Maricel Wölk "Mörder unter sich"

„Eigentlich hatte ich nicht vor, selbst zu spielen.“

Von Marc Lohse / 28. September 2025

Stage Vibe:

In einer Welt, die sich ständig verändert, sind es oft die Stimmen mit klarer und authentischer Haltung, die wirklich im Gedächtnis bleiben. Maricel Wölk gehört genau zu diesen Menschen. Sie gehört zu den beeindruckendsten Darstellerinnen der deutschsprachigen Musicalszene. Mit ihrer Ausdruckskraft, Bühnenpräsenz und stimmlichen Vielfalt zieht sie regelmäßig das Publikum in ihren Bann. Nun ist sie für ihre Rolle im Musical Mörder unter sich für den Musical Award 2025 nominiert – ein bedeutender Moment in ihrer Karriere.

In unserem Interview spricht Maricel über die Bedeutung dieser Nominierung, den kreativen Prozess hinter der Produktion und was sie an ihrer Rolle besonders fasziniert. Ein Gespräch über Hingabe, Bühnenluft und die kleinen und großen Emotionen, die nur das Musical erzählen kann.

Stage Vibe

Hallo Maricel, zuerst einmal vielen Dank, dass du dir für uns Zeit genommen hast und herzlichen Glückwunsch zur Nominierung für den „Musical Awards 2025“! Wie hast du erfahren, dass „Mörder unter sich“ für den Musical Award 2025 nominiert wurde und was war dein erster Gedanke?

Maricel

Ich wurde per Mail darüber informiert, dass ich – beziehungsweise Mörder unter sich – gleich in drei Kategorien für das Finale des Deutschsprachigen Musical Awards 2025 nominiert bin. Damit hätte ich wirklich nicht gerechnet. Immerhin sind wir eine noch recht junge Produktion mit einem sehr kleinen Team – gerade im Vergleich zu den anderen Nominierten. Aber ich habe mich natürlich sehr gefreut!

Stage Vibe

Maricel, du bist eine feste Größe in der deutschen Musicalszene. Was bedeutet dir diese Nominierung persönlich? Vor allem, da du bei allen Kategorien, in denen „Mörder unter sich“ nominiert ist (Beste Liedtexte, Bestes Videodesign und beste Hauptdarstellerin) einen entscheidenen Beitrag geleistet hast?

Maricel

Diese Nominierung bedeutet mir wirklich viel. Mörder unter sich ist ein echtes Herzensprojekt, und dass ich in gleich drei Kategorien nominiert bin bedeutet mir viel und  macht mich dankbar und auch ein bisschen stolz. Besonders freut mich, dass das Publikum offenbar offen ist für innovative Stücke und neue Themen. Das zeigt, dass auch ungewöhnliche Stoffe ihren Platz finden können, wenn sie mit Herzblut erzählt werden.

Stage Vibe

Die Nominierung würdigt nicht nur das Stück, sondern auch deinen Mut, ein Solo-Musical auf die Bühne zu bringen. Fühlst du dich damit als Künstlerin gesehen und bestätigt?

Maricel

Ja, absolut. Ein Solo-Musical auf die Bühne zu bringen war für mich ein großer Schritt – künstlerisch, persönlich und auch emotional. Dass Mörder unter sich nun in mehreren Kategorien nominiert ist, fühlt sich tatsächlich wie eine Form der Bestätigung an. Nicht nur für das Stück selbst, sondern auch für den Mut, eine ungewöhnliche Form zu wählen und neue Themen anzupacken. Ich freue mich sehr darüber, dass das Publikum und die Jury offenbar bereit sind, sich auf solche Experimente einzulassen – das macht mir Lust auf mehr.

Stage Vibe

Wie sah der kreative Prozess aus, vom ersten Gedanken bis zur Premiere? Gab es einen Moment, in denen du gezweifelt hast, dass das Stück wirklich mal fertig wird?

Maricel

Die Entwicklung von Mörder unter sich war ein intensiver Prozess. Gemeinsam mit Wolfgang Adenberg entstand die Grundidee, danach folgten Storyboard und Konzeption – die Verwicklungen des Stücks zu durchdenken war echte Arbeit. Ursprünglich wollte ich die Musik schreiben, doch im Laufe der Entwicklung habe ich das Buch übernommen und die Show schließlich auch als Produzentin und Regisseurin auf die Bühne gebracht.

Eigentlich hatte ich nicht vor, selbst zu spielen. Die Rolle der Bianca ist extrem komplex – sie schlüpft in zahlreiche Alter Egos und verkörpert insgesamt 15 verschiedene Charaktere. Ich wollte mich ganz auf die Regie konzentrieren. Doch die Kollegin, die ich ursprünglich für die Rolle im Kopf hatte, konnte das Stück nicht übernehmen – und so bin ich kurzfristig selbst eingesprungen. Damit wurde Mörder unter sich im wahrsten Sinne des Wortes zu einer One-Woman-Show.

Und ja, es gab definitiv Momente, in denen ich nicht wusste, ob die Show wirklich zu realisieren ist. Die Produktion war eine enorme Herausforderung – künstlerisch, organisatorisch und vor allem finanziell. Ich habe das Projekt komplett in Eigenproduktion gestemmt und bin dabei auch ein persönliches Risiko eingegangen. Dass es nun auf der Bühne steht und sogar nominiert ist, bedeutet mir umso mehr.

Stage Vibe

Für die Menschen, die das Musical noch nicht gesehen haben, worum geht es in deinem Musical „Mörder unter sich“ und was hat dich zu dieser Geschichte inspiriert?

Maricel

Mörder unter sich spielt in einem abgelegenen Herrenhaus, in dem eine Mordserie geschieht. Die Hauptfigur Bianca findet sich dort wieder – umgeben von Menschen, die alle etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun haben. Was zunächst wie ein klassischer Krimi beginnt, entwickelt sich zu einem psychologischen Thriller: Denn Bianca leidet an einer dissoziativen Identitätsstörung und trägt fünf sehr unterschiedliche Persönlichkeiten in sich. Im Laufe des Stücks schlüpft sie in insgesamt 15 Rollen, um herauszufinden, ob der Mörder vielleicht in ihr selbst steckt.

Mich hat die Frage fasziniert, wie wir mit Schuld, Erwartungen und Wahrheit umgehen – und wie vielschichtig Identität sein kann. Die Idee, all das in einem Solo-Musical zu erzählen, war eine große Herausforderung, aber auch eine enorme kreative Freiheit. Die Geschichte erlaubt es, musikalisch und szenisch zwischen Realität und Täuschung zu wechseln – und genau das hat mich inspiriert.

FOTO: STEPHAN DREWIANKA

 Stage Vibe

Die Songs in „Mörder unter sich“ sind sehr abwechslungsreich. Wie hast du die Auswahl deiner Songs getroffen? Eher nach Gefühl oder Storytelling, oder etwas ganz anderes?

Maricel

Die Songs in Mörder unter sich sind tatsächlich sehr unterschiedlich – stilistisch, emotional und dramaturgisch. Die Auswahl war kein rein intuitiver Prozess, sondern eng mit dem Storytelling verbunden. Jede Persönlichkeit von Bianca hat ihre eigene Klangfarbe, ihren eigenen musikalischen Ausdruck. Das war mir wichtig: Dass man die Figuren nicht nur über Text und Spiel, sondern auch über Musik unterscheiden und erleben kann.

Natürlich spielt auch das Gefühl eine Rolle – Musik ist ja immer auch ein emotionaler Kompass. Aber die dramaturgische Funktion stand im Vordergrund: Wann braucht es Tempo, wann braucht es Tiefe, wann braucht es Irritation? Die Songs sind so konzipiert, dass sie die innere Zerrissenheit der Figur spiegeln und gleichzeitig die Spannung der Geschichte vorantreiben.

Stage Vibe

Beeinflusst dich die Atmosphäre und das Publikum bei der deiner Performance auf der Bühne oder bist du komplett „im Tunnel“?

Maricel

Ich bin definitiv nicht komplett „im Tunnel“. Die Atmosphäre und das Publikum beeinflussen meine Performance sehr stark. Gerade bei Mörder unter sich, wo ich allein auf der Bühne stehe und in so viele verschiedene Rollen schlüpfe, ist die Energie im Raum entscheidend. Ich spüre, ob das Publikum mitgeht, ob es lacht, innehält, gespannt ist – und das wirkt direkt auf mein Spiel zurück.

Natürlich gibt es Momente, in denen ich ganz bei mir bin, konzentriert und tief in der Szene. Aber selbst dann bleibt eine Verbindung zum Publikum bestehen. Es ist ein lebendiger Austausch – auch wenn er still ist. Ich liebe diese Spannung zwischen Kontrolle und Offenheit. Sie macht jede Vorstellung einzigartig.

Stage Vibe

Der Titel „Mörder unter sich“ ist provokant. Gibt es eine Botschaft, die du dem Publikum mitgeben möchtest oder soll jede*r etwas Eigenes daraus mitnehmen?

Maricel

Der Titel Mörder unter sich ist bewusst provokant – er spielt mit Erwartungen und wirft sofort Fragen auf. Wer ist Täter, wer Opfer? Und was passiert, wenn beides ineinander verschwimmt?

Mir ist wichtig, dass jeder etwas Eigenes mitnimmt. Manche sehen einen Krimi, andere eine psychologische Reise, wieder andere eine Auseinandersetzung mit Identität. Und gleichzeitig ist das Stück auch extrem humorvoll und unterhaltend – trotz der ernsten Themen. Die vielen Persönlichkeiten, die Bianca verkörpert, sorgen für überraschende, absurde und komische Momente. Das Publikum hat Spaß, lacht, staunt – und wird emotional berührt. Genau diese Mischung macht für mich den Reiz aus. 

Stage Vibe

Vielen lieben Dank für diese offenen und interessanten Einblicke in dein Künstlerleben! Ich wünsche dir viel Erfolg für den Musical Award 2025! Bis bald wieder im Theater.

Die nächsten Termine für „Mörder unter sich“ stehen auch schon fest! Schaut gleich nach, ob die Show auch in eurer Nähe kommt: