sie für die Zuschauer durchlässig machen.
Die Ära Dennis Schulze
Die Geschichte des First Stage Theaters erlebte ihren entscheidenden Wendepunkt mit der Übernahme des Theaters durch Dennis Schulze im August 2022. Dieser Wechsel markierte den Übergang von einem reinen Ausbildungsbetrieb hin zu einem professionellen Privattheater, das heute als das „Off-Broadway Hamburgs“ firmiert. Der Hauptgrund für diesen Schritt war die notwendige strategische Neuausrichtung nach einer wirtschaftlich schwierigen Phase der gesamten Branche. Ziel war es, die Eigenproduktionen qualitativ so weit zu professionalisieren, dass sie in direkter Konkurrenz zu den großen En-Suite-Häusern der Stadt stehen können.
Die Modernisierung: Das neue Gesicht des Theaters
Um das First Stage Theater zum 10-jährigen Jubiläum im Jahr 2026 auf ein international konkurrenzfähiges Niveau zu heben, initiierte Dennis Schulze eine umfassende Modernisierungswelle, die im Mai 2025 ihren baulichen Höhepunkt fand.
Der Grund für diesen radikalen Umbau war die Entscheidung, das Gasterlebnis von Grund auf zu professionalisieren. Kernstück der Maßnahmen im Zuschauerraum war die Entkernung und Installation einer komplett neuen Bestuhlung. Die alten Sitze wurden durch ergonomische, moderne Theatersessel ersetzt, um den Komfortstandard der großen Hamburger En-Suite-Häuser in das intime Ambiente Altonas zu bringen. Gleichzeitig wurde ein neues Farb- und Lichtkonzept umgesetzt, das die industrielle Geschichte des Gebäudes mit moderner Theaterästhetik verbindet.
Auch die technische Infrastruktur wurde unter Schulzes Leitung auf den neuesten Stand gebracht. Durch die Installation eines hochmodernen digitalen Sound-Systems und die Aufrüstung der Lichtanlage wurde die akustische Präzision geschaffen, die für moderne Broadway-Produktionen wie Carrie oder Footloose unerlässlich ist. Abgerundet wurde die Modernisierung durch die Neugestaltung des Foyers: Der ehemals zweckmäßige Eingangsbereich wurde in eine stilvolle Theaterlounge verwandelt. Damit schuf Schulze die bauliche Basis für seine Vision eines „Off-Broadway-Theaters“, in dem erstklassige Qualität und eine persönliche Atmosphäre Hand in Hand gehen.
Zehn Jahre Resonanz: Mehr als nur eine Ausbildungsstätte
Seit der feierlichen Eröffnung im März 2016 hat sich das First Stage Theater emanzipiert. Es ist längst keine reine „Schülerbühne“ mehr. Produktionen wie Carrie, 42nd Street oder die legendären Weihnachtsshows haben das Haus zu einer festen Größe im Hamburger Feuilleton gemacht. Kritiker loben immer wieder die „unverbrauchte Energie“, die in diesen Mauern wohnt.
In einer Stadt, die oft als „Musical-Hauptstadt“ tituliert wird, aber meist nur Importe aus London oder New York zeigt, ist die Thedestraße 15 zum Laboratorium für das Genre geworden. Hier wird gewagt, hier wird neu interpretiert, und hier wird das Handwerk in einer Perfektion zelebriert, die das Publikum oft vergessen lässt, dass sie hier den Stars von übermorgen zusehen.
Epilog: Ein Anker in Altona
Nach einem Jahrzehnt ist das First Stage Theater aus Altona nicht mehr wegzudenken. Es hat die Gentrifizierung des Viertels nicht nur überlebt, sondern ihr einen kulturellen Ankerpunkt entgegengesetzt. Das Gebäude der Thedestraße 15 erzählt uns heute eine Geschichte von Beständigkeit und Wandel. Wo einst Lebensmittel verkauft wurden, wird heute die Nahrung für den Geist produziert.
Zum 10. Jubiläum des First Stage Theaters, im Jahr 2026, steht das Haus als Mahnmal für die Kraft der privaten Initiative und als Leuchtturm für den künstlerischen Nachwuchs. Die Thedestraße 15 ist kein bloßer Ort aus Stein und Mörtel mehr – sie ist ein Versprechen: Dass die Kunst immer einen Weg findet, wenn man ihr nur eine Bühne bereitet.
