Die große Weihnachtsshow 2025

Rezension: Marc Lohse

Hamburg, 05. November 2025

Wenn Talent auf Bühnenmagie trifft

Es gibt Momente im Theaterleben, da weiß man schon beim Überqueren der Schwelle: Hier passiert etwas ganz Besonderes. Der 4. November 2025 im First Stage Theater Hamburg war so ein Moment. Noch bevor sich der Vorhang hebt, erzählt jede Ecke des Hauses bereits eine Geschichte. Lichterketten schlängeln sich wie leuchtende Girlanden durch den Eingangsbereich, Teddybären thronen auf Fensterbänken. Diese Liebe zum Detail, vom kleinsten Accessoire bis zur aufwendigsten Dekoration, verrät mehr über die bevorstehende Produktion als jedes Programmheft es könnte: Hier arbeiten Menschen, denen ihr Projekt am Herzen liegt.

Die „Große Weihnachtsshow“ hat sich in den letzten Jahren zu einer festen Institution im Hamburger Kulturkalender entwickelt. Was als ambitioniertes Ausbildungsprojekt begann, ist mittlerweile ein Publikumsmagnet, dessen Vorstellungen regelmäßig Wochen und Monate vor der Premiere restlos ausverkauft sind. An diesem Novemberabend versammelten sich über 40 Schülerinnen und Schüler der Stage School Hamburg, um zu zeigen, was Wochenlange Probenarbeit aus ihnen gemacht hat. Das Ergebnis ist eine dreistündige Show, nein, ein dreistündiges Event, das Entertainment mit Enthusiasmus verbindet und dabei eine ganz eigene Magie entfaltet.

Das kreative Fundament: Ein Team mit Vision

Hinter jeder gelungenen Theaterproduktion steht ein Netzwerk kreativer Köpfe, die gemeinsam eine Vision zum Leben erwecken. Bei der „Großen Weihnachtsshow 2025“ trägt dieses Netzwerk bekannte Namen: Antonia Crames ist erneut für die Inszenierung verantwortlich, nachdem sie bereits 2024 bewiesen hat, dass sie das komplexe Format einer abendfüllenden Weihnachtsshow zu beherrschen weiß. An ihrer Seite steht Choreograf Adam M. Cooper, dessen Aufgabe es ist, bis zu 40 Künstler auf einer Bühne zu koordinieren, die für die Hälfte dieser Anzahl bereits eng wird.

Robin Kulisch steuert das Buch bei. Jene dramaturgische Klammer, die aus einer Aneinanderreihung unterschiedlicher Musiknummern eine kohärente Geschichte formt. Max McMahon übernimmt die musikalische Leitung der Live-Band, die aus der sogenannten „Bandwohnung“ des Theaters spielt und dem Abend seinen unverwechselbaren Sound verleiht.

Diese Zusammenarbeit ist kein Zufall. Die beteiligten kreativen Köpfe  kennen die Besonderheiten des First Stage Theaters, verstehen die Möglichkeiten und Grenzen des Raumes, wissen um die Fähigkeiten der Studierenden. Theaterleiter Dennis Schulze betont am Premierenabend, dass diese Weihnachtsproduktion dem gesamten Team eine besondere Herzensangelegenheit ist – eine Aussage, die sich in jedem Aspekt der Inszenierung bestätigt.

Eine Geschichte zwischen Gestern und Heute

Die narrative Basis der Show bildet ein Spielwarengeschäft, das vom Besitzer Harold Dickens geführt wird, dargestellt von Schauspiel-Dozent Dietmar Horcicka, der als einziger professioneller Schauspieler zwischen den Studierenden eine souveräne Ankerfigur abgibt. Dickens hat den Laden von seinem Vater geerbt, zusammen mit einer magischen Spieluhr, die einst Glück und Wohlstand brachte. Doch die Zeiten haben sich gewandelt: Holzspielzeug und handgefertigte Puppen finden keine Abnehmer mehr in einer Welt, die von Schnelllebigkeit und digitaler Unterhaltung dominiert wird.

Die Story ist bewusst simpel gehalten, trägt aber eine tiefere Botschaft in sich. Der drohende Niedergang des Ladens steht stellvertretend für den Verlust von Handwerk, Nachhaltigkeit und menschlicher Wärme in einer zunehmend beschleunigten Gesellschaft, die immer digitaler und unpersönlicher wird. Dickens erwägt die Schließung, doch seine Angestellten kämpfen mit Kreativität und Gemeinschaftssinn für den Erhalt des Geschäfts und damit für Werte, die sich nicht in Bilanzen messen lassen.

Robin Kulisch‘s Buch ist ein perfektes Gerüst, das Raum für die eigentlichen Stars des Abends lässt: die 33 Musik-, Tanz- und Schauspiel-Nummern, die sich zu einem einzigartigen Gesamtbild fügen. Die Rahmenhandlung dient dabei weniger als streng durchkomponierte Erzählung, sondern vielmehr als thematischer roter Faden, der die verschiedenen Projektarbeiten aller  Studierenden miteinander verwebt.

Zwischen Tradition und Moderne

Die narrative Basis der Show bildet ein Spielwarengeschäft, das vom Besitzer Harold Dickens geführt wird, dargestellt von Schauspiel-Dozent Dietmar Horcicka, der als einziger professioneller Schauspieler zwischen den Studierenden eine souveräne Ankerfigur abgibt. Dickens hat den Laden von seinem Vater geerbt, zusammen mit einer magischen Spieluhr, die einst Glück und Wohlstand brachte. Doch die Zeiten haben sich gewandelt: Holzspielzeug und handgefertigte Puppen finden keine Abnehmer mehr in einer Welt, die von Schnelllebigkeit und digitaler Unterhaltung dominiert wird.

Die Story ist bewusst simpel gehalten, trägt aber eine tiefere Botschaft in sich. Der drohende Niedergang des Ladens steht stellvertretend für den Verlust von Handwerk, Nachhaltigkeit und menschlicher Wärme in einer zunehmend beschleunigten Gesellschaft, die immer digitaler und unpersönlicher wird. Dickens erwägt die Schließung, doch seine Angestellten kämpfen mit Kreativität und Gemeinschaftssinn für den Erhalt des Geschäfts und damit für Werte, die sich nicht in Bilanzen messen lassen.

Robin Kulisch‘s Buch ist ein perfektes Gerüst, das Raum für die eigentlichen Stars des Abends lässt: die 33 Musik-, Tanz- und Schauspiel-Nummern, die sich zu einem einzigartigen Gesamtbild fügen. Die Rahmenhandlung dient dabei weniger als streng durchkomponierte Erzählung, sondern vielmehr als thematischer roter Faden, der die verschiedenen Projektarbeiten aller  Studierenden miteinander verwebt.

Glanzlichter und Gänsehaut: Die stimmlichen Höhepunkte

Junge Darsteller feiern die Derniere der großen Weihnachtsshow 2025

Bei einem Ensemble dieser Größe ist es unvermeidlich, dass einige Künstler besonders hervorstechen. 

Mercedes Felling liefert mit ihrer Interpretation von „I Miss You Like Crazy“ von Natalie Cole einen der emotionalsten Momente des Abends. Ihre Stimme trägt eine besondre Wärme und Ausdruckskraft. Hier singt jemand, der nicht nur technisch versiert ist, sondern auch versteht, wie man eine Ballade mit echter Emotion füllt.

Hannah Homberger setzt kurz vor Schluss einen kraftvollen Akzent mit „O Holy Night“ in der Version von Céline Dion. Die Nummer ist eine der anspruchsvollsten des gesamten Repertoires, und Homberger meistert sie mit einer Mischung aus stimmlicher Kraft und kontrollerter Zurückhaltung. Als die letzten Töne verklingen, hält sich das Publikum nicht mehr zurück und applaudiert lautstark.

Isabell Ertizman begeistert mit ihrer Interpretation von „River“ von Joni Mitchell. Der Song, ursprünglich eine melancholische Meditation über verpasste Chancen, erhält in dieser Interpretation eine neue Dimension. Ertizmans Darbietung zeigt, dass sie die emotionale Tiefe des Stücks erfasst hat und es nicht als bloße technische Übung versteht.

Lisa Podschun liefert mit „Küss mich, Halt Mich, Lieb Mich“, der deutschen Version der Hauptmelodie, aus „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ von Karel Svoboda, ursprünglich gesungen von Ella Endlich, einen weiteren Gänsehautmoment. Die Nummer trifft direkt ins nostalgische Herz vieler Zuschauer, die mit diesem Film aufgewachsen sind, und Podschuns Interpretation würdigt diese emotionale Verbindung!

Unter den herausragenden Einzelleistungen fiel diesmal auch wieder Fanny Mae Mischuretz besonders auf. Mit präziser Technik, ausdrucksstarker Körpersprache und Bühnenpräsenz bringt sie besonders im Showballett wieder echte Perfektion auf die Bühne. Ihre Bewegungen haben diese klare Linie und Energie, bei denen man sofort den tänzerischen Background spürt. Mischuretz füllt den Raum mit Haltung und Ausstrahlung und zieht damit die Aufmerksamkeit ganz selbstverständlich auf sich.

Das männliche Ensemble zeigt mit dem A-cappella-Quartett um Chase Tolbert, dass auch ohne instrumentale Begleitung große Wirkung erzielt werden kann. Ihre Version von „Es ist Weihnachtszeit“ nach Billy Joels „The Longest Time“ ist charmant arrangiert und mit spürbarer Freude vorgetragen – ein Beweis dafür, dass manchmal weniger mehr ist.

Komödie als Kontrapunkt: Wenn Humor die Spannung löst

Inmitten all der gefühlvollen Balladen und großen Showmomente setzt die Produktion kluge komödiantische Akzente. Philine Ehrich liefert mit „Wie man einen Stollen macht“ einen der unbestrittenen Höhepunkte des Abends! Die Nummer ist textreich, temporeich und erfordert perfektes Timing – Ehrich meistert all diese Herausforderungen mit scheinbarer Leichtigkeit und einem Schalk im Nacken, der das Publikum in mehr als nur breites Grinsen versetzt.

Der nahtlose Übergang zur Parodie „Rosien“, einer Umdichtung von Dolly Partons „Jolene“, in der es um die berüchtigten Rosinen im Weihnachtsstollen geht, zeigt das kreative Potenzial des Teams. Diese Momente der Selbstironie und des spielerischen Umgangs mit Weihnachtstraditionen sind wichtig: Sie verhindern, dass die Show in allzu schwülstige Sentimentalität abrutscht, und bieten dem Publikum willkommene Gelegenheiten zum Durchatmen.

Humor funktioniert hier nicht als billiger Lückenfüller, sondern als dramaturgisch sinnvoller Kontrapunkt. Nach emotionalen Balladen braucht es diese heiteren Einlagen, um die Stimmung wieder aufzulockern und das Publikum für die nächste emotionale Welle empfänglich zu machen.

Tanz als Sprache: Choreografische Vielfalt auf engstem Raum

Adam M. Coopers choreografische Arbeit verdient besondere Anerkennung. Die Herausforderung, bis zu 40 Tänzer auf einer Bühne zu platzieren, die für solche Menschenmengen eigentlich nicht konzipiert ist, löst er mit Kreativität und präziser Raumnutzung. Unterstützt von Dance Captain und gelegentlicher Co-Choreografin Lisa Hartig entstehen Showtänze, die an klassische amerikanische Broadway-Revuen erinnern.

Die stilistische Bandbreite ist beachtlich: Von klassischen Step-Sequenzen über moderne Showtanz-Formationen bis hin zu Annäherungen ans Ballett reicht das Spektrum. Besonders gelungen ist die Neuinterpretation von Tschaikowskys „Tanz der Zuckerfee“, bei der klassische Choreografie-Elemente mit HipHop- und Techno-Moves verschmelzen. Das Ergebnis ist ein visuelles Statement: Tradition und Moderne müssen sich nicht ausschließen, sondern können sich gegenseitig bereichern.

Allerdings zeigen sich gerade bei den Ballettannäherungen gelegentlich die Grenzen der Ausbildung. Interessanterweise funktionieren diese klassischen Elemente deutlich besser, wenn sie in modernere Bewegungssprachen übergehen, als wenn sie isoliert präsentiert werden.

Gegen Ende längerer Tanzsequenzen macht sich bei manchen Ensemble-Mitgliedern leichte Ermüdung bemerkbar. Die Präzision lässt minimal nach, einzelne Bewegungen verlieren etwas an Genauigkeit. Doch diese kleinen Unvollkommenheiten schmälern den Gesamteindruck kein bisschen – im Gegenteil, sie erinnern daran, dass hier keine Maschinen performen, sondern junge Menschen, die seit Wochen intensiv an diesem Projekt arbeiten.

Visuelle Poesie: Bühnenbild, Licht und Kostüm als Gesamtkunstwerk

Das Bühnenbild von Felix Wienbürger überzeugt durch seine Dichte und Liebe zum Detail. Auf der unteren Hauptbühne ist der kleine Spielzeugladen in warmen Farben mit Ladentheke, Regalen, Spielzeugkisten und beweglichen Elementen, die schnell für neue Szenen genutzt werden könne,  aufgebaut. Die obere Etage nutzte das Ensemble geschickt für kleine Choreografien.

Besonders clever: Die Ladentheke fungiert als multifunktionales Zentrum. Sie ist Verkaufsfläche, Aktionsbühne, Rückzugsort und visueller Ankerpunkt zugleich. Diese Mehrfachnutzung einzelner Elemente ist typisch für gutes Bühnendesign auf begrenztem Raum – und hier meisterhaft umgesetzt.

Wienbürger verantwortet auch die Lichtgestaltung, die in diesem Jahr bewusst zurückhaltender ausfällt als in vorherigen Produktionen. Diese Entscheidung zahlt sich aus: Statt mit permanentem Scheinwerferfeuerwerk zu operieren, setzt das Licht gezielte Akzente. Sanfte Rottöne schaffen Wärme, goldene Spotlights heben einzelne Momente hervor, und wenn die Beleuchtung doch einmal spektakulär wird, entfaltet sie umso größere Wirkung.

Das Kostümbild von Volker Deutschmann, Hermine Seifert und Antonia Crames ist an Kreativität kaum zu überbieten. Vom glamourösen Kickline-Gold bis zu glitzernden Barbie-inspirierten Outfits reicht die Palette. Diese Investition in neue Kostüme, wie Dennis Schulze betont, war offensichtlich gut angelegtes Geld. Jedes Ensemble-Mitglied erhält durch seine Garderobe einen individuellen Ausdruck, ohne dass das Gesamtbild zersplittert wirkt.

Regie zwischen Perfektion und Freiheit

Antonia Crames führt mit sicherem Gefühl durch den Abend. Ihre Regie hält den bunten Mix aus 33 Nummern zusammen, gibt Struktur und schafft Übergänge, die leicht und organisch wirken. Unterstützt von Adam M. Cooper, der für die Choreografien verantwortlich ist, gelingt ihr eine Show, die rhythmisch, mitreißend und zugleich emotional bleibt. Die Ensemblebewegungen sind klar gesetzt, die Übergänge sitzen, und in jedem Moment ist spürbar, dass Crames Vertrauen in ihre Darsteller:innen hat. Cooper nutzt das Ensemble als Ganzes. Jeder Einsatz, jeder Blick, jede Armbewegung wirkt bedacht. Das sorgt für ein durchgängiges Energielevel, das die Show trägt, ohne je steril oder überfrachtet zu wirken.

Publikum als Komplize: Die Atmosphäre im Saal

Das Publikum im First Stage Theater war begeistert, reagierte aufmerksam, lachte, klatschte und ließ sich vom Ensemble mitreißen Es war eine ehrliche, warme Premierenstimmung, wie man sie dort liebt. Kleinere Unsicherheiten in Gesang oder Timing fallen nicht ins Gewicht. Entscheidend ist die Spielfreude dieser jungen Künstler:innen und der sichtbare Teamgeist, der in jeder Szene mitschwingt. Die Mischung aus Professionalität und Begeisterung macht den Charme dieser Produktion aus! Eine Show, die Herz zeigt, statt Effekte zu stapeln. 

Schlusswort

Die „Große Weihnachtsshow 2025“ ist weit mehr als eine Jahresproduktion der Stage School Hamburg. Sie ist ein liebevolles Bekenntnis zu Phantasie, Gemeinschaft und Bühnenträumen. Alles, was dieses Format seit Jahren besonders macht, ist auch diesmal spürbar: Leidenschaft, Teamgeist und dieses unverwechselbare Funkeln, wenn junge Künstler:innen über sich hinauswachsen. Es geht nicht nur um Perfektion, sondern auch um Präsenz, um echte Begeisterung für das, was auf der Bühne entsteht. Jede Szene trägt dazu bei, dass die Show zu einem lebendigen Gesamterlebnis wird: glänzend, humorvoll, warmherzig und von ehrlicher Spielfreude getragen. So endet der Abend mit genau dem Gefühl, das man sich in der Vorweihnachtszeit wünscht: Licht, Energie und ein bisschen Zauber, der bleibt.