Die Schneekönigin

Rezension: Marc Lohse

Lübeck, 12. Dezember 2025

Einführung

Das Theater am Tremser Teich ist seit Jahren eine feste Größe in der Lübecker Kulturszene und bekannt für seine liebevoll gestalteten Familienmusicals. Mit „Die Schneekönigin“ bringt das Ensemble ein Werk auf die Bühne, das wie kaum ein anderes in die winterliche Jahreszeit passt. Regisseur, Komponist und Texter Wolfgang Gottschlich schuf eine eigene Musicalfassung des Andersen-Klassikers. Eine Eigenproduktion, die Musik, Schauspiel und Märchencharme vereint. Ziel war ein Stück, das Kinder ab sechs Jahren ebenso fesselt wie erwachsene Zuschauer. Die Spieldauer von rund 90 Minuten sorgt dabei für eine kompakte, kurzweilige Erzählung, die Raum für Emotionen und musikalische Vielfalt lässt. Mit diesem Konzept bleibt das Theater seiner Linie treu: hochwertige Eigenproduktionen mit Herz, die lokale Talente ebenso fördern wie generationenübergreifendes Publikum ansprechen.

Handlung

Im Mittelpunkt steht die Freundschaft zwischen Gerda und Kai, zwei unzertrennliche Kinder, deren Zuneigung auf eine harte Probe gestellt wird, als Kai eines Tages vom Splitter eines verzauberten Spiegels getroffen wird. Dieser lässt ihn die Welt kalt und herzlos sehen – ein Motiv, das die Inszenierung besonders feinfühlig aufgreift. Als Kai von der geheimnisvollen Schneekönigin in ihr eisiges Reich entführt wird, begibt sich Gerda auf eine abenteuerliche Suche, die sie bis zum Nordpol führt. Auf ihrer Reise begegnet sie der vorlauten Krähe Kra, dem wilden Räubermädchen Wusch und dem treuen Rentier Bä.  Alles Figuren, die mit Humor und Wärme für kindgerechte Abwechslung sorgen. Ohne zu viel zu verraten: Am Ende geht es nicht nur um die Rückkehr eines verlorenen Freundes, sondern um die Kraft von Liebe, Hoffnung und innerer Stärke. Zentrale Botschaften, die sich mit feinem Gespür für Familienpublikum entfalten.

Musik

Stil und Klangwelt Gottschlichs Musik verbindet eingängige Melodien mit harmonischen, leicht folkloristischen Einflüssen. Die Lieder sind so gebaut, dass Kinder sie intuitiv erfassen können, ohne an musikalischer Raffinesse einzubüßen. Viele Songs setzen auf Wiedererkennungswert und thematische Leitmotive mit freundlichen, hoffnungsvollen Melodien. 

Die musikalische Begleitung an diesem Nachmittag, unter professioneller Leitung arrangiert, überzeugt durch klare Akzente und ausgewogene Klangabmischung. Licht und TonTechniker Kolja Braun sorgt für eine präzise Balance zwischen Sprache, Gesang und Instrumentalspuren, was gerade in einem kleineren Theaterraum ein sichtbarer Qualitätsfaktor ist. 

Alle Hauptrollen meistern ihre Gesangsaufgaben sicher und mit emotionaler Präsenz.  Die musikalischen Nummern sind dramaturgisch clever verteilt: Rhythmische Songs wechseln mit ruhigen, gefühlvollen Balladen. Besonders Gerdas Lieder zu Beginn und am Schluss bilden emotionale Ankerpunkte. Sie tragen die Botschaft des Musicals, dass Herzlichkeit selbst das kälteste Eis schmelzen kann. 

Darsteller

Jehanne Worch - Die Schneekönigin

Worch gibt der Titelrolle eine faszinierende Mischung aus Strenge und eleganter Ruhe. Ihre klare Stimme trägt die kühlen Klangfarben der Figur ohne Schärfe. Vielmehr schwingt darin unterschwellige Melancholie. Ihre Bühnenpräsenz dominiert Szenen, ohne je überladen zu wirken; besonders eindrucksvoll sind die Momente stiller Macht.

Lena  Detert- Gerda

Detert gelingt es, das Herzstück des Abends zu verkörpern. Ihre bekannt starke Gesangsleistung vereint Leichtigkeit mit Ausdruck, und ihre Darstellung wirkt von Anfang bis Ende glaubwürdig. Sie führt das Publikum durch die Emotionen der Geschichte. Hoffnung, Angst, Mut und Zuneigung. Sie spielt das ganze Repertoire ohne künstliche Pathosmomente. So entsteht ein Dialog zwischen Wärme und Frost, Herz und Verstand, der Kern der Geschichte. Ihre Chemie mit Alexander Schellworth (Kai) ist spürbar natürlich und überzeugend.

Alexander Schellworth - Kai

Schellworth spielt die schwierige Wandlung vom lebensfrohen Jungen zum verzauberten Gefangenen der Schneekönigin mit spürbarem Feingefühl. Sein Spiel ist zunächst jugendlich unbeschwert, später zurückgenommen und fremd. Ein kluges Mittel, um den Einfluss der Schneekönigin zu illustrieren.

Annabell Klaus - Krähe Kra

Mit temperamentvollem Spiel und pointierten Einsätzen bringt Klaus augenzwinkernden Humor ins Geschehen. Ihre komödiantische Präzision sorgt für viele Lacher im Publikum, ohne je zur Karikatur zu verkommen. Stimmlich flexibel, tänzerisch präsent – ein sympathisches Highlight gerade für jüngere Zuschauer.

Tabitha Eugling - Räubermädchen Wusch

Eugling verleiht der Rolle Energie und Wildheit, aber auch Herz. Sie zeigt, dass selbst ein Räubermädchen Platz für Freundschaft und Loyalität findet. In ihren Szenen blitzt das Lebensgefühl der Produktion auf: Mutig, verspielt, mit klarer Botschaft.

Jennifer Urbigkeit - Rentier Bä

Als treue Begleiterin auf Gerdas Reise ist Urbigkeit charmant und humorvoll. Ihre warme und ruhige Bühnenpräsenz und das liebevolle Timing bringen die Kinderreihen regelmäßig zum Lachen. Eine gelungene Balance aus Komik und Herz.

Auch im Zusammenspiel überzeugen alle Mitwirkenden durch Spielfreude und  Teamgeist, der diese Produktion trägt.

Bühnenbild, Licht Kostüme

Das Bühnenbild spielt mit starken Kontrasten: bunte Farben im Zuhause von Gerda und Kai, glitzernde Weiß und Blauschattierungen in der Eiswelt. Die Kostüme von Kerstin Krüger sind fantasievoll und gleichzeitig funktional. Besonders das Gewand der Schneekönigin, eine Kombination aus Silber, Weiß und transparenten Stofflagen, sticht heraus und wirkt sehr erhaben. Auch kleinere Rollen tragen mit erkennbarem Detail und Farbkonzept zur Märchenwelt bei: Federn, Fellimitate und glitzernde Accessoires geben jeder Figur wiedererkennbaren Charakter.

Regie & Dramaturgie

Wolfgang  Gottschlich greift das AndersenMärchen mit Respekt und klarer Dramaturgie auf. Der Inszenierungsstil bleibt nah an der literarischen Vorlage, interpretiert sie aber mit musikalischer Leichtigkeit. Besonders geschickt sind die Übergänge zwischen den Schauplätzen. Das Pacing überzeugt: kein Moment zieht sich, keine Episode wirkt überhastet. Stattdessen entsteht ein stetiger Rhythmus, der Kinder bei der Geschichte hält und auch Erwachsene emotional mitnimmt. Dramaturgisch findet Gottschlich eine Balance zwischen Spannung und Wärme - eine Qualität, die familiäre Produktionen oft vermissen lassen.

Publikum & Atmosphäre

Schon in der Pause war zu hören, wie Kinder aufgeregt über Lieblingsfiguren sprachen, während Erwachsene die gesamte Inszenierung lobten. Besonders die jüngeren Besucher reagierten mit sichtbarer Begeisterung auf Krähe Kra und das Rentier Bä. Am Ende des Stücks stand das Publikum geschlossen und spendete anhaltenden Applaus. Einige Kinder winkten sogar begeistert in Richtung Ensemble. Diese direkte, ehrliche Reaktion ist ein verlässliches Qualitätsmerkmal. Selten gelingt es, eine märchenhafte Geschichte so generationsübergreifend zu erzählen, dass sie zugleich emotional, witzig und ästhetisch ansprechend bleibt.

Kritische Einordnung

Die Produktion des Theaters am Tremser Teich überzeugt durch Herzblut und Präzision. Besonders positiv: die durchdachte Regie, die liebevoll gestalteten Kostüme und die solide musikalische Umsetzung. Insgesamt überzeugt der harmonische Gesamteindruck deutlich. Im Vergleich zu professionellen Tourproduktionen wirkt diese Version intimer und unmittelbarer. Und genau das ist ihre Stärke. Hier erleben Zuschauer Theater von Mensch zu Mensch, ohne technische Überladung. Der Fokus liegt auf Erzählung, Musik und Gefühl - eine Entscheidung, die Authentizität über Spektakel stellt.

Zielgruppe

Die Schneekönigin eignet sich ideal für Familien mit Kindern ab sechs Jahren, aber auch für Schulen, Musikfreunde und Märchenliebhaber. Wer klassische Märchenstoffe in moderner Form schätzt, findet hier eine liebevoll erzählte Version. Für MusicalEinsteiger bietet die Produktion einen guten Zugang: klare Handlung, eingängige Lieder und leicht verständliche Botschaften. Gleichzeitig hat das Stück genug künstlerische Qualität, um auch erfahrene Theatergänger zu berühren.

Bewertung

Die Schneekönigin am Theater am Tremser Teich ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie regionale Bühnen hochwertige Familienmusicals produzieren können. Das Zusammenspiel von Schauspiel, Musik und Ausstattung schafft ein atmosphärisch dichtes Erlebnis, das über den Kinderaspekt hinauswirkt. Die Inszenierung besticht durch feine Kanten: eine nicht zu süße, sondern aufrichtige Emotionalität, pointierten Humor und respektvollen Umgang mit der Vorlage. Besonders Gerdas und Kais Beziehung berührt; die Figur der Schneekönigin bleibt geheimnisvoll statt furchteinflößend – ein dramaturgisch kluger Kniff. Am Ende bleibt der Eindruck eines Nachmittages, der Herz, Humor und Handwerk vereint. Ein winterliches Theatererlebnis, das Lübeck in märchenhaftes Licht taucht.