Fame - Das Musical
Rezension: Marc Lohse
Hamburg, 07. September 2025
Das First Stage Theater zeigt eine Neuinszenierung des Musical-Klassikers Fame, die es schafft, Bekanntes zu transformieren und dabei tief zu berühren und mitzureißen. Rund 40 Jahre nach der Premiere des Films angesiedelt, wirkt diese Version nicht wie ein nostalgisches Remake, sondern wie eine eigenständige, vielschichtige Auseinandersetzung mit den Themen Ehrgeiz, Identität und Selbstverwirklichung – getragen von einem Ensemble, das kaum harmonischer und leistungsstärker hätte besetzt sein können.
Inszenierung – ein Raum, viele Welten
Ein wesentliches Merkmal der Inszenierung ist ihre dramaturgisch kluge Raumnutzung. Das Bühnenbild, das sowohl als Klassenzimmer, Proberaum der Schulband wie auch als Bühne-in-der-Bühne funktioniert, verzichtet vollständig auf Umbaupausen und genau das gibt dem Stück Kontinuität und Spielfluss. Trotz der vielschichtigen Bühnennutzung bleibt der Raum stets dienlich für die Handlung. Alles wirkt wie aus einem Guss. Nichts lenkt ab von dem, worum es hier wirklich geht: den Figuren und ihren Geschichten.
Carmen Diaz – Herzstück der Inszenierung
Im Zentrum des Stücks steht Carmen Diaz (Victoria Kerbl): impulsiv, getrieben, leidenschaftlich bis zum Äußersten. Victoria Kerbl verleiht dieser Figur eine Tiefe und Bandbreite, die weit über eine bloße Hauptrolle hinausgeht. Ihre Darstellung von der emotionalen Reise von Carmen Diaz ist das dramaturgische Rückgrat und eine Glanzleistung in jeder Hinsicht: emotional glaubwürdig, tänzerisch und gesanglich absolut überzeugend. Victoria Kerbl gelingt es, Carmens Entwicklungsbogen, von der selbstbewussten und ehrgeizigen Träumerin zur verletzlichen Figur, die am eigenen Ehrgeiz scheitert, in jeder Szene authentisch greifbar zu machen. Ihre Bühnenpräsenz ist bemerkenswert: still in den leisen Momenten, elektrisierend in den großen Szenen.
Musik und Gesang – keine Schwachstellen
Die Musik von der Schulband, bestehend aus Schlomo (Marc Verhaelen), Goodman King (Dominik Krumschmidt), Grace Lamb (Viola Bremer) und Carmen Diaz (Victoria Kerbl), wurde größtenteils live gespielt, was dieser Inszenierung eine spürbare Unmittelbarkeit verlieh und ein weiteres Highlight war. Ein gelungenes Zusammenspiel zwischen szenischer Einbindung und musikalischer Presänz, das die Atmosphäre um einiges lebendiger machte.
Die gesanglichen Leistungen dieser Inszenierung waren durchweg beeindruckend. Mit großem Gespür für Ausdruck, Timing und stimmliche Präzision überzeugten die Solist:innen durch starke, aber nie stilistisch überzogene Interpretationen. Anstatt sich in Effekthascherei oder stimmlichen Übertreibungen zu verlieren, etwa durch künstliches Pathos, übermäßiges Vibrato oder demonstrative Kraftentfaltung, stand stets der emotionale Kern der jeweiligen Figur im Vordergrund.
So gelang es Kerstin Ibald (Miss Sherman), nicht nur die Strenge und Autorität einer Pädagogin überzeugend darzustellen, sondern auch ihre innere Zerrissenheit zwischen Prinzipientreue und Mitgefühl durch ihren Gesang eindrucksvoll spürbar zu machen.
Ilka Kottkamp (Serena Katz) ließ in ihrem Gesang den künstlerischen Ehrgeiz ebenso mitschwingen wie die Unsicherheit und die leise Sehnsucht ihrer Figur – fein nuanciert, ohne je ins Pathetische zu kippen.
Christopher Dederichs (Nick Piazza) zeichnete stimmlich das facettenreiche Porträt eines Charakters, der nach außen selbstbewusst und ambitioniert erscheint, innerlich jedoch mit Selbstzweifeln und Verletzlichkeit ringt.
Auch Daniela Tweesmann, Ann-Kathrin Amborn, Babak Malekzadeh und selbstverständlich Victoria Kerbl überzeugten in ihren Solo-Momenten. Mit viel Gespür für Ausdruck, Timing und Präzision ergänzten sie ein Niveau, das in dieser Klarheit und Echtheit selten geworden ist.
Tanz – präzise und Ausdrucksstark
Die Choreografien sind technisch sehr anspruchsvoll und detailreich, werden aber durch das Ensemble scheinbar leicht und mühelos umgesetzt. Ob es die Sychronität bei „Hard Work“ und dem Titelsong „Fame“ ist oder bei dem Song „Dancin’ on the Sidewalk“, bei dem die individuelle Stärke jedes einzelnen Ensemblemitglieds besonders sichtbar wird. Diese Momente gehört zweifellos zu den choreografischen Höhepunkten der Inszenierung.
Drei Tänzer:innen verdienen dennoch besondere Erwähnung für ihre durchweg herausragenden Leistungen: Lina Sbaita als Dance Captain, Charlotte Beba und Dominik Wojtasik. Mit beeindruckender Präzision, Ausdrucksstärke und tänzerischer Leichtigkeit setzten sie immer wieder Glanzpunkte im gesamten Ensemble
Ebenso beeindruckend war das harmonische Zusammenspiel von Rose Vandrey (Iris Kelly) und Philip Kretschmann (Tyrone), die sowohl tänzerisch als auch schauspielerisch eine bemerkenswerte Bühnenpräsenz und Harmonie entwickelten.
Ensemblekraft als Fundament
Was diese Fame-Inszenierung so besonders macht, ist die Geschlossenheit und das Zusammenspiel der gesamten Cast. Jeder einzelne Beitrag fügt sich nahtlos in das Gesamtkunstwerk ein. Es entsteht der Eindruck, dass das Fehlen auch nur einer Figur dem Stück etwas Wesentliches genommen hätte. Diese kollektive Energie, diese gegenseitige Verstärkung auf der Bühne, lässt Fame zu einer Inszenierung werden, die deutlich mehr ist als eine weitere Inszenierung eines Musical-Klassikers.
Emotionale Tiefe
Die emotionale Bandbreite der Inszenierung ist erstaunlich. Zwischen ausgelassener Freude, angespannter Konkurrenz, verletzter Hoffnung und bitterem Scheitern entfaltet sich ein Spannungsfeld, das das Publikum nicht nur unterhält, sondern in ihren Bann zieht. Das Publikum wird nicht manipuliert, sondern durch eine Dramaturgie, die fein abgestimmt ist, und durch die Darsteller:innen, die das Menschliche hinter den Rollen spürbar machen, mitgenommen.
Kritikpunkte – mit Augenmaß
Trotz der durchweg starken künstlerischen Leistung gibt es zwei Aspekte, die eine kritische Anmerkung notwendig machen. Erstens: die Tonabmischung. Wie bereits in anderen Produktionen des First Stage Theaters zu beobachten, übertönt die Musik stellenweise den gesprochenen Text oder den Gesang, was in manchen Szenen das Verfolgen der Story erschwert.
Zweitens: die Sexualisierung einiger Szenen. Während sie im Kontext der Originalgeschichte nachvollziehbar ist, wirkt sie in dieser Inszenierung stellenweise sehr stark ausgeprägt. Das kann polarisieren, auch wenn es vermutlich eine bewusste künstlerische Entscheidung war, die gesellschaftliche Realität junger Erwachsener in Ausbildung nicht zu klein darzustellen.
Fazit: Eine meisterhafte Ensembleleistung mit einer herausragenden Hauptfigur
Diese Neuinszenierung von Fame im First Stage Theater ist mehr als nur eine Adaption eines bekannten Musicals. Sie ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was möglich ist, wenn ein Ensemble nicht nur zusammen auftritt, sondern zusammen atmet, denkt und fühlt. Nicht nur, aber auch durch die Idealbesetzung von Victoria Kerbl als Carmen Diaz wird diese Produktion zu einem Erlebnis, das in Erinnerung bleibt und bleiben sollte: ehrlich, berührend und voller Kraft.
Für Musical-Liebhaber:innen, die Wert auf eine einzigartige Gesamtinszenierung, exzellente Gesangs- und Tanzleistungen sowie emotional tiefgehendes Theater legen, ist diese Aufführung eine absolute Empfehlung.
Fame lebt weiter! Nicht nur auf der Bühne, sondern im Herzen des Publikums.
