Oliver Edward
„Wir alle teilen dieselbe Welt.“
Von Marc Lohse / 16. Februar 2026
STAGE VIBE
Oliver Edward begeistert seit Jahren als charismatischer Musicalstar mit internationaler Erfahrung und einzigartiger Bühnenpräsenz sein Publikum. Der sympathische Künstler fasziniert immer wieder durch seine authentischen Darstellungen und seine Vielseitigkeit.
In unserem exklusiven Interview eröffnet er uns einen Blick auf sein neues Projekt „Judith und das Wunder der Schöpfung“, einem Chormusical mit 3000 Sängern und Sängerinnen.
Hi Oliver, vielen Dank, dass du dir für dieses Gespräch Zeit nehmen konntest. Du bist in Wien aufgewachsen, hast in London studiert und arbeitest heute vor allem in Deutschland. Welche Station auf diesem Weg hat dich als Künstler am stärksten geprägt und warum?
OLIVER
Mein Studium in London war definitiv ein prägender Meilenstein. An der ArtsEd hatten wir außergewöhnliche Möglichkeiten – etwa die Eröffnung der Olivier Awards mit dem Cast von The Lion King. Einige von uns durften sogar bereits während des Studiums ihr West-End-Debüt feiern, unter anderem in The Pirate Queen. Diese Nähe zur professionellen Praxis hat mir früh ein Gefühl für das internationale Niveau unseres Berufs gegeben.
Nach dem Studium haben mich insbesondere meine Zeit bei Hamilton sowie die Rolle des François in & JULIA stark geprägt. Beide Produktionen stehen für moderne, diverse und musikalisch kraftvolle Erzählformen – und haben meinen künstlerischen Anspruch nachhaltig beeinflusst.
STAGE VIBE
Du bewegst dich zwischen großen Produktionen, intimen Konzertformaten wie „The Loom Session“ und jetzt einem riesigen Chorprojekt. Nach welchen Kreterien entscheidest du heute, ob du zu einem Projekt „Ja“ sagst?
OLIVER
Es ist immer ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Ort, Produktionszeitraum, Rolle, Kreativteam und natürlich auch die vertraglichen Rahmenbedingungen.
Was für mich jedoch entscheidend ist, ist der künstlerische Reiz. Neue Stoffe, neue Perspektiven und neue Herausforderungen üben auf mich immer eine große Faszination aus. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich an einer Rolle wachsen kann oder dass ein Projekt gesellschaftlich etwas Relevantes erzählt, ist das ein starkes Argument für ein „Ja“.
STAGE VIBE
Wenn du auf deine bisherigen Erfolge zurückblickst, vom ersten „Hairspray“-Engagement über „Hamilton“ bis hin zu „& Julia“ – hast du dir eine Figur wie Ammo in einem großen Chormusical vorgestellt?
OLIVER
Wenn man diese Karriere beginnt, träumt man natürlich davon, bedeutende Rollen vor großem Publikum spielen zu dürfen.
Ob ich genau diese Figur vorhergesehen habe, weiß ich nicht – aber gewünscht habe ich es mir auf jeden Fall. Eine Rolle wie Ammo vereint Emotionalität, Haltung und musikalische Kraft. Das sind genau die Qualitäten, die mich als Darsteller reizen.
STAGE VIBE
„Judith – und das Wunder der Schöpfung“ ist eine weitere Uraufführung. Ist es ein besonderer Reiz, neue Stoffe mitzuentwickeln?
OLIVER
Absolut. Ich liebe es, Rollen neu zu entwickeln. Bei einer Uraufführung gibt es keine vorgefertigten Interpretationen – das bedeutet künstlerische Freiheit, aber auch Verantwortung.
Der Prozess beginnt für mich mit dem ersten Lesen des Skripts – und endet eigentlich erst mit der letzten Vorstellung. Eine Figur verändert sich ständig. Gerade bei längeren Produktionen finde ich es spannend, über Monate oder Jahre immer neue Details zu entdecken und tiefer zu graben.
STAGE VIBE
Wer ist Ammo für dich – jenseits der offiziellen Beschreibung? Drei Begriffe?
OLIVER
Ehrlich, Sanft, Prinzipientreu
Was mich besonders berührt, ist sein Respekt gegenüber allem, was ihn umgibt – gegenüber Menschen, Natur und sich selbst. Diese Haltung macht ihn für mich stark.
STAGE VIBE
Was ist seine schwerste Entscheidung – und wie verändert sie seine Beziehung zu Judith?
OLIVER
Seine größte Herausforderung ist es, an seinen Werten festzuhalten – selbst dann, wenn es unbequem wird.
Diese Entscheidung verändert seine Beziehung zu Judith, weil sie beide zwingt, sich nicht nur emotional, sondern auch weltanschaulich zu begegnen. Es geht um Liebe, aber auch um Haltung.
STAGE VIBE
Das Stück verknüpft persönliche Geschichte mit Klima, Verantwortung und Zusammenhalt. Beschäftigt dich das auch privat?
OLIVER
Sehr sogar. Für mich stellt das Stück die Frage, wie wir als Gesellschaft miteinander – und mit unserer Erde – umgehen. Das sind Themen, die mich auch jenseits der Bühne beschäftigen.
Ich hoffe, dass „Judith“ Gespräche anstößt. Theater kann Räume öffnen, in denen man einander neu zuhört.
STAGE VIBE
Wie gehst du mit der Schnittstelle von Glauben, Aktivismus und Entertainment um?
OLIVER
Für mich steht im Zentrum die Frage, wie Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen friedlich koexistieren können. Es gibt so viele Lebensrealitäten, Glaubensvorstellungen und Perspektiven – keine davon ist per se „richtiger“ als eine andere.
Wir alle teilen dieselbe Welt. Und genau das macht Dialog so wichtig.
STAGE VIBE
3000 Menschen im Chor – was macht das mit dir als Solist?
OLIVER
Ich freue mich unglaublich auf die ersten Akkorde von „ICH BIN DER ICH BIN“. In diesem Moment entsteht eine Kraft und zugleich eine Ruhe, in der Ammo musikalisch wirklich zu Hause ist.
Was die Dimension betrifft: Ob 2.000 oder 9.000 Menschen im Raum sitzen – mein Auftrag bleibt derselbe. Ich erzähle die Geschichte eines dreidimensionalen Menschen. Wenn diese Wahrheit spürbar ist, spielt die Zahl keine Rolle.
STAGE VIBE
Glaubst du, dass Projekte wie „Judith“ gesellschaftliche Debatten emotionaler erzählen können?
OLIVER
Ja. Jede Form von Repräsentation zählt. Dass eine Figur mit „göttlicher Energie“ – wie es der Autor Kevin Schröder formuliert hat – von einer afro-europäischen Person dargestellt wird, ist ein starkes Bild.
Produktionen wie Hamilton haben gezeigt, wie kraftvoll moderne, diverse Besetzungen gesellschaftliche Narrative erweitern können. „Judith“ geht in eine ähnliche Richtung – auf seine ganz eigene Weise.
STAGE VIBE
Hat dich das Stück privat verändert?
OLIVER
Ich nehme aus jeder Rolle etwas mit. Aus „Das Wunder der Schöpfung“ vor allem die Erkenntnis, dass Zuhören essenziell ist – selbst dann, wenn es schwerfällt. Vielleicht gerade dann.
STAGE VIBE
Warum sollte man „Judith“ unbedingt sehen?
OLIVER
Weil es ein Musicalerlebnis ist, das man so selten erlebt: große Emotionen, starke Songs, spannende Figuren – und die Energie von 3.000 Chorstimmen.
Es ist kraftvoll, aktuell und überraschend intim zugleich.
STAGE VIBE
Vielen Dank, Oliver, für diese sehr interessanten und wichtigen Einblicke in dieses Projekt, deine Leidenschaft für diesen Beruf. Das macht Lust auf mehr. Wir sehen uns im Theater.
