Flashdance - Das Musical
Rezension: Marc Lohse
Hagen, 06. Dezember 2025
Einführung
Das Theater Hagen verwandelte sich am 6. Dezember 2025 in ein vibrierendes Stück Pittsburgh der 1980er, wo Träume zwischen Stahl, Schweiß und Tanz geboren werden.
Premieren haben immer etwas Besonderes. So auch bei der Premiere dieses großen Klassikers. Die Spannung im Publikum war greifbar, die Atmosphäre erwartungsvoll.
Kaum war der Vorhang gehoben und der erste Beat zu hören, war klar: Diese Premiere würde nicht bloß nostalgische 80er-Jahre-Erinnerungen wecken, sie würde brennen. Mit Feuerfontänen und passendem Bühnenbild wurde das Publikum gleich in die Geschichte hineingezogen.
Was folgte, war ein Abend, der das Publikum nicht nur begeisterte, sondern eindrucksvoll daran erinnerte, wofür Musicaltheater steht: für Herzblut, Dynamik und das Gefühl, am Leben zu sein.
Hintergrund & Kontext
Vom Kino-Phänomen zur Bühnenexplosion.
„Flashdance“ ist mehr als nur ein Titel, es ist ein Lebensgefühl. Die Geschichte begann 1983 als Filmhit, der eine ganze Generation prägte und mit Songs wie „What a Feeling“ und „Maniac“ Welthits hervorbrachte. Die Bühnenfassung, die später aus diesem Kultfilm entstand, übersetzt die Energie der 80er in eine mitreißende Musiktheater-Sprache, die weltweite Produktionen inspirierte. Das Theater Hagen hat nun seinen ganz eigenen Weg gefunden, diese Geschichte neu zu erzählen. Mit einem kreativen Team, das die ikonischen Elemente respektiert, aber klug modernisiert hat.
Besonders die dreigeteilte Drehbühne, ein seltener technischer Coup in der Theaterwelt, verleiht der Produktion ein beeindruckendes Alleinstellungsmerkmal: Veränderungen von Szene zu Szene werden nahtlos, organisch, filmisch-genau das, was dieses Werk verlangt und was es für das Publikum so Besonders macht.
Die kreative Handschrift spiegelt eine klare Vision: Statt auf Glitzer und Oberflächenästhetik setzt diese Inszenierung auf emotionale Wahrhaftigkeit, körperliche Präsenz und eine tänzerische Leistung, die ihresgleichen sucht.
Handlung
Träume zwischen Stahl und Tanz
Die Geschichte ist schnell erzählt, ohne ihre Kraft zu verlieren: Alexandra „Alex“ Owens arbeitet tagsüber in einem Stahlwerk und träumt von einer Karriere als Tänzerin. Zwischen harter Realität und großer Hoffnung entdeckt sie die Liebe zu Nick, dem jungen Sohn des Fabrikbesitzers, der ihr Leben durcheinanderwirbelt.
Ihre Leidenschaft für das Tanzen wird zum Sinnbild für Selbstverwirklichung, gegen Widerstände, Vorurteile und Zweifel.
Musik
Zwischen Synthie-Power und Bühnenpathos
Die Musik von Flashdance lebt von ihren Kontrasten: dynamische Beats, gefühlvolle Balladen, explosiver Tanzsound.
In Hagen wurde diese Klangwelt, mit großem Respekt vor den Originalsongs und dem gut gewählten Wechsel zwischen englischen und deutschen Texten, sehr gut umgesetzt.
Die großen Hits wie „What a Feeling“, „Maniac“ oder „Gloria“ blieben in der Originalsprache, und das war goldrichtig. So blieb ihre Authentizität erhalten, während die anderen Songs in deutscher Übersetzung arrangiert wurden, was dem Verständnis der Szenen sehr entgegen kam.
Das Orchester sorgte für ein druckvolles Fundament. Doch hier lag zugleich ein Schwachpunkt des Abends: Die Lautstärke der Musik übertönte stellenweise die Gesangsstimmen, insbesondere bei Solo-Parts. Gerade in den emotionalen Momenten der Hauptdarsteller wirkte dies hinderlich. Dieser technische Aspekt dürfte in den kommenden Vorstellungen leicht korrigiert werden.
Musikalisch war der Abend dennoch eine Wucht. Energiegeladen, rhythmisch präzise, immer auf Bewegung hin komponiert. Das Ensemble nutzte die Musik als treibenden Puls des Geschehens, nie als bloße Begleitung.
Darsteller
Juliette Lapouthe als Alex
Ihre Alex ist keine idealisierte Traumtänzerin. Sie ist kämpferisch, lebendig.
Lapouthe hat eine beeindruckende Schauspieltiefe, die selten wird, wenn es um emotional anspruchsvolle Musicals geht. Sie bringt, mit einer Ehrlichkeit die nie ins Kitschige kippt, Ausdrucksstärke in jede Szene. Entschlossen, leidenschaftlich, und mit dieser Mischung aus Verletzlichkeit und Stärke, spielt sie eine Alex, die mit Herz und Muskeln denkt und fühlt.
Marius Bingel als Nick
Marius Bingel überraschte mit seiner ungewöhnlich sanften, empathischen Interpretation des Nick Hurley.
Während viele Produktionen den Charakter als kühlen Geschäftsmann zeigen, spielte Marius Bingel einen anderen Ansatz: menschlicher und weniger skrupellos. Diese Zugänglichkeit machte die Beziehung zu Alex glaubwürdiger und berührender. Das Zusammenspiel mit Juliette Lapouthe war perfekt: zwei Energien, die sich anziehen, ohne zu verschmelzen.
Sein Gesang ist klar eine ganz große Stärke von ihm, die nicht auf Effekt ausgerichtet ist, sondern auf Ausdruck. Chemisch passte
Katharina Wollmann als Niki
Katharina Wollmann glänzte mit Leichtigkeit und Charme.
Ihre Szenen brachten frische Luft, Humor und Freundschaftsdynamik. All das, was Alex’ Welt braucht, um lebendig zu wirken. Ihre Bühnenpräsenz wirkte nie überzogen, sondern liebevoll geerdet.
Joyce Diedrich als Tess
Mit tänzerischer Eleganz und funkiger Energie begeisterte Joyce Diedrich als Tess. Besonders in den Ensemble-Choreografien wurde deutlich, wie präzise sie Timing und Körpersprache kontrolliert.
Nike Tiecke als Gloria
Nike Tiecke brachte Emotion pur. Ihre Darstellung zeigte Glorias Sehnsucht nach Ruhm mit großer Sensibilität, nie als Karikatur, sondern als Abbild der jugendlichen Naivität, die „Flashdance“ so menschlich macht. Dramatisch berührend und darstellerisch ausgereift.
Anja Frank-Engelhaupt als Hannah
Als Tanzlehrerin und Mentorin wurde Anja Frank-Engelhaupt zur ruhenden Mitte der Inszenierung. Ihre Stimme besitzt Wärme, ihr Spiel Substanz – sie ist der emotionale Gegenpol zum industriellen Rhythmus der Geschichte.
Nicoletta Luna Iparraguirre de las Casas als Louise/Mrs. Wilde
Ein Name, so klangvoll wie ihre Performance. Nicoletta Luna Iparraguirre de las Casas verkörperte gleich zwei markante Nebenrollen mit beeindruckender Wandlungsfähigkeit. Besonders ihre Mrs. Wilde, resolut, aber humorvoll, sorgte für Situationskomik mit feinem Timing.
KS Richard van Gemert als C.C.
Als schmieriger Clubbesitzer gab KS Richard van Gemert der Geschichte ihre dunkle Note. Seine gefährliche Aura war ständig Präsent auf der Bühne.
Tim Stolberg als Jimmy
Tim Stolberg setzte als Jimmy emotionale Akzente zwischen Traum und Realität. Seine charmante Unsicherheit wurde zu einem liebenswerten Gegenpol der Story.
Götz Vogelgesang als Harry
Als erfahrener Anker des Ensembles brachte Götz Vogelgesang Gravitas und Humor zugleich auf die Bühne. Eine jener Nebenrollen, die das Fundament der Geschichte stabil halten.
Das Ensemble
Selten war ein Ensemble so als Einheit auf der Bühne zu erleben! Die Choreografien waren einzigartig-abwechslungsreich, präzise und perfekt vorgetragen bis ins letzte Detail. Eine Ensemble-Leistung, die ihresgleichen sucht und alleine schon wert ist, diese Inszenierung zu sehen.
Auch beeindruckend war die Fähigkeit aller Beteiligten, das Spiel während der Bühnenverwandlungen bis zum neuen Bühnenbild nahtlos fortzuführen. Keine Spur vom üblichen „Stop-and-Go“, das oft den Rhythmus solcher Abende stört. Eine bewundernswerte Leistung, die Professionalität und Teamgeist beweist.
Bühnenbild, Licht & Kostüme
Herzstück der Inszenierung war die dreigeteilte Drehbühne. Ein technisches Meisterwerk.
Ob Fabrikhalle, Tanzclub oder Alex’ Wohnung, alles verschmolz dadurch zu einer flüssigen Geschichte, statt sie zu unterbrechen.
Das Lichtdesign spielte mit Kontrasten: kühle Blautöne für die Arbeitswelt, warme Lichtstimmungen für emotionale Szenen.
Die Kostüme mischten 80er-Jahre-Farben mit realistischem Alltagslook. Retro, aber nie kitschig.
Regie & Dramaturgie
Die Regie wählte einen rhythmischen und sehr musikalischen Erzählfluss, der kaum Pausen zuließ. Jede Szene glitt in die nächste über, unterstützt vom genialen Bühnenmechanismus.
Besonders stark: Diese Version von Flashdance erzählte nicht einfach, sie pulsierte. Ein weiterer Pluspunkt war die Interpretation der Figuren: Alex’ Entwicklung wirkt nachvollziehbarer, Nicks Charakter menschlicher.
Publikum & Atmosphäre
Das Premierenpublikum im Theater Hagen reagierte begeistert. Mit Szenenapplaus, gespannter Stille in emotionalen Momenten und stehenden Ovationen zum Finale.
Besonders Juliette Lapouthe wurde mit tosendem Applaus belohnt und das völlig verdient. Das Publikum spürte die Echtheit der Darbietungen und die gemeinsame Energie, die an diesem Abend durch den Raum ging.
Kritische Einordnung
Diese „Flashdance“-Inszenierung des Theater Hagen hebt sich durch drei markante Punkte ab:
Technische Meisterleistung: Die dreigeteilte Drehbühne ist ein Gamechanger für szenischen Fluss.
Darstellerische Stärke: Lapouthe und Bingel tragen das Stück glaubwürdig, emotional.
Ensembleleistung: Jede Choreografie, jeder Übergang sitzt. Eine choreografische Symphonie.
Kritisch anzumerken bleibt nur die überhöhte Lautstärke der instrumentalen Begleitung, die an manchen Stellen die Sänger übertönte. Kleinere Tonanpassungen könnten hier Abhilfe schaffen.
Verglichen mit anderen deutschsprachigen Flashdance-Produktionen (etwa den Tourfassungen der vergangenen Jahre) setzt Hagen mehr auf Einzigartigkeit und weniger auf Showeffekte. Eine wohltuende Entscheidung, die dem Stück mehr Qualität verleiht.
Zielgruppe
Musical-Einsteiger: Klare Geschichte, emotionale Musik, mitreißende Tanznummern.
80er-Fans: Originalsongs in englischer Sprache, ikonische Atmosphäre.
Familien: Abwechslungsreich, verständlich, visuell spektakulär.
Tanzliebhaber: Herausragende Choreografien und körperliche Präzision.
Kenner: Eine erfrischend neue Lesart mit technischer Finesse
Bewertung
Eine Premiere mit Herz, Technik und Haltung
Diese „Flashdance“-Premiere am Theater Hagen war ein Gesamtkunstwerk aus Bewegung, Emotion und Mut zur Innovation. Juliette Lapouthe überzeugte als authentische, kraftvolle Hauptfigur, Marius Bingel berührte mit seiner sensiblen Interpretation und beeindruckte mit starkem Gesang.
Die gesamte Cast setzte mit Teamgeist und Energie ein Zeichen für gelebte Theaterleidenschaft. Einige technische Unstimmigkeiten ändern nichts an der Gesamtwirkung: Diese Produktion lebt und lässt das Publikum tanzen, mitfühlen und träumen.
Fazit:
Ein intensiver, modern erzählter Abend, der beweist, dass „Flashdance“ weit mehr ist als Nostalgie. Es ist eine Hommage an den Glauben an sich selbst!
