Mörder unter sich
Rezension: Marc Lohse
Itzehoe, 22. März 2025
One Woman, One Show
Das Musical „Mörder unter sich“ von Maricel Wölk ist ein außergewöhnliches Projekt in der deutschsprachigen Musicallandschaft, das in einer intensiven One-Woman-Performance zu erleben ist. Wölk, die sowohl kreative Schöpferin als auch einzige Darstellerin des Stückes ist, inszeniert eine düstere Psychothriller-Geschichte mit musikalischem Fundament, die sich maximal von Mainstream-Musicals abhebt.
Handlung und Thematische Tiefe
Zentrale Figur ist Bianca, eine Frau mit multipler Persönlichkeitsstörung, die mit fünf weiteren Persönlichkeiten in einem Körper lebt – von einer kecken Teenagerin bis zur französischen Femme fatale. Bianca wird des Mordes verdächtigt, bei der fünf Menschen ums Leben kamen. In ihrer verzweifelten Suche nach der Wahrheit wird das Publikum in ein komplexes psychologisches Spiel hineingezogen, in dem es die Aufgabe hat, mitzudenken und zu rätseln, wer der „wahre“ Mörder unter den Persönlichkeiten ist.
Darin liegt eine bemerkenswerte inhaltliche Tiefe: Das Stück vermittelt auf eindrucksvolle Weise die Zerrissenheit des menschlichen Geistes und greift ein Tabuthema, die dissoziative Identitätsstörung, mit Respekt und Feingefühl auf. Es verzichtet dabei auf oberflächliche Schockeffekte und setzt stattdessen auf eine Mischung aus Thriller, Komödie und einer ernsthaften Auseinandersetzung mit psychischer Krankheit. Gerade der vorsichtige Humor schafft einen Raum, der aufklärt, ohne zu verletzen.
Musikalische Gestaltung
Das musikalische Gerüst von Mörder unter sich bietet eine Bandbreite von jazzigen, kabarettistischen bis hin zu tief emotionalen Balladen. Die Songs sind eingängig, facettenreich und tunlichst an die jeweilige Persönlichkeit Biancas angepasst. Besonders der Song „Vergessen“ hinterlässt als Ballade nachhaltigen Eindruck und bringt die emotionale Tragweite der Erkrankung auf den Punkt.
Kritisch zu vermerken ist, dass die Musik vom Band kommt, was bei Live-Musical-Fans unter Umständen etwas an Authentizität kostet. Die stilistische Vielfalt der Songs ist zugleich Stärke und Schwäche, da manchem geneigten Musicalfan eine klarere stilistische Linie fehlen mag. Dennoch gelingt Maricel eine Komposition, die die Handlung dramaturgisch unterstützt und die Spannung durch musikalische Höhepunkte wirkungsvoll trägt.
Inszenierung und Darstellerische Leistung
Die Inszenierung ist bewusst minimalistisch, mit reduzierter Bühne, punktgenauer Lichtregie und vor allem beeindruckenden Videoprojektionen. Maricel Wölk vollbringt eine schauspielerische Glanzleistung, wenn sie mühelos zwischen den sechs unterschiedlichen Persönlichkeiten wechselt. Fein nuancierte Mimik, stimmliche Variationen und kleine Kostümaccessoires schaffen klare Abgrenzungen und sorgen für viel Dynamik und Spannung. Man spürt das enorme schauspielerische und gesangliche Können, das nötig ist, um ein solches komplexes Ein-Personen-Stück zu tragen. Trotzdem zeigt sich, dass die ständige Soloperformance eine enorme Herausforderung ist, die gelegentlich anstrengend wirkt.
Kritische Einordnung
„Mörder unter sich“ ist kein typisches Musical, das leichte Unterhaltung bietet, sondern fordert und provoziert mit einem ungewöhnlichen Thema und einer eigenwilligen Erzählform. Es scheut sich nicht vor schwierigen Themen und bringt psychologische Komplexität und Krimispannung zusammen. Die Verbindung von mehreren Kunstformen, Musical, Psychothriller, Kabarett, wird gelungen umgesetzt, wenngleich an manchen Stellen mehr Mut zu noch stärkerer stilistischer Konsequenz wünschenswert wäre. Gerade gegen Ende, wo die Vielzahl von Handlungsebenen und Wendungen die musikalische und erzählerische Linie etwas überfrachtet und diffuse Momente entstehen. Auch die Entscheidung, mit Livemusik zu verzichten, dürfte unter Fans diskutiert werden, mindert aber nicht die Intensität der Aufführung.
Die Inszenierung ist mit ihrem minimalistischen Konzept zeitgemäß und nutzt moderne Technik wirkungsvoll, wenn auch mit dem Risiko, zu distanzieren.
Fazit
Die Vorstellung von Mörder unter sich zeigt ein faszinierendes musikalisches Psychodrama, das auf hohem künstlerischen Niveau umgesetzt ist. Maricel Wölks Leistung als Solokünstlerin ist meisterhaft und schafft eine intime, zum Nachdenken anregende Atmosphäre, die lange nachwirkt. Das Stück bildet eine reizvolle Ausnahmeerscheinung im deutschen Musicalbetrieb, mit deutlichen Stärken in der psychologischen Tiefe und musikalischen Vielfalt. Für Liebhaber von musikalischem Krimi, ungewöhnlichen Theaterformen und künstlerischen Soloformaten ist es absolut sehenswert, auch wenn es die Leichtigkeit eines klassischen Musicals bewusst meidet und inhaltlich viel Konzentration verlangt.
